Schafe in der Uckermark - Erst werden sie gemalt, dann geschlachtet

Mo 25.10.21 | 20:06 Uhr
  1
Die Schafe lassen sich das frische Gras am Elbdeich schmecken und lassen sich auch von Reportern nicht stören, Bild: Antenne Brandenburg / Björn Haase-Wendt
Audio: Antenne Brandenburg | 25.10.202 | Margarethe Neubauer | Bild: Antenne Brandenburg / Björn Haase-Wendt

Holger Siemann malt seine Schafe auf Leinwand, um ihre Persönlichkeit zu zeigen. Doch am Ende schlachtet er die Tiere. Für den Hobbyschäfer eine Form des kritischen Fleischkonsums. Von Margarethe Neubauer.

Schmunzelnde Münder und heugierig gereckte Hälse. Auf der Leinwand von Holger Siemann wirken seine Schafe geradezu menschlich. Statt grau und grau verewigt der Hobbyschäfer seine Tiere in grellem blau und leuchtendem scharlachrot. So will er ihre Persönlichkeit zeigen. In seiner Ahnengalerie in der Uckermark hängen mittlerweile schon fünfundzwanzig Schafe.

"Das sind halt Individuen, die haben eine eigene Würde“, sagt Siemann. "Auch wenn wir sie schlachten, haben sie ein eigenes Wesen." Das Schlimmste, was man den Tieren antun könne, sei nicht, sie zu essen. Schließlich seien Schafe sterbliche Wesen. Schlimm dagegen sei, sie in Massen zu halten, gesichtlos in in Ställe zu sperren, findet Siegmann.

Verschiedene Schafscharaktere

Von verfressen bis verschmust - in den Porträts spiegeln sich die verschiedensten Schafscharaktere. Eigentlich sollte die kleine Herde für den Hobbyschäfer nur seine dreieinhalb Hektar große Wiese "mähen", doch die Gotlandschafe mit ihren Eigenheiten sind ihm ans Herz gewachsen.

Die lebenden Modelle grasen auf der Weise hinterm Haus. Holger Siemann gibt ihnen Namen und erkennt Colin, Simon oder Gregory an der Form ihrer Hörner und der Zeichnung des Fells. Doch bei aller Liebe: Im Spätherbst kommt jedes Jahr das große Schlachten. In der Sommerküche legt Siemann, der eigentlich Schriftsteller ist, selbst Hand an. Das Know-How hat er von einem guten Freund gelernt.

Siemann schlachtet lieber selbst

Denn ihm fehle das Zutrauen in gelernte Schlachter. "Die machen mir das zu professionell, das sind ja meine Tiere und ich habe für sie Verantwortung, also sollte ich sie auch selbst zu Tode bringen", so Siemann. "Ich weiß, wie es geht und mache es so, dass es ihnen nicht weh tut."

Dass er die Schafe, die er liebt, auch tötet, ist für Holger Siemann kein Widerspruch. Denn am Ende sind auch Simon, Colin und Gregory Nutztiere. Ihr würdevolles Leben und Sterben - damit setzt sich der Künstler, der seit zehn Jahren in der Uckermark lebt - in seiner Malerei auseinander. "Wenn ich sie verewige, ist das wie ein Opferritual", erklärt er. "Ich habe sie geschlachtet oder zumindest sind sie da, um irgendwann geschlachtet zu werden. Dann habe ich das Gefühl, dass ich ihnen noch eine Existenz geleistet und Abbitte leiste, wenn ich sie male."

Seine Ahnengalerie will Holger Siemann nun auch einem größeren Publikum zeigen. Für zwei Wochen stellt er die Gemälde in der Brandenburgischen Landesvertretung in Berlin aus. Damit auch die Städter sehen, dass ihr Kotelett einmal ein Gesicht hatte.

 

Sendung: Antenne Brandenburg, 25.10.2021, 15:10 Uhr.

1 Kommentar

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 1.

    Ich werde es nie verstehen, wie man Tiere die man kennt, schlachten kann und das verantwortungsvoll nennt.

Nächster Artikel