Haus Landgut Neuendorf davor Bäume und Autos (Quelle: Arnold Bischinger)
Audio: rbb Studio Frankfurt | 08.08.2017 | Katharina Albrecht | Bild: Arnold Bischinger

Landgut Neuendorf vor dem Verkauf - Erinnerung an jüdische Geschichte könnte gefährdet sein

Das Landgut Neuendorf bei Fürstenwalde soll bis zum Monatsende an den Meistbietenden verkauft werden. Dabei hat das Schlossgut von 1932 an als Ausbildungsstätte für jüdische Jugendliche gedient - zumindest solange das noch möglich war. Von Katharina Albrecht

Schulungsorte für jüdische Jugendliche (hebr.: Hachschara) gab es in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts viele in Deutschland. Sie sollten junge Menschen zunächst fit für den Arbeitsalltag machen und wandelten sich mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 in Lehrstätten, die jüdischen Jugendlichen das Wissen zum Auswandern vermittelten.

Ab 1941 verboten die Nationalsozialisten die Berufsausbildung grundsätzlich für Juden. Das damalige "Landwerk Neuendorf", das bis dahin für viele jüdische Jugendliche einen Ausweg nach Palästina bot, wurde zu einem Lager für Zwangsarbeiter. Zu den jüdischen Jugendlichen, die in Neuendorf Zwangsarbeit leisten mussten, gehörte auch der spätere Fernsehmoderator Hans Rosenthal. Ab 1942 wurden die Insassen laut einer Publikation des Steinheim-Instituts für jüdische Geschichte von Neuendorf aus in Vernichtungslager deportiert.  

Bund will verkaufen

Eigentümer des Landgutes ist der Bund, in dessen Auftrag die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben das Gelände und die Gebäude nun versteigert. Aus dem Verkaufsexposé geht hervor, dass der Mindestpreis 290.000 Euro beträgt.

Verkaufschild auf grüner Wiese mit Aufschrift "Langut zu verkaufen" und Telefonnummer
Foto: Arnold Bischinger | Bild: Arnold Bischinger

Sorge um den öffentlichen Zugang

Seit drei Jahren ist der Verein Kulturscheune Neuendorf im Sande für die Belange der jüdischen Geschichte des Landgutes zuständig. In einer Ausstellung zu den jüdischen Ausbildungsstätten für junge Auswanderer wird seit vergangenem Jahr an die Geschichte der Hachscharas erinnert. Wie sich die neuen Eigentümer mit dem Gelände und vor allem mit seiner Geschichte auseinandersetzen werden ist völlig unklar. Den Vorsitzenden des Vereins, Arnold Bischinger, sowie einige Nachfahren derer, die dort einst lernten und deportiert wurden, treibt die Sorge um, dass der neue Eigentümer einen Zaun um das Gelände ziehen könnte und es dann keinen öffentlichen Zugang mehr gibt. Gerade für Nachfahren und noch lebende Zeitzeugen wäre das bitter.

Der Bund als Eigentümer in der Kritik

Der Verein hat als Ansprechpartner vor Ort auch Kontakt zu Kaufinteressenten. Einige würden, laut Arnold Bischinger sogar mit der Kulturscheune zusammenarbeiten. Ob diese Bieter aber dem Bund die höchste Summe anbieten können, ist fraglich. Bischinger kritisiert, dass seinem Eindruck nach der Bund weniger an der jüdischen Geschichte sondern eher am Geld interessiert ist. "Es bleibt die Frage, ob die öffentliche Hand an einem solch geschichtsträchtigen Ort nicht die Pflicht haben müsste Auflagen zu erteilen - jenseits eines rein privaten Interesses", so Bischinger.

Landesamt für Denkmalpflege prüft Unterschutzstellung

Gleichzeitig prüft derzeit das Landesamt für Denkmalschutz, ob die acht Häuser und neun Nebengebäude auf dem Gelände unter Denkmalschutz gestellt werden können. Dazu wird nach Aussage des Landeskonservators Thomas Drachenberg geprüft, ob noch genügend erhaltenswerte Substanz der ursprünglichen Bauten vorhanden ist. Diese Prüfung wird aber laut Drachenberg nicht mehr in diesem Monat abgeschlossen sein. Das bedeutet, dass das Landgut noch vor einer möglichen Unterschutzstellung verkauft werden wird. Zudem löst eine ganze oder teilweise Unter-Denkmalschutz-Stellung nicht die Frage der angemessenen öffentlichen Erinnerung an die jüdische Geschichte des Ortes. Darum kann sich nur der neue Eigentümer kümmern und wer das sein wird, bleibt nun abzuwarten.

Aber egal wie es ausgeht, der Verein Kulturscheune Neuendorf im Sande will weitermachen. Auch wenn Erinnerung nicht mehr direkt auf dem Gutshof möglich sein sollte, würden laut Bischinger kreative Lösungen gefunden. Eine Idee sei es gleich nebenan in einem Landschaftspark die bestehende Ausstellung weiter zu zeigen, damit die jüdische Geschichte des Ortes öffentlich sichtbar bleibt.

Beitrag von Katharina Albrecht

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