Die Osterreiter waren zuletzt 2019 unterwegs. (Quelle: rbb/Rocco Thiede)
Bild: rbb/Rocco Thiede

Osterreiten in der Lausitz - "Wir steigen an Ostersonntag genau um 8:30 Uhr aufs Pferd"

Was 480 Jahre lang nicht abgesagt wurde, fiel im letzten Jahr Corona zum Opfer: das Osterreiten zwischen Wittichenau und Ralbitz in Sachsen. An diesem Ostersonntag soll es stattfinden, aber ohne Zuschauer. Mit dabei ist Hubertus Schmidt aus Neuzelle. Rocco Thiede

"Schon als Kind wollte ich von Beruf Osterreiter werden", sagt Hubertus Schmidt. Er steht vor dem Stall neben seinem Haus in Neuzelle (Oder-Spree). Von seinem Gehöft aus sind die bekannte Wallfahrtskirche und der barocke Klosterkomplex zu sehen, wo seit einigen Jahren wieder Zisterziensermönche beten und arbeiten.

Hubertus Schmidt ist einer der zivilen Angestellten der Klosterbrüder. Er kümmert sich als Allroundhandwerker um alles, was ein Hausmeister in Kirche, Kloster und katholischer Kita so zu tun hat. 1984 heiratete Hubertus in Neuzelle. Mit seiner Frau Viola hat er vier Kinder. Viola Schmidt ist Erzieherin und leitet die katholische Kita im Ort.

"Geboren und aufgewachsen bin ich in Wittichenau. Meine Mutter Maria Kostoc' war eine Sorbin." Alle Männer in Hubertus Schmidts Nachbarschaft waren aktive Osterreiter. Er selbst saß mit vier Jahren das erste Mal auf dem Rücken eines Pferdes, zehn Jahre später ritt er zum ersten Mal beim Osterreiten mit.

Osterprozession Das Osterreiten zwischen Wittichenau und Ralbitzin 2019 (Quelle: rbb/Rocco Thiede)
Hubertus Schmidt mit seinen PferdenBild: rbb/Rocco Thiede

Intensive Vorbereitungen schon Tage vor dem Reiten

"Die Familie hat manchmal auch gelitten unter meinen Egoismus", sagt Hubertus Schmidt selbstkritisch. Denn öfter machte er sich schon Karfreitag auf den Weg nach Wittichenau, um dort dann am Ostersonntag zusammen mit 400 weiteren Reitern die "frohe Botschaft" von der Auferstehung Jesu Christi zu verkünden.

Zu den Vorbereitungen auf das Osterreiten gehören das Schmücken, Zäumen und Striegeln der Pferde. Die Mähnen werden eingeflochten und toupiert. Zuckerwasser hält die Pferdefrisur zusammen. Das mögen nicht alle Tiere.

Die Reiter selbst haben eine festliche Anzugordnung wie aus dem 19. Jahrhundert: Gehrock, schwarze Hose, Lederstiefel, weißes Hemd, Fliege, Zylinder und weiße Handschuhe. Wer zum ersten Mal dabei ist, bekommt früh um fünf Uhr bei der Osterreiter-Messe ein vom Pfarrer gesegnetes Erkennungszeichen: ein grünes Kränzchen aus Asparagus. Beim 25-jährigen Jubiläum trägt der Reiter ein silbernes bei 50 Jahren folgt Gold.

Osterprozession Das Osterreiten zwischen Wittichenau und Ralbitzin 2019 (Quelle: rbb/Rocco Thiede)
Hoch zu Ross in Festmontur: die OsterreiterBild: rbb/Rocco Thiede

Klare Zugangsregeln für die Gruppe der Reiter

Bei der jahrhundertealten Prozession gelten klare Regeln: Nur katholische Christen dürfen teilnehmen, und sie müssen aus Wittichenau und den umliegenden Dörfern kommen.

Der Tag der Kreuzprozession am Ostersonntag ist für die Männer alles andere als ein sonntäglicher, gemütlicher Ausritt. "Sonntagfrüh um vier Uhr wird aufgestanden", erzählt Schmidt. Die Pferde werden geputzt, gesattelt und geschmückt. "Wir steigen jedes Jahr genau um 8:30 Uhr aufs Pferd."

Die Tiere - ob Haflinger, Friese oder Holsteiner - sind festlich geschmückt, einige mit silbernen Mondsicheln, als Zeichen des Sieges gegen die Türken im 17. Jahrhundert vor Wien oder mit Jakobsmuscheln – ein Symbol der Pilgerschaft. Unter den Sattel kommt eine blaue Schabracke – dort ist das Osterlamm von beiden Seiten aufgestickt.

Vaterunser und Segen

"Wenn's losgeht, wird vorher noch einmal ein 'Vaterunser' und 'Gegrüßt seist Du Maria' gebetet." Viele Jahre hat seine Mutter die Reiter gesegnet.

"Das erste Mal war ich beim 25. Jubiläum von Papa dabei und ganz aufgeregt, als er in der Kirche das silberne Kränzel vom Pfarrer überreicht bekommen hat“, erzählt Juliana Wienzek, die älteste Tochter von Hubertus. Auch seine älteste Enkeltochter hat später mitgeholfen: "Die Mäntel geputzt oder den Zylinder abgenommen und am Ende der Prozession durften wir alle noch einmal reiten. Das war voll cool."

Die Männer reiten dreimal um die Kirche

An Ostersonntag stehen die Reiter in den schmalen Gassen von Wittichenau und warten. "Das macht die Pferde schon ein bisschen verrückt." Um halb zehn ist Kreuzübergabe vor der Pfarrkirche. Der Pfarrer gibt den Berittenen den Auftrag, die "frohe Botschaft" zu verkünden. Dann setzt der Gesang ein mit dem alten Wittichenauer Osterlied: "Nun ist erfüllet, nun ist vollbracht". Das sei jedes Mal sehr ergreifend, beteuert Hubertus Schmidt.

Die Männer reiten dreimal um die Kirche, vorbei am Marktplatz mit hunderten Schaulustigen, und dann geht’s ins zwölf Kilometer entfernte Ralbitz. Die Osterreiter haben ein eigenes sorbisch-deutsches Liederheft. Hier ist auch vermerkt, in welchen Ortschaften, welche Lieder gesungen werden. Das Wetter wird genommen, wie es kommt: "Als ich 1977 angefangen habe, war Schneetreiben und alle Ostereiter waren weiß."

Gegen zwölf Uhr kommen die Reiter in Ralbitz an, wo sie vom dortigen Pfarrer begrüßt werden. Ralbitz als sorbische Gemeinde hat eine Besonderheit: "Da reiten wir direkt durch den Friedhof durch. Hier sind die Gräber alle gleich. Das ist der Ort mit den weißen Kreuzen. Immer nach dem Motto: Vor Gott sind alle gleich", erklärt Hubertus. Nach dem Mittagessen folgt eine zweisprachige Andacht. Um 15 Uhr reitet die Prozession singend zurück nach Wittichenau, wo sie gegen 18 Uhr eintrifft. Mit einer Dankandacht endet dort das Osterreiten.

Osterprozession Das Osterreiten zwischen Wittichenau und Ralbitzin 2019 (Quelle: rbb/Rocco Thiede)
2019 hatten die Osterreiter bei sonnigen Temperaturen viel PublikumBild: rbb/Rocco Thiede

Nur Männer dürften aufs Pferd

Bisher sieht es nicht danach aus, als werde es bei Hubertus Kindern einen Nachfolger für ihn als Osterreiter geben. Einer seiner Jungs hat seit der Kindheit eine Pferdeallergie, und der andere Sohn wohnt in Duisburg. Frauen dürfen beim Osterreiten nicht aufs Pferd. Und das sollte auch so bleiben, meint Hubertus Schmidt: "Man muss die Kirche im Dorf lassen und sollte nicht auf jeden Wagen aufspringen, der vorbeifährt" sagt er. "Es ist etwas konservativ gedacht, aber es muss nicht unbedingt schlecht sein, dass beim Osterreiten nur Männer auf den Pferden sitzen."

Schmidts Tochter Juliana regt sich darüber nicht groß auf: "Ich habe das eigentlich immer hingenommen. Es war halt immer so ein Männerding". Und Schmidts Enkelinnen sind als Zuschauerinnen gern beim Osterreiten dabei.

Osterreiten und Corona

In den letzten vier Jahrzehnten war Schmidt nur zweimal nicht in Wittichenau: Einmal hatte er sich ein Bein gebrochen, und 2020 wurde die Osterprozession wegen der Pandemie von den Behörden und Bischof Wolfgang Ipolt aus Görlitz abgesagt: "Es wurde immer geritten: im Krieg, bei der Pest, durch alle Regime, durch alle Krankheiten", sagt Schmidt. Aber wegen Corona sei es gestrichen worden.

Als passionierter Osterreiter ließ er sich trotzdem nicht abhalten: "Ich bin genau wie in Wittichenau mit meinem Liederheft um halb neun losgeritten, nach Treppeln ins neu entstehende Kloster der Zisterziensermönche: Das war für mich Osterreiten in Neuzelle unter Corona-Bedingungen."

In diesem Jahr soll am Ostersonntag ein strenges Hygienekonzept die über 400 Reiter wieder auf die Rücken ihrer Pferde bringen – allerdings ohne Zuschauerinnen und Zuschauer.

Sendung: Antenne Brandenburg, 04.04.2021

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