Der Organisator des Woodstock Festival Jurek Owsiak bei einer Auktion (Quelle: AREK DRYGAS/ Robert Bosch Stiftung)
Bild: AREK DRYGAS

Initiatoren der "Haltestelle Woodstock" - Wenn ganz Polen Party macht - und dabei Spenden sammelt

Die "Haltestelle Woodstock" ist bekannt als sommerliches Festival an der deutsch-polnischen Grenze. Die wenigsten wissen allerdings, dass dahinter ein Netzwerk aus Spendensammlern steht, das sich von Polen aus weltweit erstreckt – bis nach Berlin. Von Martin Adam

Die Rollläden sind noch halb heruntergelassen, drinnen hat jemand das Licht angemacht und die Tische zusammengeschoben. Nur noch zwei Stunden, dann öffnet Pani Lydia ihr kleines Pierogi-Restaurant im Wedding. Bis dahin ist ihr Laden für die traditionellen polnischen Teigtaschen das Berliner Hauptquartier des "großen Orchesters der Weihnachtshilfe", auf Polnisch "Wielka Orkiestra Świątecznej Pomocy, kurz WOŚP. Nun sitzen 20 junge Polinnen und Polen im halbdunklen Gastraum und basteln Spendenboxen, drucken Plakate und treffen letzte Absprachen, damit auch wirklich jeder weiß, was er zu tun hat beim "wielki finał".

Eine Frau aus dem Woodstock Team (Quelle: rbb/ Martin Adam)
Dorota Rędzikowska aus Łódź | Bild: rbb/ Martin Adam

Partys feiern für Kinderkrankenhäuser

Das "große Finale" ist im Wesentlichen eines: Eine Riesenparty, die an diesem Samstag in ganz Polen stattfindet. "Ich bin damit aufgewachsen", erzählt Dorota Rędzikowska aus Łódź, "das erste Finale fand statt, als ich vier war. Jedes Jahr haben mich meine Eltern in die Stadt mitgenommen, wir haben an den Aktionen teilgenommen und gespendet." Inzwischen ist die Germanistin 29, lebt seit fünf Jahren in Berlin, arbeitet hier für ein internationales Verkehrsunternehmen – und leitet ehrenamtlich die Berliner Gruppe der WOŚP-Stiftung. Seit sie 1993 von dem Journalisten Jurek Owsiak gegründet wurde, organisiert die Stiftung jedes Jahr im Januar Großveranstaltungen mit Konzerten, Wohltätigkeitsläufen und Auktionen, bei der Helfer mit bunten Spendenboxen Geld sammeln. Parallel dazu werden Sachspenden von Prominenten versteigert – in diesem Jahr unter anderen ein Trikot des Fußballers Robert Lewandowski und das Kostüm, das First Lady Agata Kornhauser-Duda bei einem Treffen mit Donald Trump getragen hat.

Von dem eingenommenen Geld kauft die Stiftung unter anderem medizinische Geräte und Krankenhausbetten für die ärztliche Behandlung von Kindern und Senioren. 105 Millionen Złoty waren es im vergangenen Jahr, umgerechnet etwa 26 Millionen Euro. Damit ist die Stiftung nach der Kirche eine der größten karitativen Organisationen in Polen.

"Polen haben eine spezielle Mentalität"

Gut 120.000 Freiwillige haben sich dieses Mal gemeldet, um zu helfen und zu sammeln. Sie gründen in ihren Heimatorten Kleingruppen und organisieren eigene Spendenpartys. Beim "großen Finale" am 14. Januar wird somit ganz Polen beschallt, während im Fernsehen nonstop die Übertragung der Auktionen und der Hauptveranstaltung in Warschau läuft. Man könne dem Finale gar nicht entgehen, sagt Dorota: "Bei uns ist das schon Tradition. Erst kommt Weihnachten, dann Silvester und dann das große Finale."

Gut 1.700 solcher Gruppen gibt es, davon viele außerhalb Polens. New York, Melbourne und Dublin stehen auf der Liste, es gibt Gruppen in Norwegen, Indonesien und Frankreich, seit Kurzem werden auch in Tokio Spenden gesammelt – und eben in Berlin, seit fünf Jahren und mit mittlerweile 50 Mitgliedern. Wo es Polen im Ausland gibt, so scheint es, gründen sie eine WOŚP-Gruppe. Sie lebe gern in Berlin, sagt Dorota, "dieses Multikulti, dieses Internationale", das gebe es nicht in Polen. Trotzdem sei ihr wichtig, dass WOŚP auch ein Treffpunkt für Polen sei, "bei dem wir polnisch sprechen können. Wir haben eine andere Mentalität, eine ganz spezifische, und wir verstehen uns untereinander besser als mit anderen Nationen."

Bisher, sagt sie, seien die Berliner WOŚP-Partys daher auch fast ausschließlich von Polen besucht worden.

"Haltestelle Woodstock" als Dank an die Spender

In Deutschland ist das "große Orchester der Weihnachtshilfe" bisher eher durch das "Haltestelle Woodstock"-Festival bekannt, das mit freiem Eintritt jedes Jahr über eine halbe Millionen Menschen nach Kostrzyn direkt an der deutsch-polnischen Grenze lockt – eigentlich gedacht als Dankeschön für die Spender und Helfer.

Im vergangenen Jahr lud Stiftungsgründer Jurek Owsiak, der bis heute im Zentrum der Organisation steht, neben Vertretern aller Religionen und etlicher NGOs dezidiert auch Geflüchtete aus Deutschland nach Kostrzyn ein. Dass er mit diesem liberalen Ansatz in den Augen der Regierungspartei PiS in Warschau zum Feindbild wurde, dass der damalige Innenminister Mariusz Błaszczak sogar von der "totalen Opposition" sprach, kann Dorota nicht nachvollziehen. "Ich kann es nicht erklären", meint sie, "nur weil Jurek Owsiak nicht unbedingt die strenge katholische Linie befolgt? Vielleicht suchen diese Leute auch einfach einen Feind." Die WOŚP-Stiftung sei apolitisch, sie unterstütze weder die Regierung, noch sei sie Teil der Opposition.  "Am Tag des großen Finales, da ist auf einmal nichts mehr wichtig – wie du heißt, wie alt du bist, welche Konfession oder welche politische Einstellung hast. Alle gehen hin", schwärmt sie.

Als Pani Lydia schließlich die letzten Helfer aus ihrem Restaurant scheucht und die Pierogi auf den Herd stellt, sagt Dorota als Chefin der Berliner Gruppe, letztes Jahr hätten sie nach dem Finale über 3.000 Euro nach Warschau geschickt. 2018 soll es deutlich mehr werden – vielleicht auch dank einiger nicht-polnischer Besucher.

Martin Adam ist Journalist beim rbb und arbeitet zurzeit an einer größeren Recherche über das "Große Orchester der Weihnachtshilfe im Konflikt mit dem neuen polnischen Konservatismus". Diese Recherche wird unter anderem ermöglicht von "Reporters in the field", einem Stipendienprogramm der Robert-Bosch-Stiftung und der Medien-NGO n-Ost.

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    1. "Wenn ganz Polen Party macht - und dabei Spenden sammelt" lautet bei mir die Überschrift.
    2. Wenn Sie, lieber Erik, weiter gelesen hätten, würden Sie erfahren, dass die Polskis auch in NYC, Melbourne, Dublin oder in Indonesien sammeln und party machen.

    Fazit: Lesen bildet :-D

  2. 1.

    Ein weltweites Netzwerk - von Polen bis nach Berlin - was eine schöne Überschrift

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