Archivbild: Polizeifahrzeuge sperren am 28.02.2017 die Bundesstraße 168 zwischen Oegeln und Beeskow (Brandenburg) ab (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Bild: dpa/Patrick Pleul

Prozess um Morde in Beeskow/Müllrose - Protokoll des Schreckens

Wer ist dieser Mann, der am 28. Februar 2017 in Müllrose bei Frankfurt (Oder) seine eigene Großmutter brutal niederschlägt und ersticht und auf der Flucht vor der Polizei in Oegeln bei Beeskow zwei Polizisten überfährt? Ein Protokoll des Schreckens. Von Michael Lietz

In Frankfurt (Oder) steht derzeit der mutmaßliche Dreifachmörder Jan G. vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen, seine Großmutter und zwei Polizisten umgebracht zu haben. Doch wer ist dieser Mann? Ein Protokoll des Schreckens.

Die Kindheit

Jan G. wird 1992 in Frankfurt (Oder) geboren. Als er drei Jahre alt ist, stirbt sein leiblicher Vater. In dieser Zeit beginnt ein Lebensgefährte der Mutter, ihn und seine beiden Schwestern sexuell zu missbrauchen. Mit zehn, Jan G. besucht die dritte Klasse, kommt er zum ersten Mal in eine psychiatrische Klinik. Knapp acht Wochen lang wird er behandelt, ein IQ-Test (104) bescheinigt ihm eine durchschnittliche Intelligenz. Doch sein Verhalten, aufmüpfig zu sein und nach besonderer Aufmerksamkeit zu streben, ändert sich nicht. Die Verhaltensauffälligkeiten resultieren aus der Erziehungsschwäche und Ambivalenz der Mutter, notieren die Ärzte.

Jan G. schwänzt weiter die Schule. Wenn er anwesend ist, stört er den Unterricht, beleidigt und bedroht Mitschüler. Besonders abgesehen hat er es auf Jungen, die es wagen, mit seiner Freundin zu reden. 2006 und 2007 wird er erneut tageweise in der Psychiatrie untergebracht und anschließend in einem Kinderheim aufgenommen. „Da nahm er schon Drogen“, sagt die erste Freundin von Jan G. aus. Vom Kinderheim aus begeht er mit Komplizen mehrere Einbrüche und wird 2009 wegen „Unführbarkeit“ entlassen.

Die Strafakte

Weil er erneut straffällig wird, muss die 2008 auf Bewährung ausgesetzte Jugendstrafe widerrufen werden. 2013 kommt er zum ersten Mal ins Gefängnis. Weil er im Jugendknast Selbstmord begehen will, Wahnerleben hat und seine eigenen Fäkalien isst, wird der Verdacht geäußert, Jan G. könnte schizophren sein. An seinem 22. Geburtstag (2014) wird er aus der Haft entlassen.

Fortan lebt er bei seiner Großmutter in Müllrose. Doch in geregelte Bahnen kommt Jan G. nicht. Er versucht, wieder Kontakt zu seiner Ex-Freundin aufzunehmen, stellt ihr nach und schreibt ihr: „Elisabeth ich hole dich.“ Eine Ausbildung tritt er nicht an, ein Jahr später jobbt er kurzzeitig im Callcenter.

Seine verordneten Medikamente nimmt er schon seit seiner Entlassung nicht mehr, und auch beim Psychiater erscheint er nicht. Stattdessen wird er immer wieder straffällig. Er stiehlt, droht seiner Mutter und deren Lebensgefährten, sie umzubringen. Verurteilt wird er für die vielen Taten nicht. Wegen Schizophrenie ist Jan G. schuldunfähig, urteilt am 14.11.2016 die 3. Strafkammer des Landgerichtes Frankfurt (Oder).

Zu diesem Zeitpunkt hat Jan G. bereits ein Jahr lang einen vom Amtsgericht Eisenhüttenstadt bestellten Betreuer. Er soll ihn in vertragsrechtlichen- und behördlichen Angelegenheiten vertreten, außerdem erhält er ein Aufenthaltsbestimmungsrecht für Jan G.

Vor der Tat

Im Herbst 2016 erhält der Betreuer von Jan G. zum ersten Mal ein Kündigungsschreiben der Großmutter. Sie verlangt, dass ihr Enkel aus dem gemeinsam bewohnten Haus auszieht. Doch so recht ernst scheint der Betreuer das Schreiben nicht zu nehmen, auch als eine weitere fristlose Kündigung kommt. „Ich weiß nicht, ob ich das überleben werde“, teilt die Großmutter im Dezember 2016 mit. Der Betreuer lässt sich mit der Wohnungssuche weiter Zeit, auch weil Jan G. ankündigte, möglicherweise nach Bayern umziehen zu wollen.

Über soziale Medien hatte er Wawara L. kennengelernt. Unter „Mein Engel“ speichert er sie in seinem Handy ab. Am 6. Dezember fährt er zum ersten Mal zu ihr nach Straubing. Mit dem Auto seiner Großmutter, einen Führerschein hat er nicht. Aus Mitleid lässt sich die 27 Jahre alte Mutter zweier Kinder auf ihn ein. Doch schon am ersten Tag kommt es zum Streit. Sie bekommt Kontakt zu seinem Betreuer. Der Rechtsanwalt rät ihr, ihm Geld vorzustrecken, um mit dem Auto zurück nach Müllrose fahren zu können. Weit kommt Jan G. nicht. In Bayreuth wird er ohne Führerschein erwischt und aufgrund seines labilen psychischen Zustandes in eine geschlossene Klinik eingewiesen.

Am 5. Januar 2017 wird Jan G. aus der Klinik entlassen. Weil er sich in den Wochen zuvor anscheinend so positiv verändert hatte, nimmt seine Freundin ihn wieder auf. Doch es kommt erneut zum Streit. „Seine besitzergreifende Art machte mir Angst. Sobald er trank oder Drogen nahm verstärkte sich seine Psychose“, sagt seine damalige Freundin vor Gericht. Am 22. Februar sehen sich beide zum letzten Mal. Als er im Bus Richtung Heimat sitzt, kündigte sie ihm per SMS die Freundschaft. Seine Antwort lässt nicht lange auf sich warten: „Du Hure, du Schlampe, du Stück Dreck“, schreit er via Sprachnachricht ins Telefon, und später wünscht er ihr den Tod an den Hals: „Du verreckst elendig, dir wird es wehtun, ich hasse dich.“ Zurück in Müllrose berauscht er sich. Ein Wochenende mit Gras und Partydrogen, Shisha-Bars und durchzechten Nächten. Als die Wirkung nachlässt, kommt der Absturz. Es ist der Morgen des 28. Februar 2017.

ARCHIV - Ein Polizeifahrzeug steht am 28.02.2017 vor einem Wohnhaus in Müllrose (Brandenburg). Ein Mann soll hier seine Großmutter umgebracht haben. Auf der Flucht vor der Polizei soll er bei Beeskow auch zwei Polizisten überfahren und getötet haben.
Bild: dpa-Zentralbild

Das Protokoll der Tat am 28.2.17

7.15 Uhr

Zwei Elektriker betreten das Haus im Hohenwalder Weg in Müllrose. Sie sollen im Haus der Großmutter ein paar Lampen auswechseln. Restarbeiten nach einer umfangreichen Instandsetzung der Elektronanlage. Es ist der 79. Geburtstag der alten Frau. Jan G. steht in der Tür, ist durchgeschwitzt und ungepflegt. Er bietet immer wieder seine Hilfe an. „Es war eine unheimliche Situation“, schildert einer der beiden Elektriker den Morgen der Tat.

8.15 Uhr

Marianne G. verlässt das Haus und geht zur Sparkasse Geld holen. Jan G. brüllt sie an, beobachtet die Schwester, die auf dem hinteren Teil des Grundstücks wohnt.

9.10 Uhr

Ein Nachbar beobachtet Jan G. „Er führte sich auf wie ein Hampelmann, rennt von einer Seite zur anderen."

9.20 Uhr

Marianne G. kommt von der Sparkasse zurück. Es kommt zum Streit, weil die Badewanne mit Gegenständen vollgestellt ist. „Es ist doch der einzige Ort, wo ich chillen kann“, sagt Jan G. aus. Jan G., er wollte sich mit einem Honighandel selbständig machen, kippt der Großmutter ein Glas Honig über den Kopf. Dann ruft eine gute Bekannte der Großmutter an. Heidi will zum Geburtstag gratulieren. Doch Jan G. vermutet, die Großmutter wolle ihn verpfeifen. Er reißt das Telefonkabel aus der Wand und schlägt die Großmutter brutal nieder. Sie schleppt sich noch ins Bad, Jan G. verfolgt sie und schneidet ihr die Halsschlagader durch. Es war das Lieblingsmesser der Großmutter, sagt er später aus.

10.00 Uhr

Jan steht vor dem Haus und erwartet den Postzusteller. „Es schien, als würde er auf ein Paket warten“, gibt der Zusteller zu Protokoll.

10.15 Uhr

Jan G. verlässt, nachdem er sich umgezogen hat, das Haus der Großmutter in Müllrose. Er will über Polen fliehen, hat sich deshalb ein Trikot der polnischen Fußball-Nationalmannschaft angezogen. Er fährt zuerst Richtung Frankfurt, am Hohenwalder Berg kommt ihm aber Polizei entgegen. Deshalb dreht er um, fährt erneut in der Nähe des Hauses der Großmutter vorbei, sieht einen Krankenwagen im Möllenweg und nimmt an, jetzt werde sich um die Großmutter gekümmert. Er steuert das Auto der Großmutter Richtung Groß Lindow. Dort wohnen die Eltern seiner ersten Freundin. Weil er sie nicht antrifft, fährt Jan G. nach Beeskow.

10.30 Uhr

Der Nachbar, Lebensgefährte der Mutter von Jan G., ruft den Notarzt und die Polizei. Er hatte den Streit im Haus der Großmutter gehört und gesehen, dass Jan G. das Grundstück verlässt. Zuerst sind zwei Polizisten vor Ort, sie finden die Großmutter. Gegen 11 Uhr trifft die Notärztin Victoria B. ein, sie stellt den Tod der Großmutter fest. Jan G. wird nun als Tatverdächtiger gesucht.

11.00 Uhr

Jan G. trifft in Beeskow ein. Er klingelt an der Tür seiner ersten Freundin, sie beobachtet ihn: „Er wirkte angespannt, schaute sich immer um.“ Weil sie nicht aufmacht, fährt Jan G. weiter zum „Haus des Seins". Es ist eine Wohnstätte für psychisch erkrankte Menschen. Hier hofft er seinen Betreuer zu treffen. Doch der ist ausgerechnet heute nicht da. „ES geht um Leben und Tod“, sagt er ihm schließlich am Telefon. Beide verabreden sich, doch es ist noch Zeit.

11.30 Uhr

In der Frankfurter Straße sieht Jan G. zwei Asylbewerber. Von ihnen erhofft er sich, Drogen zu bekommen. Deshalb bietet er seine Hilfe an. Die beiden Syrer wollen ins Krankenhaus, einer hat einen Röntgentermin.

12.00 Uhr

Jan G. macht Stress bei der Anmeldung. „Blut, Blut“ brüllt er herum, er habe einen Schwerverletzten dabei. Krankenschwestern und Ärzten ist klar, dass der junge Mann unter Drogen steht. Nach der Untersuchung steigen alle drei wieder ins Auto ein, als eine Polizeistreife vorbeifährt. Die beiden Beamten nehmen die Verfolgung auf. Die Flucht führt direkt durch die Innenstadt. Kurz stoppt Jan G., um die beiden Asylbewerber aussteigen zu lassen. Dahinter hält das Polizeiauto. Ein Zeuge wundert sich, warum die Polizisten nicht zugreifen.

Jan G. fährt Schlängellinie, rammt auf der Spreebrücke mehrere Autos und weicht auf dem Gehweg fahrend, gerade so einer Mutter mit Kinderwagen aus. Über das Beeskower Ostkreuz, einem Kreisverkehr an der alten B87, fährt er Richtung Oegeln. Um die Verfolger abzuschütteln, überholt er kurz hinter dem Bahnübergang in einer Kurve einen LKW. Ihm entgegen kommt ein PKW. Nur durch eine Vollbremsung der Fahrerin, eine Zöllnerin aus Cottbus, wird ein Frontalcrash verhindert.

12.15 Uhr

In Höhe der Einfahrt Oegeln an der alten B87 sind die beiden Polizeibeamten Torsten P. und Torsten K. dabei, eine Straßensperre zu errichten. Eine Frontkamera, montiert in einem vorbeifahrenden LKW, filmt die letzten Sekunden. Vor den beiden Polizisten, aber noch nicht auf der Straße, liegt etwas Schwarzes, möglicherweise ein Nagelgurt. Zeugen sagen später aus, dass der Stopstick auch im Moment des Aufpralls nicht auf der Straße lag. Dennoch steuert Jan G. seinen braunen Honda direkt auf die beiden Beamten zu. Mit 150 bis 160 km/h erfasst er die beiden Beamten frontal. Sie sind sofort tot. „Es gibt kein Körperteil, das nicht zerstört wurde“ sagt ein Rechtsmediziner im Prozess.

Das Auto kommt 100 Meter nach dem Aufprall auf einem Feld zu stehen. Jan G. steigt aus und flieht weiter. Er versteckt sich in einem Garten. Als er den ersten Beamten sieht, springt er mit erhobenen Mittelfingern hin und her und wundert sich später, dass der Beamte nicht geschossen hat. Jan G. versteckt sich an einer Scheune. Als der Moment günstig ist, springt über Zäune auf die Oegelner Siedlerstraße, stoppt ein heranrollendes Auto und setzt sich auf den Beifahrersitz. „Fahr los“, befiehlt er, doch dem Fahrer, ein örtlicher Bauunternehmer, gelingt es, aus dem rollenden Fahrzeug zu springen. Jan G. wechselt auf den Fahrersitz, legt den falschen Gang ein. Der herannahende Polizist schlägt mit einem Schlagstock auf die Frontscheibe und zerstört sie auf der Fahrerseite.

Rückwärts fahrend stößt Jan G. mit einem abgestellten Transporter zusammen. Mit quietschenden Reifen gelingt ihm schließlich die erneute Flucht. Kurz hinter Oegeln verliert er jedoch die Kontrolle, das Fahrzeug überschlägt sich, doch Jan G. flüchtet weiter zu Fuß. Er versteckt sich im Schilf und wird kurze Zeit später, stark am Arm blutend und pitschnass, festgenommen. „Eine Stunde später wäre er erfroren gewesen“, sagt der Rettungsarzt aus, der Jan G. kurz nach der Festnahme notversorgt.

Ein Fahrzeug der Kriminalpolizei steht am 28.02.2017 in Müllrose. (Quelle: imago/Olaf Wagner)
Bild: imago/Olaf Wagner

Der Prozess

Seit dem 17. Oktober 2017 muss sich Jan G. vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) verantworten. Er ist u.a. wegen dreifachen Mordes angeklagt. Ein Gutachter hält ihn für nicht schizophren, sondern für eingeschränkt schuldfähig. Laut Staatsanwaltschaft hat er besonders schwere Schuld auf sich geladen. Weil von ihm eine erhebliche Gefahr für die Allgemeinheit ausgehe, beantragt Staatsanwalt Jörg Tegge schon mit Verlesen der Anklageschrift die Unterbringung in der Sicherungsverwahrung. Seit dem zweiten Verhandlungstag werden unzählige Zeugen vernommen. Nach 20 Verhandlungstagen will das Landgericht Frankfurt (Oder) das Urteil im sogenannten "Dreifachmord-Prozess" sprechen. Die Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft wegen Mordes. Die Anklage hingegen plädiert auf eine zwölfjährige Haftstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung und Totschlag. 

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