Frau mit Kinderwagen auf einem Behördenflur (Quelle: imago)
Audio: rbb | 15.01.2020 | Dominik Lenz | Bild: imago stock&people

Vernachlässigtes Kind in Eberswalde - Ministerium sieht Verdacht für Versäumnisse des Jugendamts

Nach Berichten über die schwere Vernachlässigung eines Kindes hat das Brandenburger Jugendministerium ein Prüfverfahren gegen das Jugendamt eröffnet. Unterdessen beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft die Patientenakten.

Das Brandenburger Jugendministerium sieht im Fall des vernachlässigten Mädchens in Eberswalde mögliche Versäumnisse beim Jugendamt des Kreises Barnim.

Aus der Stellungnahme des Amtes habe sich ein Anfangsverdacht ergeben, dass Mitarbeiter "möglicherweise wichtige Schritte" zur Sicherung des Kindeswohls unterlassen hätten, teilte das Ministerium am Mittwoch in Potsdam mit. "Daher hat das Jugendministerium - als Rechtsaufsicht über die Jugendämter - heute eine Überprüfung eingeleitet, die das  Handeln des Jugendamtes im vorliegenden Fall in den Blick nimmt." Die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) sei informiert worden.

Vier Gefährdungsmedlungen in zwei Jahren

Das Jugendamt hatte das fünf Jahre alte Mädchen im vergangenen Dezember in Obhut genommen, nachdem eine Familienhilfe gerichtlich erwirkt worden war. Der Kreis sprach danach von Anzeichen von Unterernährung und Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten. Das Jugendamt versuchte demnach seit 2017, der Familie zu helfen.

Insgesamt vier Gefährdungsmeldungen zur Eberswalder Familie habe das Jugendamt zwischen Sommer 2017 und Frühjahr 2019 erhalten, berichtete das Ministerium. Sie betrafen demnach fehlende Vorsorgeuntersuchungen, mögliche Entwicklungsrückstände bei dem Kind, verbale und körperliche Gewalt sowie Vernachlässigung.

Am Ende seien jedoch jedes Mal die Bemühungen des Jugendamtes für eine Kooperation mit den Eltern gescheitert. "Gesprächs- und Hausbesuchstermine wurden von den Kindeseltern abgesagt, kurzfristig nicht wahrgenommen oder erfolgten mit erheblicher zeitlicher Verzögerung", erklärte das Ministerium. Die Eltern hätten von sich gewiesen, dass sie Gewalt angewendet hätten.

"Ob das Jugendamt alle Möglichkeiten ausgeschöpft hat, um mit den Kindern direkt in Kontakt zu kommen, ist offen", erklärte das Ministerium. "Dennoch schätzte das Jugendamt ein, dass keine Gefährdung für die Kinder vorlag."

Staatsanwaltschaft beschlagnahmte Akten

Geprüft werden müsse nun, ob die Behörden die insgesamt drei Kinder der Familie mithilfe des Familiengerichts in Augenschein genommen habe. Dies müsse nun gemacht werden, weil die Eltern beim Einschätzen der Gefährdung durch das Jugendamt nicht mitgewirkt hätten. Außerdem müsse geprüft werden, ob Maßnahmen zum Schutz der Kinder eingeleitet wurden.

Die beiden Geschwister kamen dem Landkreis zufolge zeitgleich mit dem fünfjährigen Mädchen in Obhut, bei ihnen gab es demnach aber keine Hinweise auf eine derartige Vernachlässigung.

Mithilfe eines richterlichen Beschlusses beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) die Patientenakte des verwahrlosten Kindes aus einem Bernauer Krankenhaus, in dem es behandelt wurde. Die erheblichen Vorwürfe habe die Staatsanwaltschaft zu diesem Schritt bewogen, sagte Staatsanwalt Ingo Kechichian dem rbb am Mittwoch.

Parallel zur Beschlagnahmung im Klinikum habe es eine Hausdurchsuchung bei der Mutter gegeben. "Uns geht es zunächst um die Sicherung von Beweisen und darum, ein Bild von der Wohnsituation zu bekommen", so Kechichian weiter. Das Kind solle nun begutachtet werden. Mit dem Jugendamt stehe die Staatsanwaltschaft weiter in Kontakt. Sie ermittelt wegen des Vorwurfs der MIsshandlung von Schutzbefohlenen gegen unbekannt.

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Ja so ist das wenn man vor lauter Wut schäumerei nicht mal bemerkt dass es hier um Brandenburg und nicht Berlin geht, lol

  2. 5.

    Bitte um Kontaktaufnahme durch den Moderator...

  3. 4.

    Auf der seinen Seite hoffe ich, aus gründen der Gerechtigkeit & Moral, das die verantwortlichen JA Mitarbeiter vor Gericht kommen, wenn klar ist das es dort zu Versäumnissen gekommen ist. Auf der anderen Seite müßte eigentlich der/die Zuständige vom Senat dort sitzen. Denn diese Herrschaften haben es seit 20 Jahren versäumt für ausreichendes und vor allem qualifiziertes Personal zu sorgen. In Berlin jedenfalls gehört eine Frau Scheeres nicht in den Senat sondern auf die Anklagebank.

  4. 3.

    Schlimmer Fall. Von außen ein Urteil abzugeben fällt mir schwer und ich lass es lieber. Aber eins ist doch klar. Die Jugendämter brauchen mehr Personal. Dieses muss aber auch richtig geschult sein um jede Situation richtig einschätzen zu können. Und Sie müssen mehr Rechte bekommen. Ich habe mich mit einer Polizistin über dieses Thema unterhalten. Sie sagte mir egal ob das Jugendamt aktiv ist oder nicht ist egal. Die meisten von den betreuten Kindern bleiben auffällig und wenn sie größer sind gehören sie zum polizeilichen Klientel. Das ist einfach nur traurig. Es reicht nicht das Recht auf Kindeswohl in der Verfassung aufzunehmen. Das ist nur Schrift. Es muss mehr passieren.

  5. 2.

    Seit Jahren liest man das die Mitarbeiter derJugendämter überlastet sind- Reaktion des Ministeriums? Null.
    Jetzt ist das passiert vor dem die Mitarbeiter lange warnten- nun wachen sie im Ministerium auf. Und sind natürlich unschuldig.

  6. 1.

    Ich weiß nicht wie es in Brandenburg ist aber in Berlin sind viele Sozialarbeiter*innen Stellen unbesetzt. Als Mitarbeiter*in sitzt man immer auf dem heißen Stuhl entweder man macht zu wenig, dann kommt die Staatsanwaltschaft oder zuviel dann kommt die Elternlobby. Was richtig machen kann so kein*e*r.

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