Wandern in Kostrzyn und im Nationalpark - Teil 10 : „Polnisch Pompeji“ an der Warthemündung

Sechs Wochen lang wandern Antenne-Reporter durchs Sendegebiet. Bei ihren Touren testen sie unter anderem die Landschaft, Wegbeschaffenheit und Sehenswürdigkeiten. Heute rund um das polnische Kostrzyn nad Odrą. Von Moses Fendel

Die rbb-Wanderserie führt die Reporter sechs Wochen lang quer durch Ostbrandenburg. Immer auf der Suche nach schönen Wanderrouten. Diesmal: ausnahmsweise über die Grenze des Sendegebiets hinaus nach Polen, durch die Ruinen der Altstadt von Küstrin und den Nationalpark Warthemündung.

Die heutige Tour ist keine Wanderung im eigentlichen Sinne, sondern eher ein Streifzug. Ausgangs- und Endpunkt ist der wegen seiner Größe und Bauweise interessante Bahnhof Kostrzyn/Küstrin. Vom Bahnhofsvorplatz geht es in südwestlicher Richtung über die Warthe zu den Ruinen der Festung und der Altstadt (etwa zwei Kilometer). Um von dort aus in den Nationalpark zu gelangen, muss man der Landstraße Nummer 22 wiederum ungefähr zwei Kilometer folgen. Rechterhand liegt das Besucherzentrum mit Aussichtsturm. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite führt ein Stichweg in den Nationalpark. Für die Altstadt mit Festung und diesen Teil des Nationalparks sollte man etwa drei Stunden einplanen.

Infrastruktur

Kostrzyn ist mit der Regionalbahn von Berlin aus gut zu erreichen. Von Berlin-Lichtenberg fährt die Niederbarnimer Eisenbahn (RB 26) im Stundentakt an die Oder, Fahrkarten auf die polnische Seite können ebenso wie Kaffee beim Zugbegleiter gekauft werden.

Jenseits der Grenze gilt: Wer Polnisch kann, ist klar im Vorteil. Vor allem, weil sich unsere Nachbarn über jedes polnische Wort aus deutschem Mund freuen. Fehlende Kenntnisse der Nachbarsprache sollten aber niemanden an der Fahrt hindern, weil viele Polen an der Grenze sehr gut Deutsch können.

Im Bereich des Bahnhofs (Neustadt) und der Altstadt mit Festung ist die touristische Infrastruktur gut. Für den Nationalpark lässt sich das leider nicht behaupten, der ist nämlich leider schlecht erschlossen. Für die Tour ist eindeutig Pioniergeist gefragt.

Das Angebot an Einkehrmöglichkeiten ist überschaubar. Mehrere Restaurants gibt es in der Gegend um den Bahnhof herum. Wer die polnische Küche schätzt oder kennenlernen möchte, dem sei die Gaststätte des Hotels gegenüber dem Eingang zur Festung empfohlen. Dort befinden sich auch eine Wechselstube und die örtliche Touristen-Information. Im Nationalpark Warthemündung gibt es leider keine Einkehrmöglichkeiten.

Landschaft

Bei dieser Tour haben Wanderer es gleich mit mehreren Arten von Landschaft zu tun: Da ist zum einen die städtische Landschaft des heutigen Kostrzyn mit seinen ausgedehnten Bahnanlagen, seinen Wohnhäusern und der für die Grenzregion typischen, nicht unbedingt schönen Bebauung aus Tankstellen, Supermärkten, Wechselstuben und ehemaligen Grenzanlagen.

Im Kontrast dazu steht die Ruinenlandschaft des früheren Küstrin an der Oder. Wo bis 1945 Menschen lebten, sind heute fast nur noch Grundmauern und der Straßenbelag zu sehen. Die Flusslandschaft der Oder erstreckt sich hinter den Festungsmauern, von denen aus man einen guten Überblick über die Umgebung und bis auf die deutsche Seite hat.

Eine ganz eigene Landschaft, die man sich mühsam im wahrsten Sinne des Wortes erwandern muss, bildet der Nationalpark Warthemündung. Hier beherrschen Wasserflächen, sumpfige Wiesen, Schilf und knorrige Weidenbäume das Bild. Dazwischen kann man vor allem Vögel beobachten und Spuren von anderen Tieren wie zum Beispiel Bibern entdecken.

Biber Spuren Nationalpark Warthe Wartemündung Küstrin KostrzynBiberspuren im Nationalpark Wartehmündung

Wegbeschaffenheit und Sehenswürdigkeiten

Ebenso vielfältig wie die Landschaft ist auch die Beschaffenheit des Weges: Von Kopfsteinpflaster, über grasbewachsene ehemalige Plätze, restaurierte Festungsmauern und asphaltierte Landstraße bis hin zu sumpfigen Trampelpfaden und Schotterwegen ist eigentlich alles dabei. Barrierefrei ist die Tour nicht, man sollte gut zu Fuß sein.

Kostrzyn/Küstrin war mal ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt, und das sieht man dem Bahnhof bis heute an. Auf zwei Ebenen kreuzen sich hier die Strecken der preußischen Ostbahn, die Berlin einst mit Königsberg verband, und die Strecke von Wrocław/Breslau nach Szczecin/Stettin. Das Bahnhofsgebäude ist vor kurzem renoviert worden, die Bahnsteige und übrigen Bahnanlagen sind dagegen in ziemlich vernachlässigtem Zustand.

Größte Sehenswürdigkeit ist das Museum der Festung Küstrin mit den Ruinen der Altstadt, die auch als „Polnisches Pompeji“ bezeichnet werden. Der Eintritt auf das Gelände ist frei, individuelle Rundgänge sind also möglich. Das schließt auch den Rundgang über die Mauern der Bastion ein. Wer die Ausstellung in der Bastion Filip besichtigen will, muss allerdings Eintritt bezahlen. Wer mehr über die Geschichte der Festung erfahren möchte, kann außerdem eine Führung buchen.

Nähere Informationen zum „Polnischen Pompeji“ gibt es hier:

http://muzeum.kostrzyn.pl/de/

Nationalpark Wartehmündung

Die zweite Attraktion ist der Nationalpark, der leider nur schlecht zu Fuß zu erreichen ist. Das Besucherzentrum liegt ein ganzes Stück außerhalb der Stadt in südöstlicher Richtung. Hier lohnt es sich vor allem, auf den rund 20 Meter hohen Aussichtsturm zu steigen, was umgerechnet etwa einen Euro (5 PLN) kostet. Im Nationalpark gibt es an verschiedenen Stellen kleinere Aussichtstürme und Vogelbeobachtungshütten. An der Nationalparkverwaltung kann man außerdem Fahrräder und Kanus leihen.

Nähere Informationen zum Nationalpark Warthemündung gibt es hier:

https://www.pnujsciewarty.gov.pl/113,allgemeine-infos

Wer gut zu Fuß ist, kann einen Abstecher auf die andere Seite der Warthe machen. Dafür muss man vom Bahnhof aus ein ganzes Stück durch die Stadt Richtung Osten laufen. Wenn man erstmal dort ist, ist der nördliche Teil des Nationalparks landschaftlich sehr reizvoll. Hier befindet sich wiederum ein interessantes, fast schon sakral anmutendes Industriedenkmal: das Pumpwerk „Warniki“ aus dem Jahr 1911. Bis vor wenigen Jahren diente es zur Regulierung des Wasserstandes im Gebiet der Warthemündung und leistete einen wichtigen Beitrag dafür, dass das Gebiet an der Mündung des Flusses besiedelt und landwirtschaftlich genutzt werden konnte.

Baden, Schilder, Fazit

Obwohl es dank der beiden Flüsse Oder und Warthe jede Menge Wasser gibt, ist der Badefaktor der Tour niedrig. Es gibt keine offiziellen Badestellen oder Strände.

Am Bahnhof stehen zwar Wegweiser, auf denen sowohl die Altstadt mit dem Museum der Festung als auch der Nationalpark Warthemündung ausgeschildert sind. Leider wird die Beschilderung aber im weiteren Verlauf deutlich schlechter. Eine Landkarte oder ein Telefon mit GPS- oder Mobilfunkempfang sind dringend zu empfehlen.

Auf die Nachteile der „Wanderung“ ist weiter oben schon hingewiesen worden. Lohnenswert ist der Ausflug an die Oder trotzdem. Die Mischung aus (preußischer) Geschichte und Natur machen den Streifzug empfehlenswert sowohl für passionierte Grenzgänger als auch für Menschen, die erste Eindrücke über das Nachbarland sammeln wollen.

 

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

1 Kommentar

  1. 1.

    Beeindruckend, wir waren vor ca zwei Jahren dort und haben uns mal die verbomte Altstadt angeschaut wo meine Vorfahren gewohnt haben. Da meine Großeltern und meine Mutter mit 10 Jahren von dort vertrieben worden sind. Wir haben sehr viele Bilder gemacht als Erinnerung für meine heute über 80 jährige Mutter.

Das könnte Sie auch interessieren