22.10.2019, Berlin: Brandenburger Bauern fahren bei einer Protestaktion von Brandenburger Bauern gegen das Agrarpaket der Bundesregierung mit ihren Treckern um die Siegessäule (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)
Video: Brandenburg Aktuell | 22.10.2019 | R. Wittig | Bild: dpa

Protest gegen Agrarpolitik - Brandenburger Bauern fahren mit 450 Traktoren nach Berlin

Auf Berliner und Brandenburger Straßen konnte es am Dienstag länger dauern: Ein Konvoi aus mehr als 450 Treckern und anderen Landmaschinen fuhr bis zur Berliner Siegessäule. Die Bauern protestieren mit der Sternfahrt gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung.

Rund 1.000 Bauern aus ganz Brandenburg sind am Dienstag auf einer Sternfahrt nach Berlin gefahren, um gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung zu protestieren. Es ist eine von mehreren Protestaktionen am Dienstag in ganz Deutschland.

Gegen sechs Uhr starteten die Landwirte in Lauchhammer, Prenzlau und Wittstock/Dosse, teilte ein Polizeisprecher mit. Am Vormittag trafen sie sich an vier Punkten auf dem Berliner Ring und fuhren anschließend zur Siegessäule in Tiergarten. Dort zählte die Polizei mehr als 450 Traktoren und andere Landwirtschaftsfahrzeuge, sagte ein Sprecher. Erwartet hatte man rund 100. "Es ist eine Bewegung, die die Landwirte über die sozialen Netzwerke selbst organisiert haben", sagte der Landesbauernpräsident Henrik Wendorff. "Wir als Verband tragen ihren Gedanken mit, solange es um eine sachliche, gewaltfreie Diskussion geht."

Polizei warnte vor Verkehrsbehinderungen

Autofahrer mussten wegen der Sternfahrt auf Brandenburger Landstraßen und auf manchen Abschnitten von Bundesstraßen mit erheblichen Verzögerungen rechnen. Von den landesweiten Straßen seien demnach unter anderem die B5 von Bückwitz bis nach Berlin und die B96 von Baruth/Mark über Zossen betroffen, sagte ein Polizeisprecher.

Laut der Verkehrsinformationszentrale (VIZ) umrundete der Traktorzug die Siegessäule und fuhr dann auf gleicher Strecke wieder zurück. Für den Zeitraum zwischen 9 und 14 Uhr hatte die VIZ vor Einschränkungen im gesamten Berliner Stadtgebiet gewarnt, größere Staus aber gab es nicht. Rund 600 Beamte, davon alleine 300 Bereitschaftspolizisten, waren im Einsatz.

Mitspracherecht bei Insektenschutz und Freihandelsabkommen

Laut eigenen Angaben protestieren die Landwirte unter anderem für mehr Mitspracherecht beim Insektenschutz und gegen das angekündigte Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen MERCOSUR-Staaten, durch das sie einen Wettbewerbsnachteil befürchteten. Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass die Rindfleischproduzenten von dort durch eine mögliche ganzjährige Weidehaltung einen Vorteil hätten, sagte Wendorff. 

Die Demonstrationen richten sich auch gegen die Pläne der Regierung für mehr Natur- und Tierschutz in der Landwirtschaft und zum Schutz des Grundwassers vor Nitrat, das etwa durch Überdüngung in den Boden gelangt. Diesen Plänen hat auch die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) zugestimmt.

Klöckner: "Mute Landwirten etwas zu, unterstütze sie aber auch finanziell"

Klöckner sagte im ARD-Mittagsmagazin, sie verstehe, wenn sich "die Bauern an den Rand der Gesellschaft gedrängt" fühlten. Landwirtschaft werde häufig mit Tierquälerei, Ackergiften und Agrarfabriken verbunden. Gleichzeitig würden die Verbraucher aber bei Lebensmitteln sparen: "Wir haben 80 Millionen Hobby-Agrarwissenschaftler in unserem Land, die wissen, wie es geht, aber umgekehrt wird anders eingekauft. Das heißt, es gibt hohe Anforderungen an Landwirte, aber wir geben sehr, sehr wenig, rekordverdächtig wenig für Lebensmittel aus."

Die Regierung will mehr Geld für Umwelt- und Klimaschutz ausgeben, ein Tierschutzlabel und ein Aktionsprogramm für den Insektenschutz einführen. Unter anderem soll der Einsatz des Unkrautvernichters Glyphosat stärker begrenzt werden.  

Aktuelle Zahlen der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft vom Dienstag zeigen, dass die Zahl vieler Feld- und Wiesenvögel deutlich gesunken ist - sie finden weniger Insekten als Nahrung. Der Rückgang liegt nach Ansicht der Experten an der fortschreitenden Intensivierung der Landwirtschaft, unter anderem durch Pestizideinsatz, starke Düngung, den Verlust von Landschaftselementen wie Ackerbrachen. Die Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) zeigte sich besorgt über den zahlenmäßigen Rückgang bei Feldvögeln. "Leider konnte der dramatische Abwärtstrend bei den Feldvögeln bislang nicht gestoppt werden", sagte die SPD-Politikerin der dpa. Es seien "deutlich mehr Anstrengungen" nötig.

Ähnlich besorgt äußerte sich der Nabu. "Kiebitz, Braunkehlchen und Rebhuhn leiden massiv unter der EU-Agrarpolitik. Es sind nicht die einzelnen Landwirtinnen und Landwirte, sondern die aktuelle Agrarpolitik und das Festhalten der Agrarlobby an überholten Strukturen, was unsere Feldvögel an existenzielle Grenzen bringt", sagte der Bundesgeschäftsführer Leif Miller am Dienstag. Darum seien entsprechende Maßnahmen und eine ausreichende Finanzierung notwendig. Der Nabu fordert eine Zweckbindung der EU-Agrargelder. Stattdessen zementierten die EU-Agrarminister die "ineffizienten Direktzahlungen" an Landwirte und höhlten Umweltstandards aus.

10.000 Teilnehmer bei größtem Protest in Bonn

Neben der Sternfahrt nach Berlin waren auch Aktionen in Städten wie München, Würzburg, Erfurt, Oldenburg und Görlitz geplant. Zur größten Demonstration in Bonn wurden bis zu 10.000 Teilnehmer mit rund 800 Traktoren erwartet, zunächst zählte die Polizei dann 4.000 Teilnehmer. In Niedersachsen waren nach Schätzungen der Polizei fast 3.000 schwere Schlepper unterwegs, in Schleswig-Holstein 1.700, in Bayern 1.500 und in Hamburg 500. Dort wurden wegen des hohen Gewichts der Trecker einige U-Bahnabschnitte vorsorglich gesperrt.

Die aktuelle Politik gefährde Familienbetriebe, klagten die Bauern. Außerdem führe "Bauernbashing", also etwa herablassende Äußerungen über Landwirte, in vielen Bereichen zu Ärger in der Berufsgruppe. "Die neue Düngeverordnung und dass man jetzt nicht mehr soviel machen darf, wie man vorher machen durfte, finde ich nicht mehr ok", sagte ein Landwirt aus dem Oderbruch am Dienstag dem rbb.

"Die Rindfleischimporte aus Amerika sind das beste Beispiel: Wo überhaupt keine Kontrolle drauf ist, wo genmanipulierter Mais und Soja erlaubt sind, sogar Hormone gespritzt werden. Das kommt auf den deutschen Markt - und wir Landwirte müssen uns an jede Regel halten. Wir dürfen das alles nicht. Das wollen wir auch gar nicht. Wir wollen ein gesundes Produkt abliefern", sagte ein anderer Teilnehmer der Sternfahrt.

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38 Kommentare

  1. 38.

    Sie sähen nicht, sie ernten nicht, aber sie wissen alles besser. Als Bauer wäre ich auch schon längst auf den Barrikaden.

  2. 37.

    Für mich gibt es da drei Lösungen:

    1. Eine höhere Wertschätzung für landwirtschaftliche Produkte statt der Geiz-ist-geil-Mentalität, die ausgerechnet bei demjenigen den Rotstift ansetzt, was wir uns täglich in den Mund stecken. Für anderes - bspw. ausgefeilt Technisches - ist dagegen fast immer Geld da. Das geht vor allem an die Verbraucher.

    2. Die unabdingbare Unterscheidung zwischen Landwirten, die Landwirtschaft aus Familientradition heraus praktizieren und jenen landWIRTSCHAFTlichen Betrieben, betrieben von Zahnärzten und anderen, die dies als zusätzliche lukrative Einkommensquelle ansehen. Sie sind es, die einen Großteil der jetzt kritisierten Maßnahmen erst herausgefordert haben.

    3. Das Ziel der Proteste wirklicher Bauern sollte gegen die Großbetriebe gehen, die das Ansehen der Landwirtschaft permanent ruinieren, nicht gegen diejenigen, die aus blanker Notabwendung derlei Gesetze erlassen.

  3. 36.

    Kommen wir aber zu unserem.Kernproblem:
    Die ziemlich bescheidene Vergütung unserer vielfältigen Leistungen für den Erhalt des Grund und Bodens, unserer Arbeit für die Tiere und den Menschen. Wären alle Flächen und Ställe staatlich bewirtschaftet würde das System kollabieren. Denn: Wir arbeiten in großen Teilen vor allem in Kleinen und mittleren Betrieben für einen Lohn der auf die unzähligen Arbeitsstunden berechnet, auf entstandene Kosten und oftmals Generationen überdauernde risikoverbundene Finanzierungen bestenfalls gleich null ist. Ja wir leben und lieben die Landwirtschaft aber so viele von uns laufen bereits jetzt sehenden Auges in ihren Ruin, weil sie nicht wahrhaben wollen, dass ihre auf jahrzehnte geplanten und übrigens von Politik und Markt vorangetriebenen Investitionen sich bei aktuellem Druck nicht mehr halten lassen. Denn das Ganze ist eine Mammutaufgabe, die trotz allen Willens und unerschütterlichen Pioniergeist für neue Techniken vor allem finanziert werden muss.

  4. 35.

    Das ist genau diese pauschalisierende Berichterstattung und weitläufige Meinung, die uns Landwirte so frustriert. Wir sind nicht gegen Insektenschutz, es gibt einzuhaltende Fruchtfolgen und Blühstreifen schon jahrelang, Insekten sichern durch Bestäuben unseren Ertrag- das ist uns klar. Nicht gegen Naturschutz, du lernst schon in der Ausbildung wie das Ökosystem funktioniert und Spritzmittel unterliegen strengen Vorgaben bis zur Freigabe, jeder Landwirt hat eine Schulung zu absolvieren, Abstände zu Gräben sind einzuhalten und und und. Nicht gegen Tierwohl, niemand von uns quält seine Tiere oder möchte sie leiden sehen, es gibt Vorgaben zu Lichteinfall, Luftzirkulation, Spielmaterial, Gruppengröße, Erkennen und behandeln von kranken !Einzeltieren!, auch mit Antibiotika !wenn nötig! alles andere wäre nämlich Tierquälerei, Sperrfristen bei Antibiotika Einsatz: denn: es gibt keine Rückstände von Antibiotika in Fleisch .PUNKT. das ist einfach ein No-Go.

  5. 34.

    Die industrialisierte Landwirtschaft vergiftet Grundwasser, Erde....zig tausende Menschen sterben in Krankenhäusern an multiresistenten Keimen aus der Massentierhaltung. Bauern, Tierhalter gelten da als hohe Risikogruppe betreff Infektionsübertragung!!.....Wird zeit für ein Umdenken.....

  6. 33.

    .. wer Globalisierung will und ohne Standards braucht sich auch die Frage nach der Qualität nicht stellen. Ich denke das viele Bauern auf Produktionsmethoden angewiesen sind , weil die Bürokratie sie auffrisst, die sie eigentlich nicht wollen. Gleichzeitig wird aber konkurrenzloser Landwirtschaftsmüll aus Billiglohnländer ohne Standard importiert.
    Das ist Scheiß für die Bauern. Sollte man da nicht auch über steuerliche Regularien nachdenken?

  7. 31.

    Klar, verstehe ich ja. Meine Frage war ja auch eher ironisch gemeint. Ich kenne Traktoren schon; ich wohne fast auf dem Land (Grünau) ;) . Ich fahre mit den Öffis (die ich oft verdammen muss) und mit dem Kombi. In meiner Familie wird auch SUV gefahren . Wünsche einen schönen Feierabend.

  8. 30.

    Tierwohl ist von Deutsche konsumenten nicht gewünscht. sie ist nicht bereit den preis zubezahlen. Studie uni Osnabrück: selbst wenn konsumenten aufgeeklart sind und den wahl haben kauft 8o% niedrigste Standard.

    Da geht mindestens 70% der Deutsche schweinehaltung in den Ruin. Bester beispiel ist Grossbritanie hier gibt es nur noch 60% der schweinehaltung nach dem die Schweinehalter verpflichted wurde hoher tierwohlstandards zu implementeren und die Deutsche vorschlagen gehn weiter wie die in GB

  9. 28.

    "Farmers for Future"?

    Diese Grundwasser- und Bodenverseucher, diese industrialisierten Lebensmittelpanscher sind bestimmt nicht unsere Zukunft. Hoffe ich...

  10. 26.

    War denn alles CO2 neutral? Von Greta abgenommen?
    Wo sind die Friday For Future Demonstranten?

  11. 25.

    Wo ist der Aufschrei der SUV-Hasser? ;)

    das liegt daran, das SUV-Hasser einen SUV als Traktor oder Landwirtschaftliches Gerät definieren und in real überhaupt keine Traktoren kennt und nun von dem Anblick und Lärm dieser imposanten Fahrzuege einfach nur sprachlos geworden sind *laut lacht*

    Aber niemand kann´s den "Städtern" verübeln. Wer nur mit ÖPNV durch die Großstadt fährt und noch nie auf dem Land war, wird solche Fahrzeuge einfach nicht kennen.

    Das wichtigste ist, das in einer Demokratie jeder ein Protest anmelden kann. Dieser wurde genehmigt, wie bei den vielen letzten Aktionen in Berlin auch und nun heute durchgeführt.
    Heute Abend ist die Aktion für Berlin City sicherlich schon wieder beendet und morgen wieder vergessen. Wie jegliche Proteste zuvor auch schon.

  12. 23.

    Keiner der Landwirte demonstriert hier pauschal gegen Insektenschutz oder gegen Klimaschutz. Die Frage stellt sich doch wie kann man auf der einen Seite die heimische Landwirtschaft beschränken und mit Auflagen überziehen und auf der anderen Seite Freihandelsabkommen mit Südamerika unterschreiben und dann deren Produkte - wie auch immer produziert - über tausende von Kilometern über den großen Teich schippern!??!! Dass sich auch die heimische Landwirtschaft ändern muß steht ausser Frage - dass kann aber nur nachhaltig funktionieren wenn wir zu dieser stehen und wir sie mit unserem Kaufverhalten unterstützen. Der Verbraucher stellt sich immer die Frage wie kann der Landwirt nur seine Tiere so halten - mit Betonspalten, in großen Ställen, in großer Zahl - aber der Verbraucher sollte einmal in den Spiegel sehen, dann sieht er den Verursacher der dies alles über Jahre mit seinem Kaufverhalten so voran getrieben hat.

  13. 22.

    es gibt leider zu viele Vorstellungen, die zu schön zum wahr sein sind *lach*

    Leider vergessen viele, das es nur Vorstellungen sind und diese nicht real werden können und wenn diese nicht Realität werden, ist die Frustration recht hoch.

    Aber gut... ich gönne Ihnen die Vorstellung von den vielen Strafzetteln, wegen fehlender blauer Umweltplakette :D

  14. 21.

    Man kann nicht verlangen das diese Lebensmittel so billig sind.

    ja sicher kann man das! Jedenfalls wenn man in Deutschland lebt. Überall in der EU kosten Lebensmittel deutlich mehr als hier und an den höheren Steuern liegts nicht. Guckt euch zum Beispiel mal Fleisch oder Milchprodukte wie Quark oder Butter an. Was kostet Quark hier bei und und was kostet der bei den Ösis?
    Geht mal in den BeNeLux Lebensmittel einkaufen und vergleicht den Einkauf mit den Deutschen Preisen, da wird euch ganz anders.

    Aber sobald hier die Eier 2 Cent mehr kosten, wird gleich ein Aufstand gemacht. Wenn man sieht, wie die Spritpreise zeitweise im Minutentakt steigen, dann nimmt man das hin aber beim Futter... da ist es gleich zu teuer.
    Ach Spritpreise BeNeLux Länder... da sieht man oft tagelang den gleichen Preis! Ohne dieses rauf und runter

    und es geht dort auch mit dem Leben!

  15. 20.

    Wo ist der Aufschrei der SUV-Hasser? ;)

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