Winddrachen zur Stromerzeugung - Eberswalder Firma will Alternative zu riesigen Windrädern bauen

Mo 06.02.23 | 16:00 Uhr | Von Philipp Gerstner
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Winddrachen für Stromerzeugung. (Foto: Philipp Gerstner/rbb)
Video: Brandenburg aktuell | 06.02.2023 | Philipp Gerstner | Bild: Philipp Gerstner/rbb

Mit Hochleistungsdrachen will die Firma EnerKíte aus Wind Strom machen. Entstanden ist die Idee an der TU Berlin, gebaut werden die Drachen in Eberswalde. Auf dem havellänischen Fllugplatz Stölln/Rhinow wird getestet. Von Philipp Gerstner

Erneuerbare Energien sollen in Deutschland immer mehr ausgebaut werden. Deshalb entstehen auch immer mehr Windräder in der Region. Zuletzt verlangte die Bundesregierung einen noch stärkeren Ausbau der Windkraft. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat das Ziel angekündigt, bis 2030 sollen täglich deutschlandweit vier bis fünf Anlagen hinzukommen. Viele Anwohner sind damit nicht glücklich, zum Beispiel weil sie das Landschaftsbild verändern. In Eberswalde im Barnim schrauben Ingenieure gerade an einer Alternative.

Dieser Hochgeschwindigkeitsdrachen dreht sich im Kreis. (Foto: Philipp Gerstner/rbb)
Das ist der Hochgeschwindigkeitsdrachen, der vom Wind angetrieben werden soll. | Bild: Philipp Gerstner/rbb

Windradersatz braucht 95 Prozent weniger Materialeinsatz

Eine Testreihe jagt mittlerweile die andere. Dreh- und Angelpunkt von aktuellen Tests ist der Flugplatz Stölln/Rhinow im Havelland. Bei einem Test steht dort ein blaues Fahrzeug. Es sieht aus, wie ein Feuerwehrauto. Drumherum dreht ein Drachen seine Kreise. Dieser hat rund vier Meter Spannweite und ist mit Seilen an einem Mast befestigt, der wiederum auf dem Dach des Fahrzeuges angebracht ist.

Mit diesen Hochgeschwindigkeitsdrachen will die Eberswalder Firma Enerkite in Zukunft mit sehr viel weniger Aufwand Wind zu Strom machen. "Man hat jetzt Windräder mit Rotorblättern. Wenn man gedanklich von diesen nun die Spitzen abschneidet, diese an ein Seil bindet, dann hat man eigentlich das Teil, was am meisten Energie an einem Windrad bringt", erklärt Enerkite-Chef Florian Breipohl die Idee. Wenn man die Drachenkonstruktion noch höher bekommt als die Windräder jetzt, könne Enerkite mit 95 Prozent weniger Materialeinsatz den doppelten Stromertrag einfahren als ein herkömmliches Windrad - auch weil in höheren Regionen der Wind sehr viel stärker weht, so Breipohl.

Start auch bei Windstille

In ihrer Produktionshalle in Eberswalde schrauben die Ingenieure gerade am ersten serienreifen Modell. Das soll im Container angeliefert werden und bis zu 100 Kilowatt liefern. Das ist in etwa Strom für rund 200 Haushalte. Mit Hilfe eines drehbaren Mastes und einer besonderen Starttechnik soll der Drachen bei nahezu jeden Windbedingungen abheben können, sagt der technische Leiter Christian Gebhardt. "Wir drehen in vier Sekunden einmal um 360 Grad, das heißt, an der jetzigen Mastlänge hat der Flügel ungefähr 50 Stundenkilometer Anströmgeschwindigkeit. Und das reicht auf jeden Fall, um auch bei Windstille starten zu können", so der technische Leiter weiter.

An diesem Fahrzeug ist der Drachen befestigt. Im inneren entsteht der Strom. (Philipp Gerstner/rbb)
Das ist die aktuelle Bodenstation. In der Serienreife soll dies ein Container werden. | Bild: Philipp Gerstner/rbb

Ideallinie des Drachen beschreibt eine achtförmige Flugbahn

Sobald der Drachen eine Höhe von 200 Metern erreicht hat, so Breipohl, läuft die Stromerzeugung auf vollen Touren. Dafür muss der Hochgeschwindigkeitsdrachen auf eine achtförmige Flugbahn einbiegen. Wenn die Tragfläche dann in Position ist, bringt es über eine Seilverbindung eine in der Bodenstation befestigte Trommel zum Drehen. Ein darin eingebauter Generator wandelt die Bewegung in Strom. Nach rund 100 Metern Flugbahn wird ein kleiner Teil der Energie genutzt, um den Drachen wieder näher zum Boden zu ziehen. Dann beginnt der einminütige Kreislauf von vorne.

Enerkite sieht viele Anwendungsmöglichkeiten

Aufgrund der einfachen und schnellen Montage sieht Breipohl viele Einsatzmöglichkeiten. Für die kleineren Anlagen seien das vor allem landwirtschaftliche Betriebe zur Eigenstromversorgung. Denkbar seien auch Schulen oder kleine Kommunen. Dann könnten es Mini-Grids entstehen, also kleine Netze, die sich aus verschiedenen Energieträgern speisen und über verschiedene Abnehmer verfügten. Wasserstoffproduktion sei so sehr gut denkbar.

Noch ist das alles noch Zukunftsmusik. Enerkite braucht bis zu Serienreife noch etliche Testflüge und Genehmigungen. In vier Jahren sollen die Drachen aus Eberswalde dann in Serie abheben, ist sich Florian Breipohl sicher.

Sendung: Antenne Brandenburg, 06.02.2023, 15:10 Uhr

Beitrag von Philipp Gerstner

3 Kommentare

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  1. 3.

    Wenn durch zu wenig Wind kein Zug auf dem Seil vom Drachen kommt, wird die Rolle den Zug aufbauen und solange einrollen bis der Drachen unten ist. Der fällt nicht einfach runter.
    Der Start scheint automatisch machbar. Drehen und Seil freigeben bis der Drachen steigt.
    Zum Start braucht es somit nur ein sicheres Umfeld von einigen dutzend Metern Radius um den Container.
    Zielmarkt dürften aber erstmal Dörfer/Kleinstädte u.ä. in nicht bzw. schlecht erschlossenen Gebieten sein also Inselbetrieb um kleinere Dieselkraftwerke mit Wind und PV zu ersetzen, ohne km lang Kabel oder Freileitungen zu bauen.

  2. 2.

    95 Prozent Material, doppelter Ertrag, das klingt ja gut. Ich frage mich jedoch, ob so ein Drachen einfacher zu betreiben ist als ein Windrad. Letzteres hält bei Windstille einfach an. Den Drachen müsste jemand landen und wieder starten lassen.

  3. 1.

    Na bitte geht doch.... .
    Die Dauernörgler werden wohl bemängeln das die Drachen nicht unsichtbar sind.

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