"Liederlauschen" in Zollbrücke (Quelle: rbb/Tomasz Kurianowicz)
Bild: rbb/Tomasz Kurianowicz

Konzertkritik | "Liederlauschen" in Zollbrücke - Musikalische Entdeckungen am deutschen Rand

In dem kleinen Dorf Zollbrücke an der deutsch-polnischen Grenze kamen am Wochenende zum ersten Mal Musikfans zum Festival "Liederlauschen am Rand" zusammen. Die Organisatoren wählten die Location ganz gezielt. Von Tomasz Kurianowicz

Kurz vor Zollbrücke, einem 24-Seelen-Dorf im östlichsten Brandenburg, steht ein Sackgassen-Schild. Nach ein paar Metern weiß man auch, warum: Hier endet nicht nur die Straße, sondern auch Deutschland. Danach kommt der Oderfluss und jenseits dessen das Nachbarland Polen. Eine Fähre gibt es nicht, eine Brücke auch nicht - aber immerhin eines der schönsten Freilichttheater der Region. Es trägt den passenden Namen "Theater am Rand".

Am Wochenende reisten Menschen aus ganz Deutschland und Polen nach Zollbrücke, um zum ersten Mal beim deutsch-polnischen Festival "Liederlauschen am Rand" zu feiern. Der Charme des Ortes belohnt jeden noch so weiten Anfahrtsweg: Das kleine Theater, das aussieht wie ein halb geöffnetes Indianerzelt aus Holz, liegt malerisch zwischen Feldern, Bäumen und dem Oderbruch. Auf den Wiesen spazieren Störche umher, die Blicke schweifen über grüne Äcker. Ein paar Meter weiter existiert ein kleiner Ziegenhof, wo man die Tiere nicht nur füttern und streicheln, sondern auch Naturprodukte aus Ziegenmilch kaufen kann. Für zwei Tage schlagen hier die Festivalbesucher ihre Zelte auf.

Am sonnigen Sonntagvormittag ist das "Theater am Rand" gut gefüllt. Während ein deutsches Paar polnische Piroggen isst, stimmt auf der Bühne ein Stettiner Chor ein sakrales Lied an. Die Klänge mischen sich ins Vogelgezwitscher und sorgen für Entschleunigung. Doch so ruhig wird es nicht bleiben: Der zweite Festivaltag ist zugleich der Höhepunkt des Programms und versammelt neben Singer-Songwritern viele unbekannte Rock- und Indie-Bands aus Deutschland und Polen.

"Liederlauschen" in Zollbrücke (Quelle: rbb/Tomasz Kurianowicz)
Zuhörer beim "Liederlauschen"Bild: rbb/Tomasz Kurianowicz

Weiter nach Polen bis in den Kaukasus

Besonders einprägsam ist der Auftritt des Duos "oho!koko" aus Stettin. Inzwischen ist es da schon heißer und schwüler geworden, doch das hindert Alicja Kruk nicht daran, nach wenigen Minuten die Menge zum Tanzen zu bringen. Die junge Sängerin gibt alles, fühlt sich in die kraftvollen Songs ein, tanzt auf der Bühne, als würde es mitten in der Nacht sein. Ihre Stimme erinnert an Amy Winehouse. Man kann kaum glauben, dass sie noch kein Popstar ist.

Von solchen Entdeckungen gibt es zahlreiche an diesem Tag: etwa die Musik von Petra Nachtmanova, einer polnisch-tschechischen Sängerin, die in Berlin-Neukölln lebt. Mit ihrem anatolischen Partner singt sie Lieder aus allen Teilen Osteuropas, von Polen über die Ukraine bis hin zum Kaukasus. Aber nicht nur das. Das Konzert beginnt mit einem Lied auf Abchasisch, das alle Anwesenden, die an diesem Festivaltag Polnisch lernen wollen, optimistisch stimmen sollte: "Ihr dachtet Polnisch ist schwierig? Na dann versucht mal Abchasisch zu lernen. Ich kann Euch sagen: Es ist ein langer Weg."

Schlechte Infrastruktur sorgt für Frust

Eigentlich müsse man dieses Festival als kleines Wunder bezeichnen, findet Christian Eckert. Der Mann hat die grenznahe Veranstaltung mit Freunden und ein paar Freiwilligen auf die Beine gestellt und kann jetzt kaum glauben, dass alles geklappt hat. Mitten im Nirgendwo von Brandenburg, in einer Region, die momentan eher für Abschottung als für multikulturelles Miteinander steht. Gerade in grenznahen Gebieten in Brandenburg prophezeien die Wahlumfragen bei dem nächsten Wahlen große Unterstützung für rechte Parteien - ein Signal, gegen das der Festivalmacher ansteuern will.

Die Bewohner von Zollbrücke hätten gezeigt, dass dieser Trend nicht an generellerer Ablehnung liegt, behauptet Eckert. "Ich habe nicht das Gefühl, dass die Menschen hier keine Vielfalt wollen. Ganz im Gegenteil. Wir wurden mit offenen Armen empfangen. Ich denke, es geht eher um Frust." Der Festivalmacher habe das am eigenen Leib erfahren. Die Infrastruktur sei eine Katastrophe. Von Berlin aus brauche man fast zwei Stunden, um den Ort zu erreichen. Züge und Busse würden immer seltener fahren. Der Handyempfang sei schlecht. "Die Menschen fühlen sich von der Politik einfach im Stich gelassen. Kein Wunder, dass sie sich abwenden."

Kein Bezug zu Polen

So ein Festival ist also auch eine Gelegenheit, um mit der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen. Entstanden ist die Idee am Helmholtzplatz, wo das Partnerfestival "Liederlauschen" seit mehr als zehn Jahren in Prenzlauer-Berg stattfindet. Dann kam die Idee, die Veranstaltung zu verlagern und mit einem multikulturellen Programm zu erweitern. "Als uns das 'Theater am Rand' fragte, ob wir kommen wollen, kam uns sofort ein deutsch-polnischer Schwerpunkt in den Sinn." Die politische Situation im Nachbarland sei zwar schwierig, sagt Eckert. "Aber das ist auch der Grund, warum sich dort die Kunst so hervorragend entwickelt. Sozusagen aus Protest. Viele kriegen das aber in Deutschland nicht mit."

Das bestätigt auch Petra Nachtmanova. Die Neuköllnerin findet es beschämend, dass so viele Deutsche ausschließlich negative Gedanken über Polen hätten. "Es muss noch mehr Zusammenarbeit geben, besonders an der Grenze", sagt die Musikerin. Schließlich seien westlich der Republik Projekte zwischen Deutschland und Frankreich völlig normal. "Aber an der deutsch-polnischen Grenze ist das anders. Viele Berliner und Brandenburger haben überhaupt gar keinen Bezug zu Polen – und das 30 Jahre nach Grenzöffnung. Alles, was slawisch ist, finden sie fremd."

Die Zuhörer rücken zusammen

Doch beim Festival werden solche Grenzen durchbrochen. Deutsche und Polen feiern gemeinsam. Als es langsam dunkel wird, kündigt Christian Eckert eine der letzten Band an: die polnische Indie-Formation Trupiegi, die Balladen auf Polnisch singt. An die circa 200 Zuhörer wird das noch übrig gebliebene Bier verteilt. Die Menschen rücken zusammen. Die Atmosphäre ist familiär, es sind viele Eltern mit ihren Kindern gekommen. Als die Band ihr letztes Lied spielt, wird der Applaus immer lauter. Die Leute tanzen. Ein sichtbarer Erfolg, findet Eckert. "Für nächstes Jahr ist eine weitere Ausgabe geplant. Wir suchen jetzt nach Förderern, damit es klappt." Nach dem anhaltenden Jubel zu urteilen, sollte dieser Wunsch freilich in Erfüllung gehen.

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3 Kommentare

  1. 3.

    Was für ein arroganter Satz: "Viele Berliner und Brandenburger haben überhaupt gar keinen Bezug zu Polen – und das 30 Jahre nach Grenzöffnung. Alles, was slawisch ist, finden sie fremd."
    Woher nur hat der Herr Tomasz Kurianowicz seine antislawische Erfahrung? Wie viele "Brandenburger und Berliner" kennt er tatsächlich, um solch einen oberflächlich pauschalisierenden Satz öffentlich hier zu formulieren?
    Was wissen Sie schon über uns "Brandenburger und Berliner"? Offenbar wissen Sie z.B. über Frankfurt (Oder)so gut wie nichts. Wann sind Sie denn mit uns "Brandenburgern und Berlinern" - also mit uns "Bevölkerung" ins Gespräch zu kommen?

  2. 2.

    Das ist typisch und symptomatisch für rbb24, vom "deutschen Rand" schwadronieren, ohne auch nur zu ahnen, was das beim Leser auslösen könnte. Ich hoffe sehr dass diese "Schlagzeile" ein Praktikant und nicht ein Journalist zu verantworten hat, der dafür auch noch ein Honorar bekommen hat.

  3. 1.

    Lieber deutscher Rand als rechter Rand.

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