Manja Präkels: Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß
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Antenne Brandenburg am Nachmittag | 28.02. 15.40 Uhr | Bild: rbb|pr

Regionaler Buch-Tipp - Manja Präkels erzählt von der Angst vor Neonazis nach der Wende

Glatzen und Spingerstiefel haben in Brandenburg in den 90er-Jahren Angst und Schrecken verbreitet. Neonazis wollten "national befreite Zonen" schaffen, in denen sie das Sagen haben. Davon handelt Manja Präkels Roman "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß".

Manja Präkels war 15 Jahre alt, als die Mauer fiel. In Zehdenick geboren und aufgewachsen spielt ihr Roman "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" auch dort und in Oranienburg. Stark autobiografisch geprägt, ist das Buch dennoch mehr als eine Selbstvergewisserung über das eigene Leben.

Beim Titel des Buches liegt der Gedanke nahe, dass es sich um Effekt-Hascherei handelt. Aber Präkels bündelt in ihm tatsächlich das Wesentliche ihres Buches. Sie beschreibt, wie sie mit ihrem Kindheitsfreund aus der Nachbarschaft Schnapskirschen gegessen hat. Wenn die Eltern zusammen feierten, machten sich Oliver und Mimi einen Spaß daraus, die gefüllten Pralinen unterm Tisch zu teilen. Dieser Oliver entwickelt sich in der Folge zu einem Neonazi, der von allen "Hitler" gennant wird.  

Mehr als eine Autobiografie

Diese Anlage macht deutlich, dass Manja Präkels in disem Roman mehr will, als nur die historische Situation zu schildern. Sie erzählt konsequent aus der Ich-Perspektive von Mimi, wie die kleinstädtischen Strukturen nach 1989 zerfallen, wie mit der Zerfall der DDR auch das moralische Korsett einer Gesellschaft verloren ging.

Diese Mimi wird zu einer Linken. Oder "Zecke", wie sie von den Neonazis diffamiert  wurden. Oliver rutscht in die rechte Szene ab, entwickelt sich zum Anführer einer Gruppe, die ihre politische Gesinnung mit Kriminalität zu einem einträglichen Geschäft macht. Aus den Freunden Mimi und Oliver werden Gegner. Aber ein Rest der alten Bindung bleibt bestehen. Gegen Ende begreift Mimi, dass er immer wieder seine schützende Hand über sie gehalten hat.

Lesenswerter Wenderoman

Anfangs ist der Roman von vielen kleinen Szenen geprägt, die das Leben Mimis als Kind und Schülerin in der DDR schildern. Die vielen Schlaglichter erschweren die Lektüre, weil kein richtiger Lesefluss entstehen will. Dennoch zeigen sie die auf der einen Seite heile Welt der Tochter einer Pionierleiterin und die Verlogenheit in Familie und Umgebung.

Mit dem Fall der Mauer nimmt das Buch dann an Intensität und Gestaltungskraft zu. In demn Moment, in dem Manja Präkels ihr eigentliches Thema gestalten kann, gelingt ihr ein packender Text. Zwar ist sie immer ganz nah bei Mimi. Aber es gelingt ihr, die Ambivalenz der Gefühle der jungen Frau in der Schwebe zu halten. Natürlich ist da die Abneigung auf die Neonazis. Aber es ist auch immer zu spüren, dass diese jungen Menschen sehr viel zu tun haben - bis hin zum kleinen Bruder, der im Fußballverein auch in den rechten Dunstkreis gerät.

Manja Präkels "Als ich mit Hitler Schnapskirsche aß" ist ein Roman, der ein wichtiges Kapitel deutscher Nachwende-Geschichte thematisiert. Er hilft auch dabei, die Akzeptanz der AfD heute besser zu verstehen. Trotz dieser Absicht ist das Buch aber vor allem ein lesenswerter Wenderoman.

Beitrag von Andreas Oppermann

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