Archivbild: Ein Mann steckt eine Rose hinter die Gitterstäbe des neuen Mahnmals zur Erinnerung an ein DDR-Kindergefängnis in Bad Freienwalde (Brandenburg). Am selben Tag wurde in Bad Freienwalde ein Mahnmal zur Erinnerung an ein ehemaliges DDR-Kindergefängnis enthüllt. (Quelle: dpa/P. Pleul)
Bild: dpa/P. Pleul

Entscheidung in Frankfurt (Oder) - Landgericht rehabilitiert Insassen von DDR-Kindergefängnis

Seit mehr als zehn Jahren haben Betroffene auf diesen Tag gewartet: Ehemalige Insassen des DDR-Kindergefängnisses in Bad Freienwalde haben ein Anrecht auf Rehabilitation. Das hat das Landgericht in Frankfurt (Oder) entschieden.

Nach jahrelangem Rechtsstreit sind ehemalige Inhaftierte des DDR-Kindergefängnisses in Bad Freienwalde (Märkisch-Oderland) vom zuständigen Landgericht Frankfurt (Oder) rehabilitiert worden. Das Gericht habe in sogenannten Rehabilitationsverfahren Grundentscheidungen getroffen, sagte ein Sprecher am Montag. Diese seien Ausgangspunkt für weitere mögliche Verfahren - wenn es etwa um Haftentschädigung und Opferrente gehe. Dass die Kinder zu unrecht in dem Gefängnis saßen, hatte das Landgericht bereits im Juni 2019 festgestellt und seitdem über das Rehabilitationsanrecht beraten.

Einzelhaft, Misshandlungen, Zwangsarbeit

Zuvor hatte der Verein "Kindergefängnis Bad Freienwalde" die Entscheidung des Gerichts mitgeteilt. "Wir sind alle überglücklich, dass unsere Unterbringung im Kindergefängnis jetzt endlich als Unrecht anerkannt wird", sagte Betroffenensprecher Roland Herrmann im Gespräch mit rbb|24. Herrmann wurde als 14-Jähriger im Jahr 1980 in das Durchgangsheim Bad Freienwalde verfrachtet, nachdem er wegen familiärer Probleme häufig die Schule geschwänzt hatte. In dem Kindergefängnis verbrachte er drei Monate, während der er Einzelhaft, Prügel, kaum Schulunterricht und Zwangsarbeit erlebt habe.  

Nach Einzelprüfverfahren sind Opferrenten möglich

Nach 13 Jahren habe man jetzt endlich Gewissheit, womit Betroffene rechnen könnten, so Herrmann. "Wer mindestens 90 Tage im Kindergefängnis Bad Freienwalde oder auch im Jugendwerkhof Torgau verbringen musste und das nachweisen kann, muss sich an das Landgericht Frankfurt (Oder) wenden und dort einen Rehabilitationsantrag stellen. Betroffene haben jetzt ein Anrecht auf eine Opferrente", betonte Herrmann im Gespräch mit rbb|24.

Durchgangsheim in früherem Gefängnis

Von 1968 bis 1987 betrieb die Jugendhilfe Frankfurt (Oder) in Bad Freienwalde das sogenannte Durchgangsheim. Das frühere Gefängnis hatten die Verantwortlichen dafür baulich kaum verändert. Darin sollten nach Angaben des Vereins Kinder und Jugendliche, die auf einen Heimplatz warteten, für maximal 18 Tage untergebracht werden. Dieser Zeitraum sei jedoch nur selten eingehalten worden. Viele Insassen seien unter unmenschlichen Bedingungen länger als ein halbes Jahr dort eingesperrt gewesen. Das jüngste eingesperrte Kind in Bad Freienwalde soll erst drei Jahre alt gewesen sein, so der Verein "Kindergefängnis Bad Freienwalde e.V."

Wie viele Kinder und Jugendliche in den zwei Jahrzehnten, die das Kindergefängnis in Bad-Freienwalde betrieben wurde, dort eingesperrt waren, ist nicht bekannt; die Unterlagen wurden vernichtet. Seit 2017 erinnert ein Mahnmal an dem früheren Heim an das Unrecht, das dort begangen wurde. 

Auch in den Jugendwerkhof Torgau wurden Jugendliche eingesperrt, die aus Sicht des Staates als widerspenstig galten. Betroffene berichten auch hier von brutalem Drill und unmenschlichen Bedingungen während ihrer Zeit in der Einrichtung. Bis 1989 waren in Torgau mehr als 4.000 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren untergebracht.

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14 Kommentare

  1. 14.

    Falsch! - Ich habe als damaliger West-Berliner bei meinen Verwandtenbesuchen in und Fahrten durch die DDR als freiwilliger Soldat der Deutschen Bundesmarine keinerlei Nachteile erlitten. Was ich jedoch später durch die Tätigkeit als Justizbeschäftigter im Rahmen der juristischen Aufarbeitung der Vereinigungs- und Regierungskriminalität zu lesen bekam, lässt einen unwiderlegbaren Schluss zu: Staatlliche Kriminalität ist nur machbar, wenn alle Entscheidungsträger mitmachen. Wie am Ende der DDR festzustellen war, wollte die ehrliche, aufrichtige Bevölkerung nicht mehr instrumentalisiert werden. - Nein, die Missbrauchsfälle in Heimen, die eigentlich verfassungsgemäßen Schutz bieten sollten, s. z. B. "Aufstand der Heimkinder in Glückstadt", bleiben als politisches und staatliches Versagen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bestehen. Wer Machtmissbrauch an Kindern und Jugendlichen gegeht, ist mMn schuldig.

  2. 13.

    Der Auffassung von Holger ist zuzustimmen. Ehemalige Beschäftigte von Jugendhilfe und Heimerziehung werden heute schlechthin als Täter bezeichnet, die einem sogenannten Unrechtsstaat dienten. Damit werden Generationen von Bürgern verteufelt, wie übrigens alles, was in der DDR geschah. Im Unterschied zur BRD-alt und -neu, die sich mit nicht zu akzeptierenden Vorgängen in Heimen in privater, kirchlicher oder anderweitiger Hand auseinander zu setzen hat, ist es Sitte geworden, hierzulande heute alles dem DDR-Staat anzulasten und nebenbei zu Geld zu machen.

  3. 12.

    100.000 € stehen zur Verfügung??? Und für einen Flughafen den keiner braucht 5milliarden..., Danke Betliner Senat

  4. 11.

    Ja. In diesem Zusammenhang war die DDR wohl eher ein Rechtsstaat als die BRD. Es gibt und gab leider Kinder und Erwachsene in jeder Gesellschaftsordnung , mit denen der normale Bürger und vor allem die Eltern überfordert sind... mein Kind arbeitet heute im Jugendstrafvollzug und meine greise Schwiegermutter war im Referat Jugendhilfe beim Rat des Bezirkes Ffo u.a. für Heimerziehung tätig . Beide können tragische Schicksale berichten... und über das Durchgangssheim wird wohl viel Unsinn berichtet.

  5. 10.

    Hoffenlich haben sich Ihre Vorstellungen und Vorurteile von damals, hinsichtlich eingesperrter Kinder und Jugendlicher, den erkannten Tatsachen entprechend geändert.

  6. 9.

    In meiner Wahrnehmung waren Die von dehnen man wusste, dass sie im Jwh waren, Leute mit einem nicht unerheblichen Kerbholz( heuteheisst das Jugendlicher Intensivtäter). Ich will aber nicht abstreiten, das das Personal solcher "Anstalten" (auch als Gesamtdeutsches Phänomen) inkompetent war oder einfach nur krude Vorstellungen von Pädagogik hatte . Das hört bis heute nicht auf und wird immer ein Thema bleiben.
    Es ist gut das das aufgearbeitet wird.

  7. 8.

    Zitat: " Ohne triftigen Grund wurde..." - War die DDR etwa ein (Menschen)Rechtsstaat?

  8. 7.

    Diese Problematk hat nach 30 Jahren ein bestimmtes Geschmäckle. Ohne triftigen Grund wurde auch kein Kind oder Jugendlicher von seinen Eltern getrennt. Heute bekommen straffällig gewordene Kinder und Jugendliche von den Jugendämtern Urlaub in ausländischen Erziehungsheimen für hohe Kosten verordnet. Über diese Erfolge und Methoden wurde mehrfach berichtet. Dazu soll sich jeder selbst eine Meinung bilden.

  9. 5.

    Unter 90 Tagen seelische und körperliche Folter wars Urlaub oder was?

  10. 4.

    Ich hätte es nicht für möglich gehalten! - https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/aufstand-der-heimkinder - Weshalb erst ab 90 Tage? Ist nicht ein Tag Kinderknast auch Folter?

  11. 3.

    Das gab es so und schlimmer in der alten Bundesrepublik auch. Z.B. in Glückstadt. Da haben vormalige KZ-Aufseher in einem vormaligen KZ die Kinder und Jungendlichen terrorisiert, bis es zum Aufstand kam, der dann mit Marinesoldaten niedergeschlagen wurde. Todesfälle gab es zuvor auch. Opferrente? Rehabilitierung? Natürlich nicht. Dafür hätten sich die Kinder halt im Osten einsperren lassen müssen.

  12. 2.

    In den USA nennt man das Boot-Camp und ist genauso unmenschlich! Viel Erfolg bei der Beantragung der Opferrenten.

  13. 1.

    Es ist beschämend wie lange das gedauert hat!

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