rbb-Podcast "Feld, Wald & Krise" - Folge 5 - Wie man Moore bewirtschaften kann

Mi 15.06.22 | 15:30 Uhr
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Moore zu vernässen oder nass zu halten ist Klimaschutz und hält das Wasser im Land. Wie aber lassen sich solche Flächen sinnvoll bewirtschaften? Fred Pilarski und Andreas Jacob haben Forschende von atb-potsdam.de, zalf.de und greifswald-moor.de gefragt und mit einem Landwirt gesprochen.

Ein trockenes Moor wieder zu vernässen ist mehr als nur eine Frage von politischem Willen und ökonomischen Anreizen. "Das größte Problem ist die Wasserbereitstellung", sagt Dr. Axel Behrendt vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF). In der Forschungsstation Paulinenaue bei Nauen untersucht er mit einer Arbeitsgruppe verschiedenste norddeutsche Boden- und Vegetationstypen. In sogenannten Lysimeter-Versuchen kann er die Wechselwirkung von Verdunstung und Versickerung messen. "In renaturierten Niedermooren, die mit Groß-Seggengräsern und Schilf bewachsen sind, haben wir festgestellt, dass sie das Drei- bis Vierfache von dem verdunsten, was als Niederschlag herunterkommt."

Moorschonende Stauhaltung

Damit seien großflächige Vernässungen schwierig, etwa im Havelländischen Luch, nach Behrendts Auskunft das größte deutsche Niedermoorgebiet mit rund 40.000 Hektar. Dazu kämen unterschiedliche Torfuntergründe auf kleinem Raum. Für Vernässungen gut geeignete Flächen wechseln mit solchen, deren sandige Untergründe das Wasser im Torfkörper schlecht halten, erklärt der Wissenschaftler. Axel Behrendt ist daher schon zufrieden, wenn viele Flächen nicht gleich perfekt vernässt, sondern mit "moorschonender Stauhaltung" bewirtschaftet werden können. "Wenn der Grundwasserstand statt 80 Zentimeter unter Flur nur noch 40 beträgt, hätten wir schon die Hälfte der Treibhausgasemissionen beseitigt".

Trockene Moore dünsten in großer Menge Kohlendioxyd aus. Um diese Emissionen zu stoppen, gilt ein Wasserstand von zehn Zentimetern unter der Oberfläche als ideal. Ist er höher, wird die Grasnarbe also überstaut, entweicht dem flachen Wasser das noch gefährlichere Treibhausgas Methan.

Rapsglanzgras
Dr. Axel Behrend (ZALF) zeigt Rapsglanzgras | Bild: Fred Pilarski, rbb

Mit der Pistenraupe durchs Moor

Mit dieser Situation hat sich Landwirt Sebastian Petri aus der Nähe von Kremmen arrangiert. Auf seinen sehr tief gelegenen Flächen im Rhinluch schafft er in der Vegetationsperiode den Ideal-Grundwasserstand von 10 Zentimetern. Allerdings auch nur, weil er sie im Winter überstaut. Dann ruht der Stoffwechsel, es gibt kaum Methan-Emissionen.

Mit dem Projekt "Klimamoor Brandenburg" fördert das Land Brandenburg die Bewirtschaftung von solchen Moorflächen. Sebastian Petri nimmt an dem Programm teil und kooperiert dabei mit Wissenschaftlern. 375 Euro bekommt er dafür pro Hektar. "Das hat uns sehr geholfen", sagt Petri. Nicht nur, weil auf den nassen Flächen schwerer Geld zu verdienen ist. "Die Technik verschleißt hier sehr schnell". Um auf den weichen Moorböden überhaupt arbeiten zu können, hat sich Petri eine Pistenraupe besorgt und umbauen lassen. Mit einem Bodendruck von 128 Gramm pro Quadratzentimeter belastet sie den Boden weniger als ein erwachsener Mensch.

Landwirte Sebastian und Juliane Petri mit ihrem Moor-Mäher, einer umgebauten Schnee-Pistenraupe
Bild: rbb/Oliver Soos

Paludikultur mit Potenzial

Petri hat sich auf den Anbau von Rohrglanzgras spezialisiert. Das moortypische Gras – regional unter dem Namen Havel-Militz geläufig - ist gut als Pferdefutter geeignet. "Das ist allerdings kein Allheilmittel für die Landwirtschaft in Niedermooren", meint der Landwirt. Wo immer es möglich ist, sollte auch Tierhaltung auf den Flächen passieren, um sie für die Lebensmittelproduktion zu nutzen. Die Landwirtsfamilie Petri hält 35 Wasserbüffel, die jedoch vorwiegend zur Landschaftspflege genutzt werden. Bis auf etwas Hausschlachtung produziert Petri jedoch kein Fleisch. Es fehle an spezialisierten Schlachtbetrieben. "Wir haben uns das einfacher vorgestellt", räumt er ein.

Für Moorbauer Petri steckt in der Paludikultur, also der Moorwirtschaft, noch deutlich mehr Potenzial als derzeit abgerufen wird. Biomasse aus Niedermooren ließe sich zum Beispiel als Verpackungsmaterial verarbeiten oder zur Energiegewinnung nutzen. "Wir versuchen immer wieder Impulse an die Industrie zu geben".

Energie aus Moorpflanzen

Am dazu nötigen Technologievorlauf wird unter anderem am Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB) in Potsdam geforscht. Das Team von Dr. Ralf Pecenka versucht Holzfasern durch Schilf, Rohrglanzgras oder Rohrkolben zu ersetzen. "Wenn wir unsere Wälder schonen wollen, wird auch Holz knapp. Wir gucken deshalb, wo wir nicht unbedingt hochwertiges Holz brauchen, sondern wo es auch mit Moor-Biomasse geht", sagt Ralf Pecenka. Schon heute sei es möglich, Moorfasern thermisch zu nutzen, so der Verfahrenstechniker. In speziellen Ganzballenöfen könnte aus den getrockneten Moorpflanzen Wärme und Strom erzeugt werden. Diese Öfen seien in Brandenburg allerdings noch nicht weit verbreitet.

Auch im Bauwesen können Moorfasern Holz ersetzen: Die Forschenden vom ATB haben Rohrglanzgras und ein Bindemittel zu Bauplatten verpresst. Rohrkolben mit seine vielen Luftporen könnten als Einblasdämmung oder als Dämmplatte eingesetzt werden. Die Anwendungen seien aber im Moment noch sehr teuer und deshalb mit herkömmlichen Holzprodukten nicht konkurrenzfähig, räumt Pecenka ein.

Papier und Torfersatz

Auch in Papier stecken Holzfasern, die die Forschenden ersetzen wollen. Dass zerkleinerte Moorfasern grundsätzlich zu hauchdünnen Blättern gepresst werden können, haben sie schon gezeigt. Optisch erinnert das Ergebnis an Löschpapier. In einem nächsten Schritt müssten die Eigenschaften des Papierersatzes untersucht und angepasst werden, sagt Pecenka.

Weitere Anwendungen, an denen die ATB-Forschenden arbeiten, sind Pellets, die als Einstreu in Tierställen verwendet werden. Zerkleinert und mit Humus vermischt, kommen Moorpflanzen auch als Torfersatz in Frage. Auch bei Verpackungen oder Essgeschirr lassen sich Papier und Altpapier sparen.

Bis die Moorpflanzen im großen Stil zum Einsatz kommen, wird es allerdings noch dauern. Die Nachfrage seitens der Industrie müsse wachsen, die Logistik entwickelt werden, sagt Pecenka. "Die Ernte ist nur ein oder zwei Mal im Jahr, eine Anlage, die daraus Verpackungen herstellt, arbeitet das ganze Jahr." Die Herausforderung sei, das Material zu lagern und dafür zu trocknen.

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