Brandenburger Gemeinden Tschernitz und Schilda - Hohe Schulden, wenig Geld - und trotzdem attraktiv

Mi 12.01.22 | 17:21 Uhr | Von Josefine Jahn und Ralf Jussen
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Ortseingangsschilder von Schildau und Tschernitz (Quelle: rbb)
Audio: Antenne Brandenburg | 11.01.2022 | Josefine Jahn | Bild: rbb/Ralf Jussen/Josefine Jahn

In der Brandenburger Finanz-Statistik stechen die Gemeinden Tschernitz und Schilda hervor: Tschernitz ist mit am höchsten verschuldet, Schilda hat die wenigsten Steuereinnahmen. Woran liegt das? Und wie ist die Lage vor Ort? Von Josefine Jahn und Ralf Jussen

Rechnet man die Schuldenlast auf die Pro-Kopf-Einwohnerschaft um, hat im Land Brandenburg Tschernitz (Spree-Neiße) die zweithöchsten Schulden - nach Pinnow in der Uckermark. Das geht aus Zahlen des Amtes für Statistik hervor. Schilda (Elbe-Elster) wiederum hat die wenigsten Steuereinnahmen. Bedrückende Zahlen - aber: Wie ist die Stimmung vor Ort tatsächlich?

In Tschernitz leben 1.300 Menschen. Es waren mal ein paar Hundert mehr, sagt Ortsvorsteher Maik Sieling - aber es sei wieder ein Aufschwung zu spüren. Junge Leute, die sonst an Wochenenenden zu Besuch im Ort waren, kämen zurück, hätten hier Arbeit gefunden und würden ihren Lebensmittelpunkt nach Tschernitz verlagern.

Der DDR-Kindergarten wird aufwändig saniert, eine Kita zieht bald ein, auch eine Tagespflege. Das gehört zu den sogenannten Pflichtaufgaben - diese machen in Tschernitz 95 Prozent der Gesamtausgaben aus. Dass Kita und Tagespflege eingerichtet werden können, klappe nur, weil Fördermittel bewilligt würden und das Land den fälligen Eigenanteil bezahlt, erklärt Anja Redlow, Amtsdirektorin von Döbern-Land.

"Es sind in dieser Zeit viele Fehler gemacht worden"

Den Eigenanteil von bis zu 30 Prozent müssen Gemeinden eigentlich selbst zahlen, doch Tschernitz ist mit 7,1 Millionen Euro hoch verschuldet. Die Gründe dafür sind komplex. So wurde unter anderem für ein riesiges Klärwerk inklusive Anliegerstraßen Anfang der 90er Jahre ein hoher Kredit aufgenommen. Die Zinsen müssten noch heute abbezahlt werden, beschreibt Redlow die Situation.

Damals, erinnert sie sich, hätten viele Gemeinden - auch Tschernitz - in der Aufbruch- und Wendestimmung hohe Investitionen gemacht. "Es sind in dieser Zeit viele Fehler gemacht worden", so Redlow. "Heute weiß man, dass man bei Investitionen auch Fördermittel beantragen kann." Das hatten damals viele Kommunen nicht getan.

Badesee Lohnteich in Tschernitz (Spree-Neiße)Badesee Lohnteich in Tschernitz

Land hilft beim Schuldenabbau

Auftrieb gab es 2007: Die Firma Samsung Corning übernahm damals das vormalige Fernsehkolbenwerk in Tschernitz. Gewerbesteuern flossen, die Gemeinde erholte sich allmählich - bis Samsung weiter zog und die Gemeinde überschüssige Steuern zurückzahlen und dafür erneut einen Kredit aufnehmen musste. Amtsdirektorin Redlow ist dankbar für Zuwendungen des Landes Brandenburg, sagt sie. Sie bezieht sich vor allem auf eine Regelung aus dem letzten Jahr 2021: Mit dieser wurden hochverschuldete Gemeinden zumindest tweilweise entschuldet.

Schilda - Brandenburgs Gemeinde mit den geringsten Steuereinnahmen

Während Tschernitz mit hohen Schulden zu kämpfen hat, gibt es für Schilda im Elbe-Elster-Kreis ein ganz anderes Problem: Dem Ort fehlen einfach Steuereinnahmen.

Um 1900 war Schilda eigenständig. Landwirtschaft, Ziegeleien, Braunkohle- und Brikettindustrie in der Nähe sorgten dafür, dass es der Gemeinde gut ging. Heute sieht das anders aus, berichtet Lothar Benning, ehrenamtlicher Bürgermeister von Schilda. "Wir haben in Schilda ja überhaupt keine Industrie, ein Großteil der Bevölkerung ist weg", erklärt Benning die Flaute bei Steuereinnahmen. Denn, so sagt er, der Großteil der finanziellen Zuwendungen vom Land basiere auf der Anzahl der Einwohner und der erwirtschafteten Werte in der Gemeinde. Das heißt, Schilda ist mit 346 Euro je Einwohner die Gemeinde mit der niedrigsten Steuereinnahmekraft. Dabei bräuchte Schilda Geld etwa für den Abriss eines alten Kindergartens, für den Strassen- und Gehwegebau. Auch am ortseigenen Wohngebäude, der alten Schule, müsste was gemacht werden.

An dieser Stelle stand einmal in Schilda (Elbe-Elster) eine Kaufhalle
Schilda - hier stand früher eine Kaufhalle | Bild: rbb/Ralf Jussen

Investor wollte kommen - Einwohner wollten nicht

Zwischenzeitlich wollte eine Solarparkfirma in Schilda in Photovoltaik investieren - das hätte einiges an Gewerbesteuereinnahmen gebracht. Der Ortsvorstand als Vereter der Einwohner hatte sich damals jedoch dagegen entschieden, eine solche Anlage hätte einfach nicht schön ausgesehen im Ort, hieß es damals zur Begründung.

Für die stellvertretende Amtsdirektorin im Amt Elsterland, Birgit Weinert, hat Schilda trotz allem weiter Potenzial. "Es gibt einen Friseur, einen Arzt, es ist eine kleine, nette Gemeinde mit einem schönen Zentrum", schwärmt sie. Auch für das ortseigene Wohngebäude gebe es Nachfragen. Auch das sei ein Beleg dafür, dass der Ort doch für Leute noch interessant ist.

Sendung: Antenne Brandenburg, 11.01.2022, 16.40 Uhr

Beitrag von Josefine Jahn und Ralf Jussen

4 Kommentare

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  1. 4.

    Liebe "Schildbürger" und "Tscher(sch)nitzler", was macht es besonders eure Nachbarschaft zu wollen? Dann kommt der Eine oder Andere doch...

  2. 3.

    Infrastruktur wie z.B. Schulen und Kindergärten müssen bezahlt werden. Das geht nur, wenn den Ausgaben auch Einnahmen gegenüber stehen. Eigentlich ganz einfach, aber das die wirtschaftliche Bildung in Deutschland in den vergangenen Jahren sehr stark vernachlässigt wurde, sieht man ja leider nicht nur bei dem ein oder anderen Kommentar hier.

  3. 2.

    Manche würden für Geld auch alles machen....manche eben nicht.

  4. 1.

    Wenn die Schildbürger keine Investoren wollen...andere freuen sich.

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