Gentrifizierung im Barnim - "Angst, dass Eberswalde für Menschen, die in Berlin arbeiten, nur eine Schlafstätte wird"

Do 28.10.21 | 15:39 Uhr
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Die Kupfer-Statue "Die Ruferin" von Eckhard Herrmann steht auf dem Marktplatz. Die Skulptur der Eberswalder Göre soll eine selbstbewusste Jugendliche verkörpern, die jung, weiblich und kess ihr Recht einfordert, eigene Wege zu gehen. (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Audio: Antenne Brandenburg | 27.10.2021 | Anna Bayer | Bild: dpa/Jens Kalaene

Immer mehr Berliner:innen zieht es nach Eberswalde. Viele Menschen dort sehen diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen - denn die Mietpreise sind durch den Zuwachs in den vergangenen Jahren gestiegen. Von Anna Bayer

Ein Jahr umsonst wohnen – damit versuchte die Stadt Eberswalde (Barnim) noch vor drei Jahren, Menschen zum Umzug nach Eberswalde zu bewegen. Solche PR-Aktionen hat die Stadt heute nicht mehr nötig. Eberswalde wächst - und mit der Stadt auch die Mietpreise. Laut einer "Zeit-Online"-Analyse ist der durchschnittliche Mietspiegel im Zeitraum seit 2012 um ein Viertel, von 5,27 Euro auf 6,94 Euro im Jahr 2020 angestiegen.

Eberswalde boomt bei Berliner:innen

Besonders beliebt ist Eberswalde bei Berliner:innen. Zuletzt war bereits von einem "zweiten Kreuzberg" die Rede. Seit 2018 sind nach Angaben der Stadtverwaltung rund 1.500 Menschen aus Berlin in die Kreistadt gezogen. Rund die Hälfte von ihnen lässt sich demnach in den Stadtteilen Ostende, Stadtmitte und im Leibnizviertel nieder. Viele Eberswalder:innen sehen das mit gemischten Gefühlen. Einerseits freuen sie sich über den Zuzug, andererseits haben sie Angst davor, verdrängt und abgehängt zu werden.

Einer von Ihnen ist Roberto Gottstein. Er hatte eine schöne Altbauwohnung, doch dann musste er raus. "Aufgrund von geplanten Umbauten, Klimaschutz und so", erzählt er. "Wir hätten danach wieder reingekonnt, aber der Preis wäre dann ungleich höher gewesen", so Gottstein. Der 40-Jährige ist in Eberswalde geboren. Er und andere Alteingessesene haben über die Jahre einen deutlichen Wandel in der Stadt bemerkt. Gottstein hat den Eindruck, dass die zahlungskräftigen Zuzügler:innen die Mietpreise in der Stadt nach oben treiben und die gebürtigen Eberswalder:innen an den Stadtrand drängen. "Wir haben Angst, dass Eberswalde für besserverdienende Leute, die in Berlin arbeiten, einfach nur eine Schlafstätte wird", sagt Gottstein. Das würde die Kultur weniger fördern als gefährden.

Wohnraum für jeden Geldbeutel soll zur Verfügung stehen

Die Stadt Eberswalde weist diese Befürchtung zurück. Sie teilt dem rbb auf Anfrage schriftlich mit: "Die Stadt Eberswalde legt Wert auf eine vielfältige Stadtgesellschaft. Deswegen ist es uns besonders wichtig, im Rahmen der uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, Wohnraum für jeden Geldbeutel zur Verfügung zu stellen." Über die städtische WHG Wohnungsbau- und Hausverwaltungs-GmbH verfolge die Stadt "dieses Ziel auch als Akteur auf dem Wohnungsmarkt".

Gerade diese städtische Wohnungsgesellschaft kritisiert Paul Venuß von der Initiative "Recht auf Stadt" in Eberswalde. Die Mieten der städtischen Wohnungsgesellschaft seien viel zu hoch. Er fordert, dass die Stadt Wohnungen zu niedrigen Preisen anbietet und vor allem noch vorhandenen Leerstand nutzen: "Die Stimmungslage in der Lokalpolitik ist immer: bauen, bauen, bauen. Dabei hat Eberswalde noch neun Prozent Leerstand. Es wäre auch aus Klimaschutzsicht viel sinnvoller, die bestehenden Wohnungen zu nutzen, bevor man mit Neubauprojekten beginnt."

Die beiden Eberswalder Paul Venuß und Robert Gottstein freuen sich trotz der steigenden Mieten darüber, dass immer mehr Menschen nach Eberswalde ziehen. Sie hoffen bloß, dass die Stadt in Zukunft einen Weg findet, wie sie für alle ein lebenswerter Ort bleiben kann.

Antenne Brandenburg: 27.10.2010, 14:40 Uhr

12 Kommentare

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  1. 12.

    Die haben doch sicherlich auch so ein tollen Mietspiegel wie in Berlin. Da kann doch nichts passieren. Keiner wird die Stadt verlassen müssen. Ironie aus.

  2. 11.

    Könnten sie den Unterschied zwischen Eberswalde und Bernau vielleicht noch etwas näher sinnvoll erklären? Das eine ist Schlafstadt, das andere nicht?

  3. 10.

    Ja da sollte man wirklich über das bedingungslose Grundeinkommen sprechen.
    Denn müssten vielleicht nicht zuviel Leute aufs Land ziehen.
    Und dann würden auch die Preise im Speckgürtel nicht so rasant steigen.

  4. 9.

    Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie Recht behalten. Als gebürtige Berlinerin, die den Spaß hier schon durch hat, bin ich aber nicht so optimistisch.

  5. 8.

    Die Lohnunterschiede haben weniger mit 30 Jahren Einheit zu tun als mit der Tatsache, dass Berlin eine Großstadt ist. Das gleiche Problem sehen Sie im Speckgürtel aller Städte auf der ganzen Welt.

  6. 7.

    Neu ist das nicht wirklich.
    Wenn man mal zur rush-hour am Nachmittag von Berlin oder Bernau die A11 Richtung Norden fährt, bemerkt man schnell, dass ab der Abfahrt Finowfurt (also EW) die Autobahn schlagartig um mind 50% leerer wird.
    Das ist keine neue Erkenntnis, sondern schon seit 5 bis 10 Jahren Tatsache, und belegt, wo nicht nur viele der Menschen aus EW arbeiten, sondern auch die Zuzügler aus der Hauptstadt.
    Das Problem dabei ist das geringere Einkommen der Menschen, die weiterhin in Brandenburg arbeiten, damit (nach 30 Jahren "Einheit") noch immer weniger verdienen und somit aus dem Wohnungsmarkt in BAR gedrängt werden.

  7. 6.

    Genauso ist es in Berlin. Die zahlungskräftigen Zuzügler*innen versauen die Wohnungskauf- und Mietpreise in Berlin und die Berliner*innen werden verdrängt. Ich appelliere an die neue Regierung dringend etwas für einen entspannteren Wohnungsmarkt zu tun.

  8. 5.

    EW ist zum Glück sehr gefragt - zu Recht. Natürlich liegt die Attraktivität für die Berliner nah - und EW tun sie auch noch gut. Neue Ideen, frisches Denken und auch Kaufkraft. Es wir viel gebaut und das sich Mietpreise bei entsprechender Nachfrage auch nach oben bewegen, ist eine Logik des Marktes. Ehrlich gesagt gibt es nicht genügend Wohnungen für jeden Geldbeutel. Günstige Angebote gibt es schon, aber nicht in den gewünschten Stadtteilen. Hochwertige Wohnungen (kein Luxus) fehlen dagegen in Größenordnungen - das ergab erst jetzt eine aktuelle Erhebung im Auftrag der Stadt. Und für eine gute soziale Durchmischung, sind gutverdienende Neubürger ebenso hilfreich. Und das EW eine Schlafstadt wie z.B. Bernau wird, ist nicht zu befürchten. EW ist da anders gestrickt - darum auch die Nachfrage. Grüße aus EW

  9. 4.

    Eberswalde ist halt für die Berlinerdividiereninnen sehr begehrt.

  10. 3.

    Danke RBB für diesen Gegenartikel zum 'Eberswalde, das neue Kreuzberg'. Leider finde ich aber, dass ihr durchaus hättet mehr recherchieren können. Mal nachhaken bei der WHG, ob sie wirklich Wohnraum für jeden Geldbeutel hat. Wo der qm-Preis bei der WHG im Schnitt liegt. Wie viel Leerstand die WHG hat usw..
    Neulich erst wurde hier über eine Kaffeerösterei berichtet, die neuer Mieter der WHG ist. Über die Rösterei in der Pfeilstr. hat der RBB nicht berichtet.
    Bitte arbeitet auch mal kritisch. Berichten ist toll, nachhaken statt erzählen wäre Journalismus.

  11. 2.

    Willkommen bei den Problemen von original Berlinern...

  12. 1.

    Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die zu zahlende Miete in Eberswalde mittlerweile Berliner Verhältnisse angenommen hat. Wohnungsangebote sind heiß begehrt und kaum mehr zu finden. Aus meiner Sicht ist es ein großes Versäumnis der Stadt, hier keine adäquate Lösung für das Problem zu finden. Es wäre jetzt an der Zeit, das Konzept der lokalen, städtischen Wohnungsgesellschaft (WHG) zu überarbeiten und die Preise nicht ins unermessliche steigen zu lassen. Klar - im Randteil der Stadt mögen die Mieten noch bezahlbar sein. Aber um genau jene vielfältige Stadtgesellschaft beizubehalten, sollten auch Immobilien in Zentrumsnähe bezahlbar sein. Schließlich wäre es wünschenswert, wenn nicht das halbe Monatsgehalt für die Miete draufgeht.
    Eberswalde ist in vielen Angelegenheiten Vorreiter, warum nicht auch bei einem der wichtigsten Themen.

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