Oder Florida (Quelle: rbb|Andreas Oppermann)
"Oder Florida" von Christian Bangel | Audio: Antenne Brandnburg | 02.10.2017, 14.40 Uhr | Bild: rbb|Andreas Oppermann

Humorvolles Romandebüt - Christian Bangel schwankt zwischen Frankfurt (Oder) Florida

1998 in Frankfurt (Oder): Nazis verprügeln Linke. Demonstrationen für besseres Wetter münden in den OB-Wahlkampf. Ein 20-jähriger schreibt für ein Stadtmagazin. Sein Freund ist Punk und Gründer einer Werbeagentur. Stoff für den witzigen und trotzigen Roman: "Oder Florida", von Christian Bangel. Von Andreas Oppermann

Im Film ist Frankfurt (Oder) immer wieder der Ort für besondere Geschichten. Ob "Halbe Treppe" oder ganz aktuell "Willkommen bei den Honeckers", die Stadt im äußersten Osten der Republik übt einen besonderen Reiz auf Autoren und Regisseure aus. Aber Frankfurt als Stoff und Raum für einen Roman? Das ist neu. Am Montag erscheint "Oder Florida". Ein Roman, der im Frankfurt des Jahres 1998 spielt.

"Oder Florida" ist ein Schlüsselroman. Ein Roman, der auf tatsächlichen Ereignissen und realen Personen beruht. Autor Christian Bangel arbeitet heute für die (Wochenzeitung) "Zeit". Er kommt aus Frankfurt und hat sich in den 90er Jahren selbst in der Hausbesetzerszene der Stadt bewegt. Er hat für eine Stadtillustrierte gearbeitet und war Teil eines Vereins, der einen alternativen Klub in einer ehemaligen Fabrik betrieb. Sein Freund - im Roman heißt er "Fliege" - war Punk, Gründer einer Agentur und Motor der Szene.

Zur Sonne, zur Freiheit

Christian Bangel erzählt also seine eigene Geschichte. Dennoch ist er nicht der Ich-Erzähler. Als Autor verdichtet er die Vergangenheit. Viele Personen des Buches haben drei oder vier reale Vorbilder. Aus den Demos für besseres Wetter, die einige Jahre lang am Gründonnerstag stattfanden, wurde im Roman eine Demoreihe im Jahr 1998. Agentur-Punk Fliege hat die Idee, die Demos zu nutzen, um einen neuen Oberbürgermeister durchzusetzen.

Dazu plant er mit seinen Freunden, den SPD-Ortsverein durch Masseneintritt zu übernehmen. Diese Idee gab es wohl auch vor knapp 20 Jahren, aber in seinem Roman spielt Bangel durch, wie das hätte gehen können - und wie grandios das hätte scheitern müssen. Denn wenn der Kandidat weder zur Partei, noch zu den Demos richtig passt, dann ist das Chaos vorprogrammiert.

Aufbruch in die eigene Freiheit

Und damit genau die Situation, die viele Menschen im Frankfurt (Oder) des ersten Jahrzehnts nach dem Fall der Mauer fühlten. Der Ich-Erzähler, sein Agentur-Kumpel-Chef, seine Freundin Nadja und viele andere nutzen die neuen Freiheiten sehr kreativ. Aber die fehlende Ordnung hat auch Schattenseiten: Die Plage der prügelnden Nazis, die Arbeitslosigkeit, die fehlende Perspektive für die Heimatstadt.

"Was waren das für Zeiten gewesen. Wie Fliege und ich zusammen in der Agentur die 0335 entwickelt hatten. Unser eigenes Stadtmagazin, vierfarbig, Auflage zwanzigtausend. Nachts mit dem Taxi nach Hause, und bei Hunger einfach was bestellen. Und dafür gab es jeden Monat auch noch tausend Mark plus Miete vom Bundesamt für den Zivildienst. Das hatte Fliege genial gedeichselt."

Ein amüsanter Bildungsroman

Aber all das endet in dem Moment, in dem der Ich-Erzähler sich eine spannende Zukunft im Westen vom gescheiterten Kandidaten einreden lässt. Der ist aus Frankfurt und hat hier gkeich nach der Wende als marktradikaler Arbeitgeber ein Vermögen gemacht. Statt zu schreiben, soll er für ihn in Florida einen Laden aufmachen. Voraussetzung dafür sind Lehrmonate in einem Zoofachgeschäft in Hamburg. Dieser Aufbruch in den Westen endet nicht mit einem Vermögen, sondern mit sehr viel Erkenntnis. Und der Weigerung zum Klischee-Wessi zu werden.

All das ist tragisch. Es ist aber auch komisch. Denn Bangel kann schreiben. Er verliert seine Erzählstränge nicht. Im Gegenteil, einige lösen sich höchst überraschend so auf, dass der Ich-Erzähler zu ganz neuen Erkenntnissen kommt. Den Leser nimmt er dabei immer als solidarischen und moralischen Unterstützer mit. Und verhilft diesem mit der Lektüre dieses amüsanten Bildungsromans auch zu einem besseren Verständnis all dessen, was die Wiedervereinigung eben auch war. 

Beitrag von Andreas Oppermann

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