rbb-Podcast "Feld, Wald & Krise" - Folge 3 - Wie Hänge und Weiden Wasser speichern können

Di 19.04.22 | 11:48 Uhr | Von Andreas Jacob und Fred Pilarski
rbb Podcast | Feld, Wald & Wiese © rbb
rbb
Bild: rbb Download (mp3, 36 MB)

Mit dem Klimawandel werden Trockenphasen immer länger, Starkregen-Ereignisse aber häufiger. Die dritte Folge des rbb-Podcasts "Feld, Wald & Krise" beschäftigt sich mit zwei Ideen, um in Brandenburg auf kleineren Flächen mehr Wasser in der Landschaft zu halten: Keyline-Design und Mob-Grazing.

Ein Hügel bei Dahmsdorf in der Märkischen Schweiz. Auf den ersten Blick sieht es aus, als seien hier kleine Terrassen in einen Hang geformt worden. Mehrere waagerechte Linien unterbrechen das Gefälle. Die neu angelegten "Keylines" bestehen jeweils aus einem flachen Graben, einem kleinen Erdwall und aus einer Reihe von Bäumen: Walnüssen und Esskastanien. Exakt entlang dieser Linien soll das Wasser aufgehalten werden, quer zum Gefälle. Von starken Niederschlägen hatten solche Landschaften bislang nämlich nichts.

Bremse für Starkregen

Philipp Gerhardt, promovierter Forstwissenschaftler, hat diese Keylines entworfen: "Auch wenn ich einen gut gepflegten Acker habe. Oberflächenabfluss gibt es bei starken Niederschlägen immer. Und das ist eben Wasser, das in Flussnähe zum Hochwasser beiträgt, aber was auf jeden Fall in meiner Landwirtschaftsfläche fehlt, was nicht in den Tiefenspeicher geht, um für die nächste Dürre zur Verfügung zu stehen."

Keyline Design ist eine Methode, mit der Wasser in der Landwirtschaft gesammelt, gespeichert und besser verteilt werden kann [www.baumfeldwirtschaft.de]. Der Keyline-Designer schaut sich genau an, wie sich das Wasser auf einer unebenen Fläche bewegt und definiert sogenannte Schlüssellinien. Entlang dieser Linien wird die Landschaft dann so geformt, dass Starkniederschläge gezielt aufgefangen und an den Stellen versickert werden, wo die Landwirte das Wasser am besten gebrauchen können.

Keyline in der Märkischen Schweiz
Keylines in der Märkischen Schweiz

Mehrwert durch Walnüsse

Bauern und Planer versprechen sich vom Keyline-Design nicht nur, dass mehr Wasser in der Landschaft zurückgehalten wird. Die Bäume sollen später die Grünlandflächen beschatten, durch ihre Verdunstungsleistung die Landschaft kühlen und die Winderosion verhindern und natürlich auch mehr CO2 binden.

Das Landwirtspaar Carmen Becker und Jan Sommer hat sich auf das Projekt eingelassen, mit einer Anfangsförderung aus Landesmitteln. Beide sehen die Keylines zum einen als langfristiges Projekt, das mehr Wasser in ihren Flächen halten soll. Zum anderen aber versprechen sie sich auch einen unmittelbaren Mehrwert durch die angelegten Walnuss- und Esskastanien-Bäume, deren Früchte sich gut verkaufen lassen.

Koordiniert werden solche Klimaschutz-Projekte wie das in Jahnsfelde von der „Klimapraxis“, einer Berliner Agentur, die sich um die Vernetzung von interessierten Betrieben, Wissenschaft und Fördermittelgebern bemüht. [www.klimapraxis.de]

Trampeln gegen Trockenheit

Schauplatzwechsel. Eine Weide in Temmen in der Uckermark. Die Idee kling bestechend einfach: viele Mäuler, noch viel mehr Hufen, kleine Fläche, wenig Zeit. So funktioniert "Mob Grazing", eine Weidemethode, die in Deutschland noch ziemlich unbekannt ist [www.mob-grazing.de]. Eigentlich imitiert sie, wie die Wiederkäuer in freier Wildbahn seit Ewigkeiten durchs Land ziehen: große Herden, die selten lange bleiben und einen Teil ihres Futters niedertrampeln.

Dieses Niedertrampeln hat für trockene Regionen wie Brandenburg enormes Potential, aus den umgeknickten Pflanzen wird nämlich Mulch. Und um diesen Mulch geht es beim Mob Grazing.

Humus als Wasserspeicher

"Die Mulchschicht soll den Boden schützen, Verdunstung vermindern, Schatten spenden und dadurch in Trockenphasen für stabileren Ertrag sorgen", erklärt Prof. Dr. Inga Schleip von der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (Barnim). Sie untersucht mit Ihrem Team im Moment Flächen in Liepe im Barnim und in Temmen in der Uckermark, alle nach der Mob-Grazing-Methode beweidet.

Das Team vermutet, dass die Mulchschicht die Bodentemperatur abpuffert, im Sommer also Hitze mildert und im Winter die Kälte. Unter der Mulchschicht dürfte sich mehr Feuchtigkeit halten. Das Team beobachtet außerdem die Bodenlebewesen, die aktiver sein könnten, also organisches Material schneller zu Humus machten. Über Jahre hinweg könnte so der Humusgehalt der Fläche steigen.

Forstwissenschaftler Philipp Gerhardt mit Keyline in der Märkischen Schweiz
Forstwissenschaftler Philipp Gerhardt mit Keylines in der Märkisch Schweiz | Bild: rbb

Ein Prozent mehr Humus bedeutet auf einem Hektar bis zu 400 m³ mehr Wasserspeichervermögen. Humus gilt als die größte Kohlenstoffsenke der Kontinente. Er besteht aus bis zu 60 Prozent aus Kohlenstoff, das die Pflanzen zuvor aus der Luft aufgenommen haben. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat sogar ein "Bundesprogramm Humus" aufgesetzt, denn Humus ist Klimaschutz.

"Enkeltaugliches Landwirtschaftssystem"

Mob Grazing bedeutet zunächst auf Futter zu verzichten, immerhin bleibt rund die Hälfte der Futterpflanzen stehen oder wird von den Rindern niedergetrampelt. In trockenen Phasen dürfte die verfügbare Futtermenge aber über der einer konventionell beweideten Fläche liegen, weil dank der feuchten Mulchschicht auch dann noch Pflanzen wachsen dürften, wenn es tagelang nicht mehr geregnet hat.

Inga Schleip glaubt, dass Mob Grazing eine Chance ist, um die Landwirtschaft fit für die Zukunft zu machen: "Wir leisten einen Beitrag für ein enkeltaugliches Landwirtschaftssystem". Doch wie aufwendig ist die Methode?

Inga Schleip von der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde
Inga Schleip, Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde | Bild: Andreas Jaboc/rbb

Auf dem Gut Temmen in der Uckermark sammeln Ruven Hener und Antonia Beck erste Erfahrungen mit Mob Grazing. Er leitet den Rinderstandort Stegelitz, sie managt die Weiden und Herden.

Um die rund 200 Rinder nach dieser Methode weiden zu lassen, mussten die beiden zunächst für zusätzliche Trinkstellen sorgen, damit die Tiere auf jedem Abschnitt, den sie alle paar Stunden neu beweiden, Wasser finden. Außerdem brauchte es Zäune und täglich Zeit zum Zäunen: Pro Umtrieb etwa zehn Minuten für den Abbau des maximal 400 Meter langen Zauns und zehn Minuten für den Aufbau. Das Wichtigste aber: Mob Grazing funktioniert nur mit einem großen Mob. Der grobe Richtwert ist 100.000 kg Lebendmasse pro Hektar. In Temmen haben Ruven Hener und Antonia Beck deshalb aus 6 Herden 2 gemacht.

Ruven Hener und Antonia Beck betreiben Mob Grazing in der Uckermark
Ruven Hener und Antonia Beck betreiben Mob Grazing in der Uckermark | Bild: Andreas Jaboc/rbb

Nebeneffekt: Treibstoff-Einsparung

Das vorläufige Fazit ist positiv: "Das Verhalten der Tiere hat sich verändert, sie sind während der Weidesaison im Sommer viel ruhiger, viel entspannter. Und es gab Starkregen, bei denen die Mob-Grazing-Böden alles Wasser aufnehmen konnten im Gegensatz zu herkömmlich beweideten Flächen", sagt Ruven Hener. Diese Feuchtigkeit werde durch die schützende Mulchschicht im Boden besser gehalten, hat Antonia Beck beobachtet, Nebeneffekt: "Der Morgentau hat am Mulch vielmehr Oberfläche um zu kondensieren". Zudem spart das Gut Temmen Treibstoff, weil die Tiere sich jetzt zum Futter bewegen, es also keine Traktorfahrten mehr braucht, um Futter heranzukarren.

Beitrag von Andreas Jacob und Fred Pilarski

Nächster Artikel