Kommentar | Vestas in Lauchhammer schließt - Ein dreifach verheerendes Signal

Archivbild: Windraeder mit der Aufschrift "VESTAS" stehen bei Heinersbrueck in der Lausitz. (Quelle: dpa/A. Franke)
Video: rbb|24 | 21.09.2021 | Material: Brandenburg aktuell | Bild: dpa/A. Franke

Der dänische Windkraftanlagenbauer Vestas macht seine einzige ostdeutsche Produktionsstätte in Lauchhammer dicht. Das ist ein verheerendes Signal für Lauchhammer, für die Lausitz und für die Bundespolitik, kommentiert Andreas Rausch.

Lauchhammer gilt als die Wiege der Braunkohleindustrie, zu Zeiten der französischen Revolution wurde hier das erste Flöz angebohrt. Hier stand die weltweit erste Kokerei, die industriellen Hochtemperaturkoks auf Braunkohlebasis produzierte. Hier war der Strukturbruch nach der Wende 1989 beispiellos, mehr als 15.000 Arbeitsplätze verschwanden in kurzer Zeit ersatzlos, die verdeckte Arbeitslosenquote lag in den 1990er-Jahren bei über 70 Prozent.

In Scharen wanderten die Menschen aus, die Einwohnerzahl halbierte sich nahezu. Bis heute hat sich Lauchhammer von diesem Schock nicht erholt. Die Ansiedlung von Vestas vor 19 Jahren war ein zaghaftes Zeichen der Hoffnung, ein zukunftsträchtiges Werk, die einzige nennenswerte Ansiedlung in Lauchhammer bis heute, gebaut auf dem Gelände einer früheren Brikettfabrik. Geht noch mehr Symbolik? Dass Vestas schließt, ist ein verheerendes Zeichen für die Stadt und ihre Einwohner, die ihre Identität nach der Kohle noch immer nicht gefunden haben.

Gefährliches Signal inmitten des Strukturbruchs

Es ist aber auch ein verheerendes Zeichen für die ganze Lausitz. Seit mehr als einem Jahr wissen die Menschen im Revier, dass die Zeit der Kohle vorbei ist, spätestens 2038, wahrscheinlich früher. Den brutalen Strukturbruch wie schon mal nach der Wende soll es nicht wiedergeben, deshalb steht die Summe von 17 Milliarden Euro für die Lausitz zur Verfügung, um nachhaltige Arbeitsplätze zu schaffen. Seit mehr als einem Jahr.

Während die Debatte um einen früheren Kohleausstieg immer lauter wird, gibt es sie noch nicht, diese Ersatzarbeitsplätze. Was es gibt, sind Absichtsbekundungen, die Gründung von Instituten, ein Bahnwerk wird gebaut, eine Universitätsmedizin in Cottbus. Alles noch Zukunftsmusik. Real ist nun der Verlust von 460 Arbeitsplätzen, die zukunftssicher schienen und bislang wichtiger Teil im notwendigen Strukturwandel waren. Was löst dieser Verlust nun in den Köpfen derjenigen aus, die schwanken, ob sie gehen oder bleiben sollen? Ist nicht die Rede vom notwendigen Ausbau der Windenergie? Kann man sich auch darauf nicht verlassen?

Die Mitschuld der Politik

Der Vestas-Rückzug ist auch ein verheerendes Zeichen für die Politik. Seit 2017 ist die Zahl der neugebauten Windkraftanlagen in Deutschland eingebrochen, im Saarland wurde 2020 nicht eine einzige genehmigt, in Bayern lediglich drei. Brandenburg blieb da zumindest auf konstantem Niveau.

Warum ist das so? Auch, weil immer mehr Bürgerinitiativen sehr klagefreudig sind und keine Windräder in ihrer Nachbarschaft haben wollen, auch weil Genehmigungsverfahren immer länger dauern, auch weil die Bundespolitik die regulatorischen Hürden für neue Anlagen immer höher legte und damit sowohl die eigene Energiewende torpedierte als auch die Windkraftbranche.

Nur ein Wunder kann noch helfen

Vestas produzierte zunehmend für den Export, der Hersteller ist konsequent global orientiert, die Boom-Märkte liegen längst nicht mehr hierzulande, der Windenergiehunger ist in Asien und Amerika am größten - dort hat der dänische Hersteller aber mittlerweile eigene Kapazitäten aufgebaut, auch mit dem Know-how der langjährigen Vorzeigestandortler aus Lauchhammer. Nun ist die Produktion in der Lausitz zu teuer geworden, auch der Transport zu den Märkten zu aufwendig. Eine erste brutale Schrumpfkur vor zwei Jahren war offenbar nicht nachhaltig erholsam. Die Zahlen sprechen für eine Schließung, trotz des erhofften Schubs für die Windenergie nach der Bundestagswahl.

Für Lauchhammer und knapp 500 Mitarbeiter kommt dieser Schub offenbar zu spät. Es sei denn, es geschieht doch noch ein Wunder. Doch Wunder sind in dieser Region bislang dünn gesät.

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Beitrag von Andreas Rausch

44 Kommentare

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  1. 44.

    Nee das mit der Windkraft verhindern vor Ort macht Altmaier doch nicht selbst. Dafür hat er seinen Abteilungsleiter von Vernunftkraft im Kanzleramt....

  2. 43.

    "Es handelt sich nämlich um subventionierte Arbeitsplätze,"

    Und? Von denen haben wir so viele, dass sich die Frage stellt warum es hier auf einmal problematisch ist und an anderen Stellen nicht. Wir haben zum Beispiel 950 000 Aufstocker und dann gibt es noch Agrarsubventionen und die Energiewirtschaft wird gefördert und die Autoindustrie wird gefördert und die Luftfahrt wird gefördert und der Schiffsbau wird gefördert und und und ...
    Wir haben so viele subventionierte Arbeitsplätze. Warum sind diese falsch? Vestas hat übrigens nur indirekt von den Subventionen profitiert. So haben diese mehr als nur ein Unternehmen unterstützt.

  3. 42.

    Die Studien des Herrn Sinn sind in Fachkreisen außerhalb von EIKE und Vernunftkraft allerdings - hm - umstritten. Er hantiert z.B. gerne mit veralteten Zahlen aus Quellen, die deren Ersteller längst auf aktuelleren Stand gebracht haben.

  4. 41.

    Warum tun Sie dann nichts gegen Ihre eigene Unwissenheit? Es gäbe genügen Studien, die Sie Lügen strafen.

  5. 40.

    Wenn deutschlandweit Windflaute herrscht und nur in einer Ecke Spaniens der Wind, reicht diese Windenergie trotzdem nicht für ALLE in Deutschland und Europa.
    Die meisten wissen nicht, daß wir schon einige male am Blackout knapp vorbeigeschrammt sind.
    Die große technische Unwissenheit im modernen Deutschland ist zutiefst erschreckend, das zeigen genau einige Antworten zu meinem Kommentar.
    Hier haben die Schule und die Medien gehörig Nachholebedarf.

  6. 39.

    Oje Lisa, sie wollen Belege, dass die Speichertechnologie noch nicht industriereif ist...googeln sie einfach nach Prof. Sinn oder Prof. Schwarz.
    P2G ist mit einem Wirkungsgrad deutlich <40% noch lange nicht markttauglich.
    Und die Ladungsmenge, welche die aktuell größten Batterien (~100MWh)aufnehmen können, kann man in einer Industrienation in den Skat drücken!

  7. 38.

    Sie haben offenbar vergessen, dass die Grünen in vielen Landesregierungen sitzen und über den Bundesrat erheblichen Anteil an politischen Entscheidungen hat. Und ob dies fortschrittliche Technologien sind, wird sich erst dann erweisen, wenn diese ohne Subventionen auskommen

  8. 37.

    Sie sollten vielleicht erst einmal nachdenken, bevor Sie sich aeussern. Ein global agierender Konzern macht sicherlich seine wirtschaftlichen Entscheidungen nicht von lokalen Wahlentscheidungen abhängig. Die Ursache für den geringeren Ausbau der Windernergie, dies schlägt hier durch, liegt an der Subventionspokitik. Irgendwann ist der Topf leer und man kann die Buerger nicht endlos zum Füllen des Topfes schroepfen. Es handelt sich nämlich um subventionierte Arbeitsplätze, Für jeden persönlich Betroffenen ist dies sicherlich schlimm, aber volkswirtschaftlich ist die Entscheidung nachvollziehbar.

  9. 36.

    Viel Wind ist nicht in dem Artikel. Mal ganz nebenbei werden jede Menge Projerkte zur Infrastruktur in der Lausitz gestrichen. Diese Mittel, die eigentlich für die Komensation der Jobverluste in der Kohleindustrie flächig eingesetzt werden sollten , werden an wenigen Stellen konzentriert. Wie ein Kohlekumpel in einem medizinischen oder Hochtechnologie-Forschungszentrum Arbeit finden soll, erklärt niemand. Da sind die Arbeitsplätze in Lauchhammer nur ein laues Lüftchen in Vergleich zu dem, was an Orkanen auf uns hier zukommt.

  10. 35.

    Ach beinahe vergessen, die Kobolde, welche E-Autos anteiben:-) :-)

  11. 33.

    Ihr Satz stimmt nur bis zum Komma nach dem Wort kann.--Die Vision muss doch sein, mit Hilfe der Materialforschung das Recycling der abzubauenden und zu ersetzenden Windkrafträder zu forcieren. Vielleicht tragen einige der Beschäftigten dazu bei, denn diese Leute kennen den Werkstoff doch am besten und haben Vorschläge, was man anders, besser machen kann!Das Verhalten von Vestas ist jedoch eindeutig, dagegen müsste man auf die Straßen gehen. Leider ist Lauchhammer betroffen, nur im Ruhrgebiet kann man sich ein Bild machen, was die Einwohner dort aber auch in Schwarze Pumpe in der Vergangenheit ertragen mussten. Das heißt, dass Finanzierungsmodelle, Werkstoffe und das Recyling (auch von Standorten!) neu gestaltet werden müssen. Hier können erfahrene "Hasen" und junge Innovationskraft zusammen-kommen. Ich wünsche mir, dass das sehr schnell gelingen möge. Aber es braucht auch dazu jeden Einzelnen. Lebenslanges Lernen, diese Forderung existiert seit 2007 in der EU, kaum zur Notiz genommen.

  12. 32.

    "Es spielt keine Rolle, ob in einem Stromnetz einzelne Quellen grundlastfähig sind oder nicht. [...]
    Dass eine Energieversorgung, die ausschließlich auf erneuerbaren Energien basiert, auf die oben beschriebene Weise dennoch zu jedem Zeitpunkt eine stabile Stromversorgung gewährleisten kann, hat das Forschungsprojekt “Kombikraftwerk 2” nachgewiesen. Details dazu kann man im Abschlussbericht des Projektes nachlesen."
    http://www.kombikraftwerk.de/fileadmin/Kombikraftwerk_2/Abschlussbericht/Abschlussbericht_Kombikraftwerk2_aug14.pdf

    Quelle: https://energiewende-rocken.org/grundlast-kannst-du-knicken/

    Viel Spaß bei der Lektüre. :)

  13. 31.

    "können die grundlastfähigen Atom- und Kohle-KW nicht abgeschaltet werden."

    Es gibt ja noch Gas.

  14. 30.

    Wird endlich Zeit für die Kernfusion, es gibt gute Fortschritte mit dieser Technologie. Mit Wind und Solar werden wir offensichtlich nicht den Bedarf für Elektrofahrzeuge decken können.

  15. 29.

    Absolut zutreffend. Deswegen geht der Kommentar des Herrn Rausch am wesentlichen Sachverhalt vorbei. Die Landschaft noch mehr verspargeln bringt nicht die Lösung, weil parallel zur "Zappelenergie" Wind und Sonne immer grundlastfähige Energieversorgung in einem modernen Industriestaat vorrätig gehalten werden muss.

  16. 28.

    Nachdem das nicht so recht geklappt hat den "Batterien im Netz", die für eine grundlastfähige Windenergieversorgung erforderlich wären, bricht Frau Baerbock nun zu neuen Ufern auf. Die berufslose "Völkerrechtlerin" nun „Ich will die Krisen dieser Welt lösen“.

    https://www.welt.de/politik/deutschland/video233886236/Kanzlerkandidatin-der-Gruenen-Annalena-Baerbock-im-Exklusiv-Interview-mit-Jan-Philipp-Burgard.html

  17. 27.

    Bei den 17 Mrd Fördermitteln wurde ja auch schon angemerkt, dass die Lausitz da nicht frei verfügen kann und schon diverse unterstützende Unternehmen auf Bundesebene schon festgelegt wurden. Ein klares Zeichen, dass die Bundespolitik den Strukturwandel zur Unterstützung ausgewählter Industrien nutzt und der Strukturwandel vorgeschoben ist. Ein Muster, dass man sehr oft beobachten kann. Dass dann nicht genügend für einen wirklichen Strukturwandel zur Verfügung steht und sie deswegen auch scheitern ist nachvollziehbar.
    Mein Vorschlag: Gebt den 20000 Kohlekumpel die 17 Mrd in die Hand. Macht die Tagebaue zu. Und lasst die mal selbst machen. 20000 Leute mit je 850000€ in der Tasche haben doch genügend Geld um den Wandel selbst zu gestalten. Die können alle Windmüller werden wenn sie wollen und wenn nicht, dann sind die Lausitzer wenigstens selbst Schuld an dem Ergebnis.
    "Aufbau Ost" hat übrigens im seltensten Fall das Ziel den Osten aufzubauen, lässt sich aber super verkaufen.

  18. 26.

    Belegen Sie doch mal, dass Speicher nicht in Sicht sind. Speicher machen finanziell zur Zeit einfach keinen Sinn, weil es billiger ist die Netzstabilität anders zu gewährleisten. Darum wurden sie noch nicht gebaut. Es existieren aber durchaus große Versuchsanlagen, z.B. für Power2Gas, und vereinzelt lohnen sich kleine Batterien schon heute. Davon kann man einfach mehr bauen, wenn wir denn mal so weit wären mit der Energiewende, dass wir tatsächlichen Überschuss hätten, bei dem es sich mehr lohnt zu speichern statt ins Ausland zu verkaufen.

  19. 25.

    Enercon hat viele Transporte auf die Schiene verlagert. Und dass der Cargo Lifter noch leichter als heiße Luft war, hat auch andere Gründe.

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