Flucht über Belarus-Route - Wissam will in Deutschland ein selbst bestimmtes Leben führen

Mi 20.10.21 | 18:34 Uhr
Die Hand eines Flüchtlings ist an einem Zaun der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber (ZABH) des Landes Brandenburg zu sehen. In Brandenburg und Sachsen füllen sich die Aufnahmeeinrichtungen mit Menschen, die aus Irak, Syrien oder Afghanistan über Belarus, Polen und das Baltikum nach Deutschland kommen. (Foto: Patrick Pleul/dpa)
Audio: Antenne Brandenburg | 20.10.2021 | Felicitas Montag | Bild: Patrick Pleul/dpa

Mehr als 4.500 Menschen sind seit August über die Belarus-Polen Route nach Deutschland geflüchtet. Allein nach Brandenburg kommen laut Innenministerium mehr als 100 Menschen pro Tag. Tendenz weiter steigend. Wissam ist einer von ihnen.

Auf dem Außen-Gelände der Erstaufnahmestelle in Eisenhüttenstadt sitzen junge Männer auf Bänken mit ihren Handys in der Hand, kleine Kinder spielen Fußball. Ab und zu sind auch junge Frauen und ganz Familien zusehen. 1.500 Menschen sind derzeit in der Zentralen Erstaufnahmestelle in Eisenhüttenstadt untergebracht. "Die Stimmung ist friedlich", bestätigt auch Olaf Jansen, Leiter der Zentralen Ausländerbehörde, obwohl die Zahl der Geflüchteten in der Einrichtung rasant wachse.

Einer von Ihnen ist der 27-jährige Wissam. Er trägt schwarze, bequeme Kleidung, hat dunkles Haar und wirkt ein wenig ängstlich. Seinen richtigen Namen möchte er öffentlich nicht sagen - aus Angst vor Diskriminierung durch andere Geflüchtete in der Unterkunft. Denn Wissam ist schwul und deshalb aus seiner Heimat - dem Irak geflohen, sagt er. Ein Dolmetscher übersetzt. Seine streng religiösen Eltern wissen nichts von seiner sexuellen Orientierung. Ihnen hat er erzählt, dass er in den Urlaub fährt, berichtet er.

Belarussische Polizei lässt ihn gen Polen laufen

Stattdessen fliegt er nach Belarus. Zunächst wird er von der belarussischen Polizei gewaltsam festgehalten. Als er erzählt, dass er nach Polen will lassen ihn die Polizisten ziehen. An der belarussisch-polnischen Grenze klettert er unter einem Zaun hindurch, gelangt so auf das polnische Staatsgebiet. Zehn Tage läuft er zu Fuß quer durch Polen bis nach Deutschland. Er ist aber nur nachts unterwegs, diesen Tipp hat er bekommen. Tagsüber sei es zu gefährlich, erzählt Wissam.

4000 US-Dollar hat ihn die Flucht inklusive Flug und Verpflegung gekostet. Als er in Deutschland ist, fällt eine große Last von ihm. Er möchte hier nach psychologischer Betreuung suchen. Wissam hofft, dass er in Deutschland bleiben kann, um hier in Freiheit und ohne Angst leben zu können, so wie er ist.

Erheblich mehr Flüchtende registriert

In Eisenhüttenstadt sind viele Flüchtende, die meisten von Ihnen kamen über Belarus und Polen nach Brandenburg. Ihre Zahl sei offiziellen Angaben zufolge erheblich gestiegen. Von Monatsbeginn bis einschließlich Dienstag hätten Beamte 3262 Personen mit einem Bezug zur Belarus-Route registriert, teilte die Bundespolizei am Mittwoch in Potsdam mit. Im August seien es 474 Menschen gewesen, im September 1903. Im ganzen ersten Halbjahr waren es nur 26.

"Im laufenden Jahr wurden somit an der deutsch-polnischen Grenze bereits 5.665 unerlaubte Einreisen mit Belarus-Bezug festgestellt", erklärte die Behörde und nannte die Grenze zu Polen den "aktuellen Brennpunkt" grenzpolizeilicher Aufgaben.

Bundespolizei setzt auch auf Schleierfahndung

In der Folge soll die Präsenz der Bundespolizei im beiderseitigen Grenzgebiet deutlich erhöht werden. Das hat Bundesinnenminister Seehofer nach der Kabinettssitzung am Mittwoch erklärt. Er betonte, eine Schließung der Grenze zwischen Polen und Deutschland stehe nicht auf der Tagesordnung. Bereits seit heute gibt es Kontrollen im Grenzhinterland - also eine verstärkte Schleierfahndung.

Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko hatte als Reaktion auf EU-Sanktionen erklärt, er werde Migranten mit dem Ziel EU nicht mehr aufhalten. Seitdem mehren sich Meldungen über versuchte irreguläre Grenzübertritte an den EU-Außengrenzen zu Belarus sowie an der deutsch-polnischen Grenze.

Sendung: Antenne Brandenburg, Antenne am Nachmittag, 20.10.2021, 16:40 Uhr

*Den Namen des Geflüchteten wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.

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