In der "Oldie-WG" in Grünheide kümmern sich bis zu fünf Pflege- und Betreuungskräfte um zwölf Senioren. (Quelle: rbb/Holger Brandenbusch)
Audio: Inforadio | 31.01.2020 | Holger Brandenbusch | Bild: rbb/Holger Brandenbusch

Wohngemeinschaft statt Pflegeheim - "Black Box" Senioren-WG

Senioren-WGs sind eine Alternative zum Pflegeheim: An die 900 solcher Wohngemeinschaften gibt es in Berlin und Brandenburg bereits. Doch das Modell stößt an seine Grenzen, Kontrollen und Standards fehlen. Von Holger Brandenbusch

Ein Flachbau am Rand von Grünheide, nicht weit weg vom Tesla-Gelände: In der DDR war hier ein FDGB-Heim, danach eine Jugendherberge. Vor ein paar Jahren haben Senioren das Haus übernommen und eine Wohngemeinschaft gegründet. Ein Bewohner war früher Lokführer im Lausitzer Kohlerevier, eine Bewohnerin Krankenschwester. Nach einem langen Arbeitsleben verbringen sie ihren Lebensabend lieber in der "Oldie-WG" als im Altersheim.

Drei solcher Wohngemeinschaften betreibt der Pflegedienst Martin Altrock in Altlandsberg, Rüdersdorf und Grünheide. Auch in Erkner soll eine neue "Oldie-WG" entstehen - in einem früheren Hotel, das wohl einfach aufgegeben wurde. In den Hotelzimmern sind die Betten noch gemacht, auf den Schreibtischen noch Telefon und Notizblöcke. Dazwischen stemmen Arbeiter die Bäder auf, damit später Rollstühle durch die Türen passen. Die Schankstube wird zum Gemeinschaftsraum umgebaut.

Familienähnliche Wohnverhältnisse

In den bereits bestehenden Senioren-WGs leben bis zu zwölf Menschen. Jeder hat ein eigenes Zimmer, tagsüber sitzen die Bewohner zusammen in einem großen Gemeinschaftsraum mit offener Wohnküche. Bis zu fünf Pflege- und Betreuungskräfte kümmern sich rund um die Uhr um die Bewohner – ein Betreuungsschlüssel, der in keinem Seniorenheim der Region erfüllt wäre.

Die zukünftige Senioren-WG in Erkner wird barrierefrei umgebaut. (Quelle: rbb/Holger Brandenbusch)
| Bild: rbb/Holger Brandenbusch

"Die Menschen in solchen WGs erleben die Situation nicht als direkte Endstation, sondern sie werden auch wertgeschätzt und gefördert", sagt Birgitta Neumann von der Alzheimer Gesellschaft Brandenburg. Geschätzt würden auch die familienähnlichen Wohnverhältnisse. Das Mittagsessen wird zusammen gekocht, es gibt gemeinsame Aktivitäten. "Das alles in einer abgeschirmten kleinen Gruppe, und nicht inmitten von 20, 30 oder hundert Menschen in einem Pflegeheim", so Neumann.

Senioren-WGs werden seltener kontrolliert als Heime

Die Barmer Ersatzkasse schätzt, dass bundesweit rund 31.000 Pflegebedürftige in 4.000 WGs leben, Tendenz steigend. "Mittlerweile ist das ein riesengroßer Markt geworden", sagt Klaus Pawletko vom Verein "Freunde alter Menschen". In Brandenburg gibt es etwa 250 solcher WGs, in Berlin 630. "Speziell in Berlin haben sich die Senioren-Wohngemeinschaften in den vergangenen 20 Jahren beinahe explosionsartig vermehrt", so Pawletko.

Der Experte warnt vor Fehlentwicklungen: "Das Ganze ist wie eine Black-Box", sagt er. Alten-WGs würden seltener kontrolliert als Pflegeheime. Darüber hinaus gebe es "wenige Rahmenbedingungen für die Qualität und Personalausstattung dieser Wohngemeinschaften". Die meisten Senioren-WGs in Berlin hätten nicht eine einzige Fachkraft im Team, kritisiert er. Eine Hilfskraft pro Schicht hielten viele Betreiber für ausreichend: "Das bedeutet im Extremfall eine unterirdische Versorgung."

Pflegedienste gründen und betreiben mittlerweile 95 Prozent aller Senioren-WGs. Früher seien es häufiger Angehörige gewesen, die solche Wohngemeinschaften ins Leben riefen - aber so etwas überfordere schnell, sagt Pawletko. Allerdings stoßen auch Pflegedienste an ihre Grenzen, denn sie kämpfen mit dem Mangel an qualifiziertem Personal in der Branche.

Woran man eine gute Senioren-WG erkennt

6 bis 12 Personen, das ist die richtige Größe für eine Senioren-WG. Sind es mehr, geht die familiäre Struktur verloren. Sind es weniger, wird es eng mit der Finanzierung, weil nicht genügend Geld für Miete und Pflege zusammenkommt.

Wichtig ist auch ein guter Betreuungsschlüssel: Mindestens zwei Mitarbeiter*innen tagsüber und eine Person nachts sollten eine WG mit 8 Personen betreuen.

Vermietung und Betreuung in Senioren-WGs sollten vertraglich getrennt sein, empfiehlt die Alzheimer-Gesellschaft. Sie hat den Leitfaden "Leben wie ich bin" herausgegeben mit Tipps, wie Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz organisiert werden sollten.

Sendung: Inforadio, 31.01.2020, 6:30 Uhr

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6 Kommentare

  1. 6.

    Die Erfahrung habe ich mit meinem Partner auch gemacht. Er war auch in einer WG. Pflege war gut, das wars aber auch, bis ich feststellte, das auch hier für Leistungen kassiert wurde die nicht erbracht wurden. Pflege und betreue ihn jetzt selber ohne die Pflegekasse zu belasten.
    Auch in dieser ambulanten Pflege-WG wurde nicht mehr gemacht als NÖTIG, ist auch in Schöneberg.

  2. 5.

    Man sollte vor diesen Black-Boxen warnen. Mit selbstbestimmten Leben hat eine solche WG genauso wenig zu tun wie ein Pflegeheim mit vielen Bewohner*innen. Ich habe selbst in einem solchen Kontext gearbeitet und es war erschreckend wie wenig sich irgendeine Person, nicht einmal Angehörige, für die Lebenssituation der Menschen interessiert. Auch in unserem direkten Wohnumfeld erlebe ich wie wenig Teilhabe und Selbstbestimmung die Menschen in einer solchen WG erfahren können. Da empfehle ich eher ein Heim oder eine kritischere Prüfung der Unterbringung.

  3. 4.

    Pflegeheime und Pflegerecht in Berlin und Brandenburg sind ein Verbrechen..

  4. 3.

    Meine Mutter hat 5 Jahre lang in einer Demenz- WG gelebt, die die ersten Jahre gut funktioniert hat, weil es eine sogenannte Präsenskraft dort gab, die alles Organisatorische regelt und sich um alles,also nicht nur die Pflege betreffend, kümmert. Für die Anwesenheit der Präsenskraft zahlen die Krankenkassen zusätzlich das sogenannte Wohngeld an den Träger der WG ( monatluch ca. 220,-€ pro Mitbewohner).Als dann die Präsenskraft in der WG meiner Mutter abgeschafft wurde, sank die Qualität und der Standard der WG massiv, obwohl die Pflegekräfte sehr bemüht waren. Das Geld für die Präsenskraft wurde aber weiterhin vom Träger in Rechnung gestellt, und es gab auch andere Leistungen, die in Rechnung gestellt wurden aber in Wirklichkeit nicht stattgefunden haben. Die Krankenkassen können das nicht kontrollieren, wenn da keine Angehörigen sind, die das mitteilen. Es wird also teilwese für Leistungen bezahlt, die nicht stattfinden.... Im dem Fall war der Träger die Diakonie Schöneberg, also kein privater kleiner Verein.

  5. 2.

    Es geht in dem Artikel um eine interessante Alternative zum Pflegeheim. Pflegeheime sind immer unpersönlicher als kleinere Einrichtungen. Da ändert auch mehr Geld nichts, das in die Pflege gesteckt wird. Mit Pflege lässt sich heute als Betreiber viel Geld verdienen. Man kann immer mehr Geld reinpumpen, aber ich bezweifle, dass es am richtigen Ende ankommt.

  6. 1.

    Den Soli beibehalten und in die Pflege stecken, dann wären solche Artikel überflüssig! Da aber dieser Staat nicht an seine alten Rentenbezieher interessiert ist, wird da wohl kein Weg rein führen.

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