Syrische Flüchtlinge (Quelle: dpa)
Sendung: Antenne am Nachmittag, 10.10.2017, 15.40 Uhr | Bild: dpa

"Fachstelle Islam in Brandenburg" und "EmPa III" - Integration von Flüchtlingen - zwei neue Projekte in Brandenburg

Wie kann die Integration von Flüchtlingen und Zuwanderern in unsere Gesellschaft gelingen? In Brandenburg gibt es dazu seit September zwei neue Projekte: Landesweit die Fachstelle Islam in Brandenburg und in Fürstenwalde das Programm "EmPa III".  

 

 

Das Thema Integration von Flüchtlingen und Zuwanderern in unsere Gesellschaft ist vielleicht die Herausforderung für die kommenden Jahre und Jahrzehnte. Über die Möglichkeiten und Hindernisse der Integration von Geflüchteten in den Arbeits-, Bildungs- und Wohnungsmarkt berät in Potsdam am Dienstag auch ein Runder Tisch, zu dem die F.C. Flick-Stiftung eingeladen hat. Vorgestellt werden auch zwei Projekte, die im September gestartet sind:  Die landesweit agierende "Fachstelle für Islam im Land Brandenburg" sowie das Fürstenwalder Projekt "EmPa III - Empowerment und Partizipation für Drittstaatenangehörige. Beide werden von der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA Brandenburg) betreut. rbb-Reporter Stefan Kunze hat dazu Alfred Roos befragt, den Geschäftsführer und Leiter der RAA Brandenburg befragt.  

rbb: Woran hapert es bei dem Thema Integration derzeit am meisten? Beruf, Bildung oder Unterkunft?

Alfred Roos: Wenn Sie nach Potsdam gucken, dann ist es sicherlich die Unterkunft. Es gibt viele Flüchtlinge, die längst aus den Übergangswohnheimen herauskommen könnten, aber  die finden natürlich in Potsdam nur sehr schwer oder gar keine Wohnung. Auf der anderen Seite sind die Arbeitsplätze in Potsdam, also hier haben wir das Problem, dass wir in Potsdam zu wenig Wohnraum haben.
Die Integration in den Bildungsbereich ist, um den Ministerpräsidenten zu zitieren, eine Marathonaufgabe und keine Kurzstrecke. Da geht es wirklich darum, zu gucken, wie wir zum einen die Kinder in die Kita und in die Schule integrieren können. Zum anderen  steht jetzt der Schwerpunkt an, was machen wir eigentlich mit den etwas älteren Jugendlichen, die nicht von Anfang an in den Kitas Deutsch lernen, sondern die die deutsche Sprache  sehr schwer nachholen müssen, um dann eine berufliche Ausbildung kommen zu können.  

Geschäftsführer Alfred Roos (Quelle: RAA Brandenburg)
Bild: Autor: RAA Brandenburg

Bleiben wir bei den älteren Jugendliche: Ob alleinreisend oder mit den Eltern gekommen, gehen sie noch ein, zwei oder drei Jahre in die Schule, erreichen dann aber das Alter 18, sind in der 10. Klasse und dann heißt es auf einmal, die sind nicht mehr schulpflichtig, wie geht man damit um?

Naja, es gibt Angebote in den Oberstufenzentren für die Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz haben, die sind dann wieder in der Schulpflicht, d.h. eine Beschulung ist möglich. Nur müssen wir; und müssen die Jugendlichen vor allem, die Ausbildungsplätze finden.

Ist es schwieriger, dass die Jugendlichen einen Ausbildungsplatz finden oder dass sie die Erlaubnis bekommen, einen Ausbildungsplatz auch anzunehmen? Dazu gibt es auch Fälle, wo Jugendliche abgeschoben werden sollen, weil ihr Asylbescheid negativ ist, aber mit der Annahme eines Ausbildungsplatzes ein gewisses Bleiberecht verbunden ist?

Da ist eine schwierige Frage. Die Jugendlichen, die hierhergekommen sind, sind häufig gekommen, um ihre Familienmitglieder nachzuholen, um ihre Familien zu unterstützen, im Herkunftsland oder dort, wo die Familie hin geflüchtet ist. Wir haben das Problem den Jugendlichen deutlich zu machen, dass es sich lohnt, lange Zeit in Ausbildung zu investieren, um dann auch einen guten Job hier zu finden.
Machen wir uns nichts vor, Brandenburg hat ein Problem mit Fachkräften in den kommenden Jahren  und sie haben eigentlich eine sehr gute Berufsperspektive auf dem Arbeitsmarkt in Brandenburg.
Aber nötig sind für eine abgeschlossene Berufsausbildung mit dem Vorlauf  der Sprachkurse  drei, vier, fünf Jahre. Für die Jugendlichen ist das eine unglaublich lange Perspektive, für die ist es auch ein Problem zu verstehen, dass es einen langen Anlauf braucht, um in unser Berufsschulsystem hineinzukommen und die Ausbildung abzuschließen. Da haben wir tatsächlich auch Motivationsprobleme.

In Fürstenwalde sind Sie mit der RAA Brandenburg seit knapp drei Jahren mit dem Projekt "Ein Quadratkilometer Bildung" vor. Nun gibt es seit September ein neues Projekt: „EmPa III - Empowerment und Partizipation in Fürstenwalde“. Es geht also um Stärkung und Beteiligung. Da arbeitet die RAA Brandenburg mit dem Verein „Al Tariq - Gemeinsam in Fürstenwalde“ zusammen. Was ist das für ein Projekt?

Das ist ein Projekt, was wir mit dem tatsächlich auch relativ neuen Verein Al Tariq zusammen entwickelt haben, wo wir versuchen, die Irritationen, die es ja durchaus gibt im Zusammenleben, nach beiden Seiten hin zu bearbeiten. Wir müssen mit der lokalen Jugendarbeit gucken, wie kommen wir an die Jugendlichen heran, die auf der Straße sind, die sich im Park versammeln und im Bahnhofsviertel sozusagen auch zu Verunsicherung führen, weil die Menschen sehen, es verändert sich etwas; aber wie können die Jugendlichen auch damit umgehen, dass sie gegebenenfalls angefeindet werden von anderen Jugendlichen oder auch Erwachsenen der Fürstenwalder Gesellschaft. Es geht also darum zu vermitteln, bei Konflikten, die es gibt. Und wir haben mit der Zusammenarbeit mit Al Tariq vor allem die Hoffnung, dass wir damit die Eltern erreichen die sagen: Wir wollen hier ein gutes und friedliches, gedeihliches Zusammenleben und dazu wollen wir unseren Beitrag auch leisten. Das sind sozusagen die Türöffner in die aus dem arabischen Raum stammende Community.

Wer ist da Motor des Projektes Stärkung und Beteiligung, Sie oder der Verein "Al Tariq - Gemeinsam in Fürstenwalde"?

Wir haben ja in Fürstenwalde die besondere Situation, dass wir eine große und auch schon länger in Fürstenwalde integrierte arabische Community haben. Al Tariq ist Teil des Netzwerkes in Fürstenwalde. Der Verein ist relativ neu, aber diejenigen, die sich da beteiligen, haben sehr viel Erfahrung, wohnen schon sehr lang in Fürstenwalde, haben zum Teil auch inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft. Wir versuchen tatsächlich auf gleicher Augenhöhe mit diesem Verein zusammenzuarbeiten und dann auch dafür zu sorgen, dass der Verein auch nach Beendigung des Projekts, diese Rolle in der Fürstenwalder Gesellschaft weiterspielen kann und Sprachrohr für Zugewanderte sein kann, vor allem auch für die aus dem arabischen Raum zugewanderten Menschen.  

 

Sie haben selbst gesagt, solche Projekte haben einen Anfang und ein Ende. In anderen Worten, das Projekt ist nur über einige Zeit finanziert, dann muss der Laden allein laufen?

Tatsächlich ist das Projekt nur für zwei Jahre finanziert. Natürlich kann man mit neuen Ideen auch wieder neue Projekte beantragen. Das wissen wir als Träger in diesem Bereich.
Es geht deshalb in dem Projekt EmPa III auch darum, diejenigen, die sich an dem Projekt beteiligen, so stark zu machen, dass sie auch in der Lage sind, so etwas dann selbsttragend weiterzuführen.

Sie haben die Konfliktfelder, die es gibt, schon angesprochen. Ohne Zweifel hat sich in den letzten Monaten das gesellschaftliche Klima zum Thema Zuwanderung und Flüchtlingen verändert; Kommt dieses Projekt jetzt zum richtigen Zeitpunkt oder nicht doch etwas zu spät?

Das ist eine offene Frage, ob es zu spät kommt. Zu früh kommt es sicherlich nicht, dass wir damit anfangen. Aber wir beginnen nicht im Nichts. Es gibt in Fürstenwalde eine lange Zusammenarbeit zwischen der arabischen Community und Trägern, auch der Jugendhilfe in Fürstenwalde und wir sind da auch gut vernetzt, d.h. es startet nicht gänzlich neu, sondern  es sind alles Akteure, die sich seit einigen Jahren kennen; und die nun die Möglichkeit haben, durch Qualifizierung, durch Zusammenarbeit im Grunde genommen dazu beizutragen, dass die Konflikte, die es in allen gesellschaftlichen Bereichen gibt, auch gedeihlich ausgetragen werden können.

Machen wir es mal deutlich an einem Beispiel: In Fürstenwalde gibt es Jugendliche mit Migrationshintergrund, die auf dem Bahnhof herumhängen. Das ist in gewisser Weise auch natürlich, weil sie im Gegensatz zu deutschen Jugendlichen kein Auto haben und an der Tanke herumhängen. Das heißt, das Phänomen, dass der Jugendliche auf der Straße herumhängt, ist nicht neu. In diesem Fall ist es nur eine neue (andere) Gruppe und das sorgt bei vor allem Älteren für Unmut oder Unwohlsein. Wie könnte denn dieser Konflikt entschärft werden?

Wir können diesen Konflikt genauso entschärfen, wie wir das in den 90er Jahren gemacht haben. Da waren es dann rechtsextreme Jugendliche ohne Zukunftsperspektive. Indem wir versuchen, mit den Jugendlichen Zukunftsperspektiven gemeinsam zu entwickeln, zu gucken, wo können wir sie stärker in unsere Gesellschaft einbinden.; und wo müssen wir auch an uns arbeiten, um etwas offener mit diesen Jugendlichen umzugehen, sie kennen zu lernen und  mit ihnen auch etwas zu erarbeiten. Es geht um unsere Zukunft und es geht um ihre Zukunft.

Im September hat die RAA Brandenburg ein neues Projekt gestartet: "Die Fachstelle Islam in Brandenburg". Sie stellen das Projekt am Dienstag in Potsdam vor. Warum braucht Brandenburg diese Fachstelle Islam?

Wir machen ja in Brandenburg jetzt die Erfahrung, die Berlin und westliche Bundesländer schon gemacht haben. Mit den Muslimen, die hierhergekommen sind, hat sich tatsächlich die Situation der Zugewanderten verändert. Wir hatten bisher keine muslimischen Gemeinden, wir hatten kaum muslimische Vereine und hatten auch sehr wenige Muslime im Land. Das hat sich durch die Zuwanderung, vor allem  aus Syrien, aus Afghanistan, stark verändert. Hier wird sich unsere Gesellschaft darauf einstellen müssen, dass diese Muslime religiöse Bedürfnisse mitbringen; und dass wir dafür Lösungen brauchen. Denn Religion, die Rückbesinnung auf Religion ist für viele Zugewanderte auch ein sicherer Hafen, um im Grunde genommen selbst ein wenig ihre Heimat weiterleben zu können, aber auch Gelegenheit ein wenig Sicherheit zu finden, um sich in unserer Gesellschaft zu integrieren.

Sie sagen, Religion bietet ein Stück Heimat, um sich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Die Gegner des Islam sagen genau das Gegenteil?

Das ist aus unserer Sicht nicht richtig. Religion spielt für viele Zugewanderte eine Rolle. Die größte Zuwanderungsgruppe in Brandenburg sind nach wie vor die Polinnen und Polen. Für die ist der Katholizismus ein ganz wichtiger kultureller oder religiöser Hafen, in dem sie Sicherheit finden können. Wir machen in der Integrationsarbeit und das erleben wir auch in den älteren Bundesländern so, dass die Rückbesinnung auf Religion für viele Zugwanderte einfach wichtig ist. Sie bringen  das aus ihrem Herkunftsland mit und sie wollen daran auch hier, in der neuen Heimnat anschließen können.

Wer hat dieses Fachstelle Islam ins Leben gerufen, was ist das Ziel?

Wir haben gemerkt, dass es an den Schulen Fragen gibt, "Wie gehe ich mit Kindern und Jugendlichen zum Beispiel während des Ramadans um?" Wir haben aber auch die Fragen zugewanderter Eltern, die fragen "Was können wir eigentlich den Kindern und Jugendlichen hier anbieten, damit die nicht in Berlin in Hinterhofmoscheen verschwinden, wo wir auch als Eltern keine Kontrolle mehr haben, was da eigentlich passiert"; und wir erleben leider auch die Stigmatisierung von Muslimen und ihrer Religion, die eher aus rechtsextremer Seite kommt. Das is das, was wir bearbeiten wollen: Es gibt relativ wenig Wissen über das, was den Islam ausmacht; über die Vielfalt, die es im Islam gibt; über die Traditionen, die dahinter stehen; und auch die Frage, was heißt das eigentlich für unsere Gesellschaft, in der jetzt ein größerer Teil muslimischen Glaubens ist.

Wer bekommt Rat bei der "Fachstelle Islam in Brandenburg" oder wer kann sich an sie wenden?

Wir haben in den letzten Jahren in Fortbildungen für Jugendmitarbeiter, die mit muslimischen Jugendlichen arbeiten die Erfahrung gemacht, dass es große Unsicherheiten gibt im Umgang mit arabischen Zeichen, die sie nicht deuten können. Das werden sie auch nach einer Fortbildung nicht können, aber wie gehe ich damit um, wenn ich plötzlich denke, dass im Internet eine Seite aufgemacht wird, die vielleicht gefährlich ist für den Jugendlichen; oder vielleicht habe ich hier sogar einen Jugendlichen, der gefährdet ist, abzurutschen in eine radikale Ecke. Das sind diejenigen, die sich bisher an uns gewandt haben, die wir mit Fortbildungen erreicht haben. Das sind Fragen, die jetzt systematisch von zwei Kollegen, die wir einstellen konnten, beantwortet  werden sollen. Aber auch Fragen von Zuwanderern, wie zum Beispiel „Was kann ich tun, damit ich in meiner Kommune ein Gebetsraum einrichten kann? Wie können wir Vereine gründen und was müssen wir dabei bedenken? An wen müssen wir uns wenden, wenn wir bestimmte Probleme haben?
Ich kann erzählen, dass wir die ersten Anfragen aus Kommunen haben, wo uns tatsächlich die Integrationsbeauftragen angefragt haben. "Wie können wir das eigentlich begleiten, wenn die Muslime sagen, wir möchten einen Gebetsraum einrichten?" Das ist im Moment das aktuelle Thema.

Welche Kommunen haben sich schon an Sie gewandt?

Es gibt seit vielen Jahren eine enge Zusammenarbeit mit der Stadt Fürstenwalde an der Spree. Da haben wir auch ein Projekt "Ein Quadratmeter Bildung". Es gibt Anfragen aus Frankfurt (Oder), aus Senftenberg. In Cottbus wissen wir, dass es dort Interesse gibt.

Das Gespräch führte Stefan Kunze, rbb-Studio Frankfurt (Oder)

Sendung: Antenne am Nachmittag, 10.10.2017; 15:40 Uhr

 

 

Beitrag von Stefan Kunze

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