Buchrezension - Wie der Klimawandel das Leben aller verändern wird

Do 23.09.21 | 14:16 Uhr
Der Buchtitel "Deutschland 2050" in der rbb-Rezension. (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Wie lebenswert wird "Deutschland 2050" angesichts des Klimawandels noch sein? Dieser Frage gehen die Autoren Toralf Staud und Nick Reimer in ihrem aktuellen Sachbuch nach. Neben Szenarien für die Zukunft richtet sich der Blick auf die heute schon spürbaren Folgen. Von Andreas Oppermann

Deutschland spürt den Klimawandel. Ob die Dürresommer der vergangenen Jahre oder die Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, die Veränderung des Klimas wird von der Wissenschaft nicht mehr in Frage gestellt. Nick Reimer und Thoralf Staud zeigen in ihrem aktuellen Buch, wie wir in Deutschland im Jahr 2050 leben werden.

Schlechte Prognosen für die Zukunft

"Deutschland 2050 - Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird" ist keine Science-Fiction, sondern ein Buch, das uns präsentiert, was die Wissenschaft über unsere Zukunft schon ganz sicher weiß. Die beiden Autoren beschäftigen sich schon seit vielen Jahren mit dem Klimawandel. Sie kennen unzählige Studien, die in den vergangenen 30 Jahren veröffentlicht wurden. Für ihr Buch haben Reimer und Staud diesen Berg an klimawissenschaftlichem Wissen für die Leserinnen und Leser so aufbereitet, dass aus abstrakten Zahlen wie 1,5-Grad- oder 2-Grad-Ziel begreifbare Szenarien werden.

Es ist frappierend, wie genau die Prognosen der Klimaforscher waren, die vor 25 oder 30 Jahren gemacht wurden. Plastisch erzählen sie das an einer Studie, die das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung 1997 gemacht hat. In ihr war erstmals vor der drohenden Versteppung Brandenburgs gewarnt worden. Und von massiven Starkregen-Ereignissen, wie wir sie aktuell auch erleben.

Wer das Wetter der vergangenen fünf Jahre Revue passieren lässt, muss eigentlich erkennen, dass der Klimawandel kein Thema der Zukunft, sondern bereits der Gegenwart ist. Die brandenburgische Staatskanzlei versuchte, so schildern es Reimer und Staud, damals das Wort Versteppung aus der Studie entfernen zu lassen. Das würde die Menschen nur verschrecken.

Aktueller Zustandsbericht auch aus Brandenburg

Die Autoren verbinden ihre Erkenntnisse aus den Studien mit aktuellen Reportagen. Sie zeigen uns die Rechner-Räume des Deutschen Wetterdienstes in Frankfurt am Main und erklären, wie Wetter- und Klimaprognosen entstehen. Sie begleiten Forstwissenschaftler aus Eberswalde (Barnim) und Agrarwissenschaftler vom Zentrum für Agrarlandschaftsforschung aus Müncheberg (Märkisch-Oderland).

Die Verbindung von Reportage und Studieninhalten ist der Schlüssel dafür, dass sich das Buch so gut lesen lässt. Die thematische Strukturierung erleichtert den Zugang ebenfalls. Man muss das Buch nicht unbedingt von der ersten bis zur letzten Seite lesen. Wer wissen will, mit welchen Problemen wir uns im Gesundheitssystem im Jahr 2050 herumschlagen werden, kann problemlos in dieses Kapitel einsteigen. Dann erfährt er oder sie, wie uns eingewanderte Mückenarten nicht nur plagen, sondern auch mit neuen Krankheitserregern befallen werden. Oder dass die starke Zunahme an tropischen Nächten zu mehr Hitzetoten führen wird.

Kein mediteranes Flair an der Spree

"Deutschland 2050" ist kein Buch, das gute Laune macht. Das liegt weniger an den erschreckenden Prognosen. Viel mehr ist es die Erkenntnis, dass wir so genau wissen, in welche Katastrophe wir uns selbst führen. Denn Nick Reimer und Thoralf Staud beleuchten vor allem, wie sich da Leben mit dem Klimawandel schon verändert hat. Wenn sie zeigen, wie sich bestimmte Mücken schon im Mittelmeerraum verbreitet haben, weil sich dort das Klima erwärmt hat, dann ziehen sie anschließend die Analogie zu Deutschland. Das heutige Klima Mailands wird 2050 ziemlich das Münchens sein. Daraus leiten sie ab, was noch schlimmer wird als heute schon. Ein Beispiel: Aktuell gibt es circa 1.400 Hitzetote in Berlin pro Jahr - Hitze ist damit schon 20-mal tödlicher als der Straßenverkehr. Aber wenn das Klima Berlins wie das aktuelle im französischen Toulouse sein wird, dann werden es sehr viel mehr sein. Denn Berlin ist nicht für große Hitze ausgelegt - weder in den einzelnen Gebäuden, noch beim Asphalt der Straßen oder bei den Straßenbäumen.

Sendung: Antenne Brandenburg, 02.08.2021, 14:40 Uhr

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