Eberswaldes Händler starten Werbekampagne in der Coronakrise - Warum den kleinen Städten die Zukunft gehört

Video: Brandenburg Aktuell | 08.04.2021 | Fred Pilarski
Video: Brandenburg Aktuell | 08.04.2021 | Fred Pilarski | Bild: screenshot/rbb

Die Lockdowns sorgen dafür, dass etliche Einzelhändler die Corona-Krise nicht überstehen werden. Eine Verödung der Innenstädte muss dennoch nicht die Folge sein, sagen Stadtplaner und Wissenschaftler. Beispiele aus Ostbrandenburg. Von Fred Pilarski

„Aber das ist doch nicht nötig!“ - 10 Euro Trinkgeld für eine geänderte Bluse, das ist wirklich ungewohnt. Normalerweise erledigt Dana Kasch kleine Näharbeiten für ihre Kundinnen kostenlos. Auch jetzt in der Corona-Krise, da sie ihre Stammkundin nicht einmal hineinbitten darf in die Boutique. Wo es sonst zum Schwätzchen den Espresso gibt. Nun wird das Bestellte vor der Tür übergeben.

Dana Kasch eberswalde
Dana Kasch. | Bild: screenshot/rbb

Werbebanner für die Zeit danach

Für die Ladeninhaberin der Eberswalder Boutique „Kokada“ nährt die kleine Szene mit dem großen Trinkgeld einen Rest Hoffnung: Die Kundinnen bleiben dem Geschäft verbunden. So könnte es nach der Krise also doch noch weitergehen. Drinnen wartet die Sommerkollektion auf Kundschaft und das Ende des Lockdowns.

Mitten in der Corona-Krise hat sich Dana Kasch fotografieren lassen für eine Art Werbebanner. In elegantem langem Kleid, mit selbstbewusstem, freundlichem Blick in die Kamera. Das Bild gehört zu einer Reihe von Schwarzweiß-Porträts, die der Eberswalder Fotograf Torsten Stapel von Gewerbetreibenden aus der Innenstadt aufgenommen hat. Eine Galerie von 25 großformatigen Bildern auf Stoffbahnen ist so zusammengekommen. Nun hängt sie wie eine Open-Air-Ausstellung in der City. Dazu die Botschaft in Großbuchstaben: „Wir warten auf Euch!“ bei Läden im Lockdown oder „Wir starten mit Euch“ bei Läden, die geöffnet sind.

Ein besonderer Witz der Aktion besteht darin, dass die Händler nicht nur für sich selbst werben, sondern die Banner untereinander tauschen. Frau Kasch flattert nun vor dem benachbarten Juweliergeschäft im Wind. Das Porträt der Schmuckhändler-Paars wirbt vor der Boutique.

Juwelier Andreas elling eberswalde
Andreas Elling. | Bild: screenshot/rbb

„Wir können allein nicht überleben“

Für Andreas Elling ist diese Strategie ganz folgerichtig, auch wenn sich seine Kunden kaum vorstellen können, dass die Juweliere je in Existenznot kommen. Ellings Goldschmiedegeschäft existiert immerhin seit 1749 – in siebter Generation. „Seit den Schlesischen Kriegen haben wir schon einiges erlebt“, bemerkt Andreas Elling trocken. Als Handwerksbetrieb ist das Unternehmen mit seinen sieben Beschäftigten auch nicht ausschließlich vom Umsatz an der Ladentheke abhängig. Und dennoch kann sich der Uhren- und Schmuck-Spezialist nicht von seinem Umfeld abkoppeln.

„Wir sind als Innenstadt ja wie ein Marktplatz. Wir könnten allein nicht überleben, wenn neben uns die Geschäfte schließen müssen oder nicht mehr öffnen können.“ Deshalb engagiert sich Elling seit Jahren im Verein „Altstadtbummel“ für Shopping-Nächte und verschiedene Kulturevents.

georg werdermann amtsleiter stadtplanung eberswalde
Georg Werdermann. | Bild: screenshot/rbb

Kommune fördert Digitalkonzepte

Genau das ist es, was für den Eberswalder Stadtmarketing-Chef Georg Werdermann der Innenstadt die Zukunft nach Corona sichern kann. Die Pandemie wirke wie ein Katalysator für eine Entwicklung, die längst angelegt ist, sagt der promovierte Stadtplaner. Dabei würden einzelne Geschäfte auf der Strecke bleiben. Das Konzept, einfach nur Dinge ins Schaufenster zu stellen, die man auch im Internet kaufen kann, habe ausgedient.

„Wir müssen etwas hinzutun. Etwas das als Erlebnis wahrgenommen wird.“ Deshalb hat die Stadt die Kampagne mit den Bannern auf den Weg gebracht. Sie unterstützt aber auch digitale Konzepte der Händler wie die Einrichtung von Webshops. Zudem fördert die Kommune für den besseren Neustart Ladenausstattungen wie Regalsysteme, Markisen und ähnliches. 230.000 Euro hat die Stadt dafür im Haushalt eingestellt. Der Fördertopf ist bereits ausgeschöpft.

Glücksfall Landratsamt

In der Barnim-Kreisstadt Eberswalde empfinden es viele als Glücksfall, dass 2007 mit dem Paul-Wunderlich-Haus vor dem Marktplatz kein dröges Landratsamt sondern eine Art Kulturhaus mit angeschlossener Kreisverwaltung eröffnet worden ist. Mit Läden und Café und einem multifunktionalen Saal, der mehr als Stadthalle denn als Tagungsort wirkt. Neben einem Film- und einem Jazzfestival hat hier die samstägliche Veranstaltung „Guten Morgen, Eberswalde“ ihre Heimat. Das Kultur- und Shopping-Event wird auch in der Corona-Zeit fortgesetzt – allerdings im virtuellen Rahmen.

Einen ähnlich stabilisierenden Einfluss auf die Innenstadt hat die Hochschule für nachhaltige Entwicklung, deren Campus auch mitten in der Stadt liegt. Studierende und Lehrkräfte nutzen die umliegenden Biomärkte und -bäcker, kaufen auf dem Wochenmarkt ein, bewegen sich eher nicht mit Autos.

„Entschleunigung ist Lebensqualität“

„Entschleunigung ist Lebensqualität“, sagt Dr. Ariane Sept vom Leibniz-Institut für Regionalplanung und Stadtentwicklung (IRS) in Erkner. Für die Wissenschaftlerin ist das, was sich in Eberswalde und anderen Brandenburger Klein- und Mittelstädten zeigt, ein deutlicher Trend. „Den kleinen Städten gehört die Zukunft“, zumindest denen, die ein Bewusstsein für die eigenen Stärken entwickeln. Die das Zentrum wieder als Ort zum Wohnen, für Gastronomie und Kultur entdecken. Der Rückzug des stationären Einzelhandels sei schon lange vor Corona zu beobachten gewesen. Fußgängerzonen mit uniformem Handelsketten-Look hätten wenig Zukunft.

Angermünde setzt auf Kultur

Das sieht man mittlerweile auch in kleineren Brandenburger Städten so. Angermünde hat sein Museumsgebäude am Rand der Stadt einer freien Schule übergeben. Nun ist das Museum mit neuem Konzept gemeinsam mit der Touristinfo auf dem Marktplatz zu finden. Das letzte verfallene Fachwerkhaus der Altstadt wurde dafür saniert. Ein Grund mehr, ins historische Zentrum zu kommen. Bürgermeister Frederick Bewer (parteilos) setzt für die Zeit nach Corona auf kleinteilige und niedrigschwellige Kulturveranstaltungen in der Stadt. Auch mit Blick auf die wachsende Bedeutung des Tourismus in seiner Region.

Aufbruchstimmung in Oderberg

Selbst im kleinen Oderberg – lange Zeit ein Sinnbild des Abgehängtseins – regt sich Aufbruchstimmung. Der Einzelhandel in der früheren Hauptgeschäftsstraße ist fast zum Erliegen gekommen. Mittlerweile nutzen Künstler die Freiräume. Im eben noch verfallenden Oberkiez an der Alten Oder wird ein altes Haus nach dem anderen saniert.

Beeskow: Zukunft als sozialer Ort

Beeskow hingegen möchte sich anderer Stärken besinnen. Von der Idee der Innenstadt als „Erlebnisort“ hält Bürgermeister Frank Steffen (SPD) nicht ganz so viel wie seine Kollegen in Eberswalde oder Angermünde. „Ich nenne das so eine Art Disneyland in der Innenstadt. Dort werden wir bespaßt und unterhalten. Verantwortlich ist die jeweilige Kommune, die Feste und Events organisiert, bei denen sich die Menschen dann treffen. Ist das wirklich ein erstrebenswertes Modell der Innenstadt?“, fragt Steffen in einem privaten Blog-Beitrag. Lieber möchte er die Städte als „soziale Orte“ definieren.

„Preiswerte Wohnungen für alle Altersgruppen, Arbeiten im Homeoffice, Co-Working, nachhaltige Dienstleistungen wie Schuster und Schneider, Ärzte, Physiotherapien, Friseure, Floristen, Bibliotheken und Familienzentren gehören in die Innenstadt. Daneben Cafés und regionale Anbieter von Lebensmitteln runden diese sozialen Orte ab.“ So schaffe man Orte der Begegnung auch ohne permanente Events. Und zwei weitere Dinge seien für die Lebensqualität in jeder Innenstadt wichtig: „weniger Autoverkehr und das beste WLAN der Stadt“.

Sendung: Brandenburg aktuell, 08.04.2021, 19:30 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.

    Typisch "Nur ein Berliner" ... vergisst Spandau zu erwähnen, von Kladow mal ganz zu schweigen. Leute gibts ;-).

  2. 1.

    Wenn kleinen Städten die Zukunft gehört, wäre es dann nicht an der Zeit, den historischen Fehler zu bereinigen, den Berlin vor rund 100 Jahren begangen hat?
    - Die Bildung Groß-Berlins aus vielen kleinen, unabhängigen Orten und Landgemeinden ...

    Zurück zur Unabhängigkeit von Wilmersdorf, Schmargendorf und Steglitz vom Großstadtmoloch Berlin-Mitte!!

    Wer startet die Separatismus-Petition an den Senat ?

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