(Quelle: rbb|Andreas Oppermann)
Audio: Antenne am Nachmittag | 27.07.2018 | Andreas Oppermann | Bild: rbb/Andreas Oppermann

Regionalgeschichte - Helmut Suter erlegt Honeckers letzten Hirsch noch einmal

Jagd ist kein alltägliches Hobby. Auch im Arbeiter- und Bauernstaat DDR war sie keine Selbstverständlichkeit. Erich Honecker und andere Parteigrößen sicherten sich riesige Jagdgebiete. Das Wichtigste war die Schorfheide. Der Jagdhistoriker Helmut Suter beschreibt in "Honeckers letzter Hirsch", wie die Jagd in der DDR Ausdruck und Mittel der Diktatur war.

In dem Buch "Honeckers letzter Hirsch" schreibt der Jagdhistoriker Helmut Suter über Erich Honecker und anderen Parteigrößen, die sich in der DDR riesiege Jagdgebiete sicherten.

Niemand kennt sich in der Jagdgeschichte der Schorfheide besser aus als der Leiter des Schorfheidemuseums im gleichnamigen Schloss. Helmut Suter aus Groß Schönebeck hat schon einige Bücher über die Jagd in verschiedenen Epochen geschrieben. Sein neuestes Buch - "Honeckers letzter Hirsch - Jagd und Macht in der DDR" - schreibt das "Jagd und Macht - Die Geschichte des Jagdreviers Schorfheide" weiter. Anhand einer enormen Aktenfülle - etwa aus der Stasiunterlagenbehörde - nimmt Suter jetzt auch alle anderen staatlichen Jagdgebiete in der DDR in den Blick.

Eigentlich galt in der DDR der Slogan: "Die Jagd gehört dem Volke." Im ganzen Land waren Tausende in den Jagdgenossenschaften organisiert. Aber die schönsten Jagdgebiete waren für sie tabu. Dort wollte die Staats- und Parteiführung ungestört vom Volke jagen. Denn neben dem Hang zur Exklusivität gab es natürlich auch die Angst vor Attentaten. Jäger haben Waffen - auch wenn die meisten Jäger sich immer ein Gewehr ausleihen mussten. Aber die Furcht vor dem Jäger, der nicht aufs Wild, sondern auf den Parteibonzen im Lodenmantel anlegt, war groß.

Fakten und Geschichten

Helmut Suter erzählt viele Geschichten, die zur Anekdote taugen. Das macht er wie nebenbei, um die Ergebnisse seiner Recherche zu präsentieren. Etwa wenn er davon erzählt, wie Margot Honecker bei geöffnetem Fenster im Jagdhaus Wildfang nicht schlafen konnte. Es waren nicht die Tiere oder unheimliche Laute, die sie wach hielten. Es waren die Stiefel der Personenschützer. Deren Knarzen raubte ihr den Schlaf. Und deshalb wurden sie angewiesen, nur noch mit Turnschuhen ihre nächtlichen Patrouillen zu laufen.

Skurril ist auch, dass der bereits von Egon Krenz abgesetzte Erich Honecker am Abend vor dem Mauerfall in der Schorfheide sehr erfolgreich auf der Pirsch war. Drei Rot- und drei Damhirsche erlegte er, während sich in der DDR der Groll der Massen über das Versagen der SED immer weiter zusammenbraute. Allein die Zahl der erlegten Tiere zeigt schon, dass Honecker kein gewöhnlicher Jäger in einem normalen Jagdrevier war. In der Schorheide wurden Tiere aus anderen sozialistischen Bruderländern ausgesetzt, um Honecker oder Erich Mielke den Spaß an der Jagd zu garantieren.

Männerbünde unter Jägern

Die Jagd war auch in der DDR eine besondere Möglichkeit, um Männerfreundschaften zu pflegen. Wer wie Erich Honeckers Vorgänger Walter Ulbricht nicht zur Jagd ging, dem konnte das sogar auf die Füße fallen. Ulbricht freute sich, dass Honecker sich um jagende Staatsgäste kümmerte und er selbst davon verschont blieb. Persönlich war das ein Fehler von Ulbricht. Denn bei der Jagd betreute Honecker unter anderen Leonid Breschnew. Beide bauten ein Vertrauensverhältnis auf. Ohne dieses Vertrauen wäre es wahrscheinlich nicht möglich gewesen, Ulbricht zu stürzen und selbst die Nummer Eins zu werden.

Helmut Suter hat seinen Band um eine Fülle von Fotos und Bildern ergänzt. Es ist keine nüchterne Abhandlung über die Jagd. Suter findet den richtigen Ton, um sachlich sein Thema zu beschreiben. Die Mischung von Text und Bild macht das abwechslungsreiche Buch über unsere jüngste Geschichte, das anhand der Jagd das Funktionieren der Diktatur erklärt, aus.

Beitrag von Andreas Oppermann

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