Interview | IHK-Hauptgeschäftsführer Cottbus - "Die Leute haben begriffen, dass der Strukturwandel unausweichlich ist"

Do 06.01.22 | 12:58 Uhr
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Windräder drehen sich vor dem Kraftwerk Jänschwalde in der Lausitz. (Quelle: imago/Rainer Weisflog)
Bild: imago/Rainer Weisflog

Der Strukturwandel ist überall in der Lausitz spürbar. Die ersten Projekte nehmen Fahrt auf, viele Unternehmen haben Fragen. Im Interview spricht der alte und neue Hauptgeschäftsführer der Cottbuser IHK über den Stand und über die Rolle der Kammer.

Wolfgang Krüger kennt die Lausitz und die Menschen, die dort leben, gut. Der 71-Jährige war bis 2018 zehn Jahre lang der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Cottbus (IHK). Vor kurzem hat er diesen Posten wieder übernommen. In der Zwischenzeit hat sich beim Thema Strukturwandel viel getan. Die ersten Projekte nehmen Fahrt auf, die neue Bundesregierung will den Kohleausstieg "idealerweise" acht Jahre früher.

Im Interview spricht Krüger über die Rolle der IHK im Strukturwandel und darüber, ob ein früherer Ausstieg aus der Braunkohle überhaupt möglich ist.

rbb24: Herr Krüger, 2018 haben Sie die IHK verlassen. Damals war der Strukturwandel schon ein großes Thema. Was hat sich seitdem verändert?

Wolfgang Krüger: Die Diskussion um den Strukturwandel war 2018 eher noch theoretischer Natur. Er ist jetzt deutlich handfester geworden. Und ich glaube, dass den Menschen hier in der Lausitz klargeworden ist, dass er unausweichlich ist und dass er vor allem mit einer unglaublichen Geschwindigkeit näher rückt. Andererseits habe ich wahrgenommen, dass die sichtbaren Ergebnisse des Strukturwandels jetzt schon für die Menschen erfahrbar sind. Da denke ich an die Entscheidung der Deutschen Bahn AG, hier ein neues ICE-Ausbesserungswerk zu bauen, mit einer Investition von immerhin einer Milliarde Euro.

Liegt denn der Strukturwandel im Plan?

Im Plan noch nicht. Er wird sicherlich noch einmal unter Druck geraten, vor dem Hintergrund, dass die neue Ampel-Regierung in Berlin den Kohleausstieg "idealerweise" von 2038 auf 2030 vorziehen möchte. Das wird aber, glaube ich, ein schwieriges Unterfangen, weil die Versorgungssicherheit der Unternehmen absolute Priorität haben muss. Die Stromversorgung muss gesichert sein, sonst werden wir den gesamten Transformationsprozess nicht finanzieren können.

Es hat zuletzt immer wieder Kritik am Strukturwandel gegeben und daran, wie er gestaltet werden soll. So dürfen Unternehmen beispielsweise nicht direkt mit Strukturmitteln gefördert werden, um sich neu aufzustellen. Teilen Sie diese Kritik?

An der Kritik ist durchaus etwas dran. Wir sind besonders froh darüber, dass der Wirtschaftsminister des Landes Brandenburg (Jörg Steinbach, Anm. d. Red.) den Kammern jetzt die Aufgabe übertragen hat, den Unternehmen bei der Umsetzung der Gelder aus dem Just Transition Fund (EU-Hilfe für Kohleregionen in ganz Europa, Anm. d. Red.), immerhin 786 Millionen Euro, direkt als Beratungsgremien zur Verfügung zu stehen. Ich glaube, dass es nötig ist, den Strukturwandel nicht nur in Bezug auf große Unternehmen zu sehen, sondern auch auf den leistungsfähigen Mittelstand. Hier haben die Unternehmen bei den anstehenden Transformationsprozessen erheblichen Beratungs- und Unterstützungsbedarf und den müssen wir leisten.

Es gibt auch Kritik daran, dass zu viele sogenannte weiche Standortfaktoren gefördert werden und zu wenige Industrieprojekte. Teilen Sie diese Kritik?

Das mag in Sachsen anders gehandhabt werden als in Brandenburg. Ich glaube, dass der Fokus in Brandenburg schon deutlich auf der Stärkung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Region hier liegt. In Einzelfällen kann das so sein, dann teile ich die Kritik. Ich glaube, dass es notwendig ist, nicht nur die großen Unternehmen jetzt bei dem Transformationsprozess zu unterstützen und zu fördern, sondern vor allen Dingen auch die entsprechenden Zulieferunternehmen aus dem mittelständischen Bereich. Hier gibt es großen Beratungsbedarf, aber auch finanziellen Bedarf, um beispielsweise die Produktion auf CO2-neutrale Verfahren umzustellen. Die wirtschaftsnahen Investitionen aus den Fördergeldern müssen wir nach wie vor im Blick behalten.

Nun gab es einige große Ankündigungen für Cottbus: Das Bahnwerk mit rund 1.200 neuen Arbeitsplätzen, die geplante Unimedizin mit geschätzt 1.600 Arbeitsplätzen und erst am Mittwoch den Baustart für ein neues Forschungszentrum der BTU mit 400 Arbeitsplätzen. Reichen diese Ansiedlungen schon für einen Strukturwandel aus?

Ich glaube, dass da noch viele andere dazukommen werden. Aber diese drei Anker sind durchaus wichtig, weil sie Strahlkraft entfalten. Selbst, wenn sie auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben - das Gesamtbild einer sich verändernden Region ist entscheidend. Dass es attraktiv wird für andere Unternehmen sich hier anzusiedeln, weil sie alles vorfinden. Von einer neuen Form der Energieerzeugung, über moderne Mobilitätsangebote, bis hin zu einer leistungsfähigen Medizin. Das ist wichtig, um die Attraktivität einer Region zu begründen, die in der Vergangenheit eher monostrukturiert war.

Ist denn aus Ihrer Sicht ein Kohleausstieg bis 2030 überhaupt machbar, insbesondere in Hinblick auf die nötigen Planungen?

Ich habe da so meine Zweifel. Wenn wir die Planungsprozesse nicht entscheidend beschleunigen, dann wird 2030 auch ein Zeitraum sein, den man nur "idealerweise" erreicht. Wir müssen schneller werden in den bürokratischen Prozessen. Wir müssen schneller werden in den Planungsprozessen und dann auch in der entsprechenden Umsetzung. Dabei verweise ich aber auch darauf, was wir zu Zeit erleben - was Fachkräftemangel und Materialmangel ausmachen. Ich empfehle dabei ein Stück mehr Realismus.

Welche Rolle spielt die IHK in diesem Prozess?

Die IHK sollte als Vertreter des Mittelstandes eine entscheidende Rolle in diesem Prozess spielen. Vor allem im Beratungs- und Beantragungsprozess von Geldern, die aus dem Just Transition Fund der EU kommen. Da fließt viel Geld in die Lausitz. Wenn das bei den Unternehmen gut angelegt ist, können wir als IHK einen entscheidenden Beitrag zum Strukturwandel leisten. 2030 halte ich für illusorisch, aber irgendwann zwischen 2030 und 2038 wird es so weit sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dirk Schneider für Brandenburg Aktuell, Antenne Brandenburg und rbb Inforadio.

Sendung: Antenne Brandenburg, 06.01.2022, 15:10 Uhr

16 Kommentare

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  1. 16.

    Man kann aus Wasserstoff aber Methan machen. Die Versuchsanlagen existieren sehr wohl, ich weiß nicht was Sie da behaupten. Zum Beispiel gibt es in Werlte eine 6MW Anlage, die seit 2013 im Betrieb ist. Das ist weit weg von Labortischgröße.

  2. 15.

    Nein, Wasserstoff kann man in der geforderten Größenordnung als Pufferung von Wind- und Sonnenenergie überhaupt nicht speichern. Die Dimensionen hierfür (U.A. 500 bar Wasserstoff-Verdichtung) sind völlig unrealistisch. Nicht einmal eine großtechnische Versuchsanordnung gibt es. Frau Baerboch hatte ja zurecht erkannt, daß es ohne eine Speichermöglichkeit von Wind und Sonnenenergie nicht geht, deswegen sprach sie zunächst von "Speichern im Netz" wo "alles durchgerechnet" ist.
    Der Flop von "Desertec" läßt grüßen. Dort wollte man die nordafrikanischen Sonne nutzen, gescheitert ist das Projekt, weil es keine ökonomisch vertretbare Speichermöglichkeit der Sonnenenergie gibt.

  3. 14.

    Super - "Filosof" so mehrdeutig von Ihnen verwendet, sieht man nicht alle Tage: Software für Buchhaltungen(Filosof by Scopevisio) oder sogar als neue Rechtscheibung für "Philosoph" lässt einen nachdenken wem Sie meinen, mit Erfolg ;-)
    Leichter ist es bei der "Völkerrechtlerin" die am teuren Gas und an der Verknappung von (chinesischen) Rohstoffen "arbeitet". Der Lausitzer Woidke ist ja nicht umsonst als Polenbeauftragter zurückgetreten, nachdem er nicht zur "Polenantrittsreise" mitgenommen wurde. Zum Glück für ihn, da ist ihm die "Einnordung" erspart geblieben und kann sich nun wieder mehr um die Lausitz kümmern. Wenn das aber dann nicht ein "Bärendienst" ist, wegen der Erfolglosigkeit und weil die Lausitzer ohne ihn das besser können.

  4. 13.

    Wo habe ich was von "Speicher im Netz" gesagt? Gas kann man ganz einfach speichern, praktisch in beliebiger Menge. Die Infrastruktur hat Deutschland teilweise jetzt schon, für Erdgas. Vielleicht sollten Sie nicht auf Professor Sinn hören, der ja Wirtschaftswissenschaftler ist, sondern sich mal einen Professor für Energiesysteme suchen, zum Beispiel hier https://www.ise.fraunhofer.de/de/veroeffentlichungen/studien/studie-energiesystem-deutschland-2050.html

  5. 12.

    "Zur Zeit haben wir einfach nicht so viele EE, dass es sich lohnen würde große Speicher zu bauen. " Der Grund ist ein anderer. Professor Sinn hat es schon vor fünf Jahren gesagt, Die "Speicher im Netz" (Frau Baerbock) mit den erforderlichen Dimensionen gibt es physikalisch nicht. Deswegen sind EE eine Sackgasse, denn die würden derartige Speicher erfordern.

  6. 11.

    Wie man es dreht und wendet, die Völkerrechtlerin und der Filosof liegen falsch. Es ist schon ein Unding, zuerst stand in den Ampel-Vereinbarungen ‚Gegen die Aufnahme von Atomkraft und Gas als nachhaltige Technologie wird sich die Bundesregierung einsetzen.‘ Der Satz ist nun verschwunden. Olaf hat ein Machtwort gesprochen. Hat man es doch wohl realisiert, dass deutsche Forderungen nicht interessieren – nur die deutschen Euros. Und die werden jetzt auch noch ausgegeben für Fördergelder, mit denen die Franzosen und Spanier Atomkraftwerke bauen. So entscheidet sich Deutschland aus der Atomkraft auszusteigen und fördert gleichzeitig die Atomkraftwerke in unseren Nachbarländern.

  7. 9.

    > Wasserstoff...... aus Windkraft wird nicht reichen. Als Energieträger auch eher schwach
    Das hängt davon ab wie viel EE man so baut. Genug Potential haben wir in Deutschland schon, man muss es nur nutzen.

  8. 8.

    "Ohne Atomeergie sind die Klimaziele nicht zu schaffen."
    Glaube ich nicht. Was sind Ihre Quellen?

  9. 7.

    Zur Zeit haben wir einfach nicht so viele EE, dass es sich lohnen würde große Speicher zu bauen. Es ist billiger auf das europäische Stromnetz zurückzugreifen. Wenn man es politisch wollte könnte man ja z.B. durchaus Power2Gas ausbauen. Großtechnische Versuchsanlagen gibt es da ja schon seit Langem. Wahrscheinlich ist es aber sinnvoller der Forschung noch ein paar Jahre Zeit zu geben die Preise zu drücken, bevor man massiv in Speicher investiert.

  10. 6.

    Moin,
    die Bergleute wissen sicher selbst, daß irgendwann die Kohle nicht mehr wirtschaftlich zu gewinnen ist.

    Wissen wir aber, woher dann der Strom kommen soll, wenn Kernkraft, Kohle und am besten auch noch Erdgas nicht mehr zur Energieerzeugung genutzt werden sollen dürfen?

    Wasserstoff...... aus Windkraft wird nicht reichen. Als Energieträger auch eher schwach.

    Wenn wir ein Industrieland bleiben wollen, müssen wir uns mehr einfallen lassen, als immer nur Aussteigen und Abschalten.
    Allerdings müssen wir selbstverständlich kein Industieland bleiben, wir können es auch mal als "Dritte Welt" versuchen. Mal sehen, wer uns dann zu Weihnachten ein par ... egal welche Währung... spendet.

    Grüße Ralf

  11. 5.

    Das ist in der Tat ein Problem in vielen Förderprogrammen. Zuerst muss man Studien, Konzept und Audits erstellen, natürlich mit externen Beratern um überhaupt an Förderung für die Umsetzung von einfachsten und ingenieurtechnisch logischen Dingen zu gelangen.
    Die meisten Förderprogramme sind Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Berater, Anwälte, Wirtschaftsprüfer etc.
    Bei dem ganzen Drumherum macht es als Ingenieur oft keine Freude den technischen Fortschritt anzutreiben bzw. in die Nutzung zu bringen. Überall lauert jemand der durch irgendwelche sinnlosen aber leider. geforderten Prozesse am Erfolg beteiligt werden muss.

  12. 4.

    Auf die aktuelle Entwicklung geht der Beitrag leider nicht ein. Denn die künftigen Hauptlinien bei der Energiewende scheinen gesetzt. zu sein Es war klar, dass Frankreichs Atomtechnik nun grün wird. Investitionen in Atomkraftwerke in der EU werden künftig als klimafreundlich klassifiziert. Ob die hiesige inksgrüne Planung mit ihren Windrädern überhaupt noch relevant sein wird, bleibt abzuwarten. Sogar fossiles Gas aus Russland wird jetzt grün. "Es muss anerkannt werden, dass der fossile Gas- und der Kernenergiesektor zur Dekarbonisierung der Wirtschaft der Union beitragen können", heißt es nun in dem EU-Vorschlag.
    Eigentlich nichts Neues. Hat Professor Sinn schon vor fünf Jahren mit seinem Befund der "Energiewende ins Nichts" resümiert. Ohne Atomeergie sind die Klimaziele nicht zu schaffen.

  13. 3.

    Das Problem ist, das erneuerbare Energien Onshore (sprich auf dem Land) einfach nicht als gesicherte Energiemenge betrachtet werden können, weil die Ausfallquote viel zu hoch ist.
    Für Offshore-Anlagen (die sicherer stabil Energie liefern können)auf dem Meer fehlen einfach die Leitungen und die Speichersysteme.
    Diese Fakten müssten die EEG-Funktionäre einfach mal zur Kenntnis nehmen und entsprechende Maßnahmen einleiten.
    Dann könnten wir schon einen Schritt weiter sein.

  14. 2.

    Na hoffentlich fangen wir endlich mal an die erneuerbaren auszubauen. Die Ausbauziele sind ja lächerlich im Vergleich zu den Verbrauchsprognosen und der tatsächliche Ausbau hinkt nochmal hinterher.

  15. 1.

    Die Lausitzer sind viel weiter, als die Überschrift suggeriert. Fragen Sie mal Frau Herntier...oder andere aus der Kohlekommission.
    Der Mittelstand als Zugpferd, darf nicht direkt gefördert werden, obwohl die es besser können als die "Versager der letzten 30 Jahre" (kein Großprojekt war erfolgreich)? Und die Summen für Berater dürfen direkt fließen in welcher Höhe nochmal genau? Das wäre verkehrte Welt, weil Berater keine Förderung brauchen und eher "Wissen abschöpfen" als bringen. Mehrmals wurde hier eingefordert, dass kein einziger Cent von der Landesregierung gönnerhaft weiter(!)gereicht werden darf und bei Versagen die Rückzahlung ein "Muss" aus den Erfahrungen sein muss. Leider ist die Wirklichkeit anders. Kann man das ändern? Sonst kommt noch dabei heraus, dass Berater Fördergeld dafür bekommen, wie man Anwohner verwaltungstechnisch "über den Tisch zieht" um z.B. Abstandsregeln trickreich zu umgehen. (Fällt einem bei dem Bild oben ein)...

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