(Quelle: rbb/Andreas Oppermann)
Audio: Antenne am Nachmittag | 02.05.2018 | Bild: rbb/Andreas Oppermann

Buch-Tipp - Julia Schochs Portät der Wendegeneration

Was wurde aus den Trämen der Wendegeneration? Das analysiert Julia Schoch aus Bad Saarow in "Schöne Seelen und Komplizen". In ihrem neuen Roman läßt sie 16 Schülerinnen und Schüler im Wendejahr von sich erzählen - und dann noch mal knapp 30 Jahre später. Von Andreas Oppermann

Auf dem Schutzumschlag steht zwar "Roman". Aber im eigentlichen Sinne ist "Schöne Seelen und Komplizen" von Julia Schoch kein Roman. Die Autorin verzichtet auf einen Erzähler, der die Entwicklung einer Handlung begleitet. Stattdessen hat sich Julia Schoch dafür entschieden, gleich 16 Ich-Erzählern das Wort zu geben. Auf eine richtige Handlung verzichtet sie auch. Sie rückt das Nachdenken der Erzähler über sich, ihre Klassenkameraden und Lehrer in den Mittelpunkt.

All diese kurzen Ich-Erzählungen beziehen sich aufeinander, weil sie alle in eine Klasse auf einem Potsdamer Gymnasium gehen. Mit dem Besuch der DDR-Eliteschule ist eigentlich eine gute Zukunft im SED-Staat sicher, wenn man sich ausreichend anpasst. Für die jungen Männer ist eine dreijährige Dienstzeit in der NVA gewünscht. Darüber denken einige der Jungs auch nach. Viel mehr Gedanken aber machen sie sich über die typischen Probleme von Pubertierenden: Liebt er/sie mich? Kann er/sie küssen? Warum ist der/die so ein tollerTyp? Daraus entsteht ein interessantes Bild der DDR zur Zeit des Mauerfalls und erster Besuche in Westberlin. Die Erfahrungen der Pubertät bleiben dabei für die Jugendlichen deutlich wichtiger als die politische Veränderungen.  

30 Jahre später

Der zweite Teil nimmt dieselben Personen knapp 30 Jahre später in den Blick. Jetzt haben sie eine ganz andere Lebenserfahrung. Sie blicken auf geplatzte Träume, emotionale Niederlagen oder geglückte Karrieren zurück. Aber es gibt auch den Einzelgänger, der schon unter den Mitschülern gelitten hat und in Depression versunken ist, bis er sich das Leben nimmt. Julia Schoch lässt ihre Ich-Erzähler auch jetzt nicht mehr als vier Seiten am Stück über sich nachdenken.

Da sie konsequent das eigene Leben der Figuren in den Mittelpunkt stellt, schafft sie es, naheliegende Gefühle wie Ostalgie zu vermeiden. Zwar gibt es immer wieder Bemerkungen über den Städtebau in der Nachwendezeit oder Erinnerungen an früher, aber die gesellschaftlichen Umstände werden nie zur Ausflucht, weshalb die großen Hoffnungen des Wendejahres meist nicht in Erfüllung gingen. Vielmehr steht die schonungslose Analyse im Mittelpunkt.

Elegante Sprache

Jeder Roman, jeder Film, jede Serie ist konstruiert. Bei Julia Schochs Buch ist das faszinierende, dass die Konstruktion aufgeht. Sie bündelt die Fülle der einzelnen Geschichten zu einem Erzählstrang, ohne den Leser zu verwirren. Zwar dauert es einen Moment, bis man sich auf die vielen Ich-Erzähler einlassen kann, aber da Julia Schoch die Jugendlichen jung und die Erwachsenen erwachsen klingen lässt, funktioniert das gut. Aus den privaten Rückblicken entsteht in der Fülle auch eine gesellschaftliche Rückschau. Fast beiläufig werden die Veränderungen reflektiert - und das Älter-Werden. Das ist elegant, anregend und einfach gut.  

Beitrag von Andreas Oppermann

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