Michael Kurwelly mit Bundesverdienstorden am Bande
Bild: Stefan Kunze/rbb

"Schöner als erwartet" - Frankfurter Künstler Kurzwelly erhält Bundesverdienstorden

Seit 20 Jahren bringt der Künstler Michael Kurzwelly mit seinen Aktionen im Stadtraum von "Slubfurt" Deutsche, Polen und Zugewanderte zusammen und regt zum Mitwirken an. Dafür erhielt er jetzt den Bundesverdienstorden am Bande. Von Stefan Kunze

Michael Kurzwelly erfindet Stadträume mit eigenem Grundgesetz und Parlament und sogar Grenzräume als Länder mit eigener Fahne, Hymne und Sprache und ist doch das genaue Gegenteil von so genannten Reichsbürgern. Denn seine Ideen und Aktionen bringen spielerisch und kreativ Menschen dazu, sich zu vernetzen und gesellschaftspolitisch zu engagieren. Als eine von "16 tollen Ideen für ein gelebtes Grundgesetz" erhielt der Frankfurter Aktionskünstler für die von ihm initiierten Projekte "Słubfurt" und "Nowa Amerika" den Bundesverdienstorden am Bande.  

Ordensverleihung zum Verfassungsjubiläum im Schloss Bellevue am 22. Mai 2019
Michael Kurzwelly aus Frankfurt (Oder) erhält den Verdienstorden am Bande | Bild: Brandenburg aktuell/rbb

"Ich bin jetzt auf der niedrigsten Stufe angelangt"

Am Ende der rund zweistündigen Feierstunde mit Musik, Rede des Bundespräsidenten, Laudatio, Diskussion und Nationalhymne strahlt Michael Kurzwelly über das ganze Gesicht und ist stolz über das Verdienstkreuz am Bande, dessen Mitte der Bundesadler ziert. Den Orden trägt er am Revers seines Jacketts. "Ist tatsächlich schöner als erwartet", grinst er und fügt hinzu, dass er mit dem Verdienstorden am Band die niedrigste Auszeichnung aller möglichen Orden erhalten habe, die die Bundesrepublik zu vergeben hat, "also ich bin jetzt sozusagen auf der niedrigsten Stufe angelangt".

Feierstunde zu 70 Jahren Grundgesetz am 22.5.2019 im Schloss Bellevue
16 Frauen und Männer erhalten am 22.5.2019 das Bundesverdienstkreuz am Bande - darunter auch Michael Kurzwelly, links neben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier | Bild: Stefan Kunze / rbb

"Słubfurt" wurde als eine von 16 Ideen für ein gelebtes Grundgesetz ausgezeichnet

Was für Kurzwelly die niedriegste Stufe der möglichen Auszeichnungen ist, ist gleichzeitig die höchste Anerkennung, die die Bundesrepublik für Verdienste um das Gemeinwohl aussprechen kann. Einen Tag vor dem Verfassungsjubiläum überreichte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einer Matinée in Schloss Bellevue anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Grundgesetzes an sechzehn Frauen und Männer aus allen Bundesländern den Verdienstorden am Bande. Kurzwelly ist als Vertreter für das Land Brandenburg ausgewählt worden.

Michael Kurzwelly in Schloss Bellevue am 22. Mai 2019
M. Kurzwelly mit Verdienstorden am Bande und Urkunde | Bild: Stefan Kunze/rbb

Kurzwelly wünscht sich zum Verfassungsjubiläum eine Stärkung der Bürgergesellschaft

Als der 56-jährige vor ein paar Wochen vom Bundespräsidialamt einen entsprechenden Brief in den Händen hielt, war er überrascht und hocherfreut. Dass seine Ehrung verknüpft ist mit dem Verfassungsjubiläum stört ihn nicht, im Gegenteil, "im Grundgesetz sind ja die Bürgerrechte verankert und in den Projekten wie 'Słubfurt' geht es natürlich grenzüberschreitend auch um Bürgergesellschaft. Insofern ist mir das natürlich nicht völlig fremd, dass ich dafür eingeladen werde, sondern mein Demokratiebegriff beruht eben nicht nur darauf, alle vier oder fünf Jahre mein Kreuzchen zu machen, sondern sich aktiv mit seinen eigenen Ideen einzubringen und insofern denke ich schon, sehe ich mich da schon in der richtigen Linie", sagt er und fügt hinzu, dass er sich anlässlich von 70 Jahren Grundgesetz auch eine Stärkung dieser Idee von Bürgergesellschaft wünsche.

Text der Laudatio für Michael Kurzwelly
Text der Laudatio zum Verdienstorden am Bande für Michael Kurzwelly | Bild: Stefan Kunze/rbb

Der fiktive Stadtraum Słubfurt und Nowa Amerika sind "Wirklichkeitskonstruktionen"

1999 erfand der gebürtige Bonner Słubfurt, einen Stadtraum, in dem er die an der deutsch-polnischen Grenze gelegenen Städte Frankfurt (Oder) und Słubice zu einer gemeinsamen Stadt zusammendachte. Das "andauernde Experiment" hat eine eigene Stadtmauer, ist im Register Europäischer Städtenamen eingetragen und hat seit 2009 ein eigenes Stadtparlament, bei dem jeder, der zur Sitzung kommt, automatisch als Stadtverordneter eine Stimme hat.

Ein Jahr später gründete Kurzwelly mit deutschen und polnischen Theater- und Filmemachern, Historikern, Lehrern sowie weiteren Künstlern und Bewohnern eine weitere "Wirklichkeitskonstruktion", wie er es nennt: Den deutsch-polnischen Lebensraum "Nowa Amerika" mit vier Bundesstaaten und der Hauptstadt "Słubfurt". Bezugsgröße war kein geringerer als Friedrich der Große. Dieser ließ im 18. Jahrhundert das Warthebruch, "Neu-Amerika", trockenlegen und versprach den Bauern Steuererleichterungen, wenn sie von einer Auswanderung nach Amerika absähen.  
Einmal im Jahr treffen sich die etwa 150 Mitwirkenden von "Nowa Amerika", um das deutsch-polnische Netzwerk zu vertiefen, aber auch um neue Projekte zu entwickeln, damit sich deutsche und polnische Bürger gemeinsam in der Grenzregion engagieren.

Diskussion mit dem Bundespräsidenten im Anschluss an die Verleihung des Verdienstordens am Bande am 22.5.2019
M. Kurzwelly diskutiert mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeiner, Elke Büdenbender und anderen Ordenträgern über Bildungspolitik im Schloss Bellevue | Bild: Stefan Kunze / rbb

Anerkennung für 20 Jahre Arbeit und Ehrung aller Mitwirkenden

Deswegen empfindet der Künstler die Auszeichnung mit dem Verdienstorden am Bande durchaus als "eine Anerkennung von 20 Jahren Arbeit", aber sofort fügt er hinzu, "dass ich hier nicht der einzige Macher bin von 'Nowa Amerika' oder 'Słubfurt'. Beides sind im Grunde genommen partizipative Projekte, Netzwerke, wenn man so will, die von vielen Mitwirkenden getragen werden, wie zum Beispiel das Bürgerradio 'Słubfurt'. Diese Dinge entstehen nur, weil jemand da ist, der dafür Leidenschaft entwickeln kann und insofern empfinde ich das durchaus auch als eine Ehrung für all die, die mitmachen."

Während des "freundlichen, wohlwollenden Händedrucks" bei der Überreichung des Ordens durch den Bundespräsidenten hatte Kurzwelly Gelegenheit zu einem ersten Smalltalk mit Frank-Walter Steinmeier. Dieser habe ihm gegenüber erwähnt, wie wichtig es gerade in der deutsch-polnischen Grenzregion sei, was er mit Słubfurt bewege. "Ich sehe das als eine Aufforderung, weiter zu machen, insbesondere auch mit den Słubfurter Neubürgern, die nicht mehr nur aus Frankfurt und der polnischen Nachbarstadt Słubice, sondern auch aus Kamerun, Syrien und Afghanistan kommen."

Akzeptanz der Projekte von Michael Kurzwelly ist außerhalb von Frankfurt (Oder) größer

Seit dem Umzug des "Brückenplatzes", einer in Eigenregie von Bürgern gestalteten Brache an der Stadtbrücke mit Jurte, Bmx-Bahn oder Volleyballfeld, in eine Turnhalle in der Innenstadt im Jahr 2015 leistet Kurzwelly mit Słubfurt auch einen Teil der Integrationsarbeit zwischen den verschiedenen Kulturen in der Stadt. Dafür erhält der Künstler, der sich seit zehn Jahren auch kommunalpolitisch bei den Grünen engagiert und zudem Mitglied im Integrationsbeirat der Stadt ist, nicht immer Zustimmung.

Aber das kennt er schon, denn ob Hahnenschrei-Casting für die Beschallung der Oderbrücke zur vollen Stunde, Zigarettenstangenweitwurf oder Golfen über die Oder: Michael Kurzwelly erntete mit seinen immer auch mit viel Humor versehenen Aktionen schon in der Vergangenheit häufig mehr Verständnis außerhalb von Frankfurt (Oder) als in der Stadt selbst.

Auszeichnung hilft für die weitere Arbeit

Daher hat er im Anschluss an die Verleihung weniger im Sinn gehabt, ein weiteres Foto mit dem Bundespräsidenten zu bekommen, als vielmehr die Gunst der weiteren Stunde zu nutzen. Denn, so Kurzwelly, "diese Art von Anerkennung erlebe ich jetzt als etwas, das uns vielleicht bei der weiteren Arbeit nur anfeuern kann".

Das heißt für den umtriebigen Aktivisten nichts anderes, als Kontakte zu knüpfen, um möglichst auch in Zukunft Fördergelder zu erhalten, damit die von ihm erdachten Projekte fortbestehen können, zumal das Bundesverdienstkreuz am Bande nicht mit einem Preisgeld verbunden ist.

Anders als der Förderpreis "DIE/KUNST/EUROPA", den Michael Kurzwelly stellvertretend für "Słubfurt" bereits im November 2018 von der Stadt Bautzen erhalten hatte, und der mit 2.500 Euro Preisgeld verknüpft war.
Ein weiterer Unterschied besteht auch darin, dass sich Kurzwelly dieses Mal selbst eine Kleiderordnung auferlegt hat und damit vielleicht sogar seine Kritiker verblüffte: "In der Einladung stand nichts dazu drin, aber ich habe mir tatsächlich erstmals einen ordentlichen Anzug gekauft".

Sendung: Antenne Brandenburg, 22. Mai 2019

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