Kommentar | Waldbrände und Klimapolitik - Brandenburgs weißer Elefant

Mo 20.06.22 | 17:16 Uhr | Von Hanno Christ
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Das Luftbild zeigt ein Areal des Waldbrandgebiets bei Treuenbrietzen (Quelle: Landkreis Potsdam-Mittelmark)
Audio: rbb24 inforadio | 20.06.2022 | Ivo Ziemann | Bild: Landkreis Potsdam-Mittelmark

Es ist nicht etwa Kalifornien oder Südeuropa, sondern Brandenburg: Wieder drohen Menschen per Waldbrand ihr Hab und Gut zu verlieren. Das Land dörrt aus. Statt über einen vorzeitigen Kohleausstieg wird lieber über eine Verzögerung debattiert. Von Hanno Christ

Es ist schon fast eine Art düsteres Ritual, das sich alle Jahre in Brandenburg wiederholt: Es ist heiß, Bäume brennen, die Waldbrandzentrale schlägt Alarm, hunderte Feuerwehrleute rücken aus und löschen, was das Zeug hält. Bundeswehr-Hubschrauber kreisen über Badeseen, um dort Löschwasser einzusammeln. Politiker fahren in die Waldbrand-Regionen, um sich dort ein Bild von der Lage zu machen und sich mit den Menschen zu solidarisieren.

So ist es auch wieder an diesem Wochenende geschehen, an dem sich viele an das Jahr 2018 erinnert sahen. Damals brannte es bei Treuenbrietzen schon einmal heftig. Auch damals fürchteten Hunderte Menschen um ihr Hab und Gut. Doch wie die Hubschrauber um die Brände kreisen, so tun es auch manche Politiker: Sie kreisen um Ursachen und Brandbeschleuniger dieser Katastrophen vor den Toren der Landeshauptstadt. Die Klimakrise scheint der große, weiße Elefant zu sein. Jeder sieht das Problem im Raum, vor Ort aber zählt erstmal anderes. Das Klima-Thema scheint zu groß, um es zwischen Einsatzfahrzeugen auf einem staubigen Parkplatz bei Beelitz aufzugreifen.

Klimakrise kommt zu kurz

Auch Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) eilte am Sonntag zu den Feuerwehrleuten. Wieder einmal ging es um munitionsbelastete Flächen, über die man "dringend mit der Bundesregierung" sprechen müsse. Um eine "ganze Reihe von Lehren", die sie aus der Brandkatastrophe von 2018 gezogen hätten. Die Ausstattung etwa, die verbessert worden sei. Aber kein Wort zur Klimakrise.

Geht im Eifer der Brandbekämpfung die Frage verloren, warum die Lage eigentlich dramatischer und lebensbedrohlicher wird? Es stimmt, dass Brandenburgs karge Böden, die trockenen Kiefernwälder und Altbestände an Munition eine gefährliche Mischung bilden. Sie machen das Land so anfällig wie kein anderes Bundesland für Waldbrände. Es stimmt aber auch, dass eigene politische Entscheidungen dazu beitragen, dass sich daran so schnell nichts ändert. Im Gegenteil.

Versorgungssicherheit vor Klimaschutz

Die klimaschädliche Braunkohle-Verstromung zählt zu den Hauptverursachern der globalen Erwärmung. In China, Indien, den USA vor allem. Aber eben auch in Deutschland. Nirgendwo wird hierzulande mehr in die Atmosphäre gepumpt als in Brandenburg. Und es ist dessen Landesregierung, allen voran SPD und CDU, die sich anschicken, damit in die Verlängerung gehen zu wollen.

Woidke gehörte zu den ersten, die nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine den im Ampel-Koalitionsvertrag angedeuteten Kohleausstieg bis 2030 in Frage stellten und die Versorgungssicherheit einmal mehr über den Klimaschutz stellten. Der eigentliche Ausstieg war einst – unter Zähneknirschen von Klimawissenschaftlern – für 2038 vereinbart worden. Daran wird nun festgehalten. Verhandelt sei eben verhandelt. Dazu kommt: Die Unsicherheit durch den Krieg in der Ukraine, der Umbau der Energieversorgung weg von Gas und Öl verleihen der Braunkohle zusätzliches Gewicht. Es sind schlechte Rahmenbedingungen für einen besseren Klimaschutz.

Es geht um mehr als Feuerwehrausrüstung

Das Perfide an der Klimakrise ist ihr – für den Menschen scheinbar langsamer – Verlauf, die Komplexität, die es schwer bis unmöglich macht, jeder Wirkung eine klare Ursache zuzuschreiben. Was kann da der oder die Einzelne oder gar ein Bundesland alleine ausrichten? Der Finger, der auf die anderen zeigt, ist in der Klimakrise weit ausgestreckt. Bei den Anderen ist es immer schlimmer, warum sollten wir damit anfangen? Für Politiker zahlen die leisen Erfolge im Kampf gegen die Klimakrise kaum ein, die Schaffung oder der Erhalt von Arbeitsplätzen schon viel eher.

Doch wie wichtig kann Versorgungssicherheit sein, wenn Brandenburger durch die Auswirkungen der Klimakrise nicht mehr nur um Arbeitsplätze, sondern womöglich auch um Leben und Existenz fürchten müssen? Wenn das Land langsam ausdörrt und Lebensgrundlagen verloren gehen? Es geht um mehr als um eine bessere Ausrüstung der Feuerwehren, Waldumbau und Brandschneisen. Das Wochenende hat einmal mehr gezeigt wie sehr Brandenburg im Fokus der Klimakrise steht. Und dass es eine Landesregierung verdient, die entschlossen dagegen handelt.

Sendung: rbb24 Brandenburg aktuell, 20.06.2022, 19:30

 

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49 Kommentare

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  1. 49.

    Huch! Hab jetzt erst festgestellt, dass die Franzosen tatsächlich überwiegend mit Strom heizen. *facepalm*

  2. 48.

    Für langfristig 40 Grad Celsius darf aber keine weitere Emission der Treibhausgase mehr erfolgen oder mittelfristig stark reduziert werden, dann wird’s aber später trotzdem noch wärmer.
    Denn das Ganze besitzt durch die riesigen Energiespeicher noch eine nicht unerhebliche Verzögerungszeit.

  3. 47.

    Auch wenn das in der Sache wenig weiterhilft aber was haben die Berliner Regierungen der letzten Jahrzehnte Incl. der aktuellen bislang aktiv gegen den Klimawandel gemacht?
    BB kann ja wenigstens einen nennenswerten Teil der Energieversorgung halbwegs sauber vorweisen. Die große Kohleverstromung wäre energetisch für Brandenburg allein kaum notwendig, genauso auch >50% der PCK-Raffinerie.
    Strom, Diesel, Stahl, Bauholz, Nahrungsmittel etc. nimmt man gerne an in der Hauptstadt.
    Viele Regionen in BRB haben die Ausbauziele erneuerbare Energien für 2045 bereits jetzt bzw. zeitnah erreicht, wo man in Berlin anfängt darüber nachzudenken, wie man anfängt.
    Also so träge wie unsere Landesregierung häufig ist, aber die im Kommentar gemachten Vorwürfe sind doch ziemlich einseitig.
    100% regionale Medien berichten demgegenüber über die deutlich bessere technische Ausstattung unserer Feuerwehren und Forstbetriebe im Vergleich zu 2018, die auch nach dem Kohleausstieg dringend notwendig bleiben.

  4. 46.

    Physikalisch mit der Strahlungslehre (Absorption, Emission, ohne Transmission), der Sonnenstrahlung, dem Vakuum um die Erde und den dafür benötigen Treibhausgasen wie CO2, Methan und Wasserdampf etc. in der Atmosphäre.
    Der Rest ist Mathematik. Steigt die Konzentration der Treibhausgase steigt die Erderwärmung.
    Zusätzlich kommen nun die Mitkopplungen ins Spiel. Durch die Erwärmung werden Prozesse angeschoben, die wiederum die Eigenerwärmung weiter anregen.
    Und so weiter und so fort.

  5. 45.

    Sie kennen natürlich die Kernfusions-Konstante: Es dauert immer nur noch 25 Jahre bis zum ersten brauchbaren Reaktor. Egal wann man fragt. Bei uns in der Kneipe war früher ein Schild: Freibier gibt's morgen!

  6. 44.

    "Wir müssen Vorreiter werden. Anderen Ländern zeigen, dass es gehen kann."
    Aha, ich stelle mir grad mal vor der franz. Präsident stellt sich hin und sagt nach dem nächsten Winter, indem die Deutschen schön gefroren haben, wir gehen auch den deutschen Weg und schalten unsere 56 Reaktoren ab.
    Was denken sie was dann in Frankreich los ist?
    Kein Land der EU, geschweige in der Welt, wird seinen Bürgern zumuten im Winter nen kalten A.... zu haben.....so ganz nach deutschem Vorbild!

  7. 43.

    Machen es 40 Grad irgendwie besser???
    Langsam nerven die Provokationen der Kohlerüpel.

  8. 42.

    Ob die Menschen in dreißig Jahren, wenn alles zu spät ist auch so sehen?
    Wir laufen auf eine Katastrophe mit Ansage zu, versuchte Diffamierung aus der Kohle Ecke braucht keiner.

  9. 41.

    Was bringt ein FNP? Es gibt acht Themenbereich, die in Aussenbereichen privilegiert sind. Das fängt bei der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung an und geht über die Nutzung von Wasser- und Windkraft hin bis sogar zur friedlichen Nutzung der Kernenergie samt Entsorgung der derer Abfälle. Für die bedarf es keines Bebauungsplanes.

    Das Baurecht sieht aber nicht vor, Bauer Harms vorzuschreiben, was für Bäume er zu pflanzen hat, sofern nicht weitere Regelwerke das einschränken. Da wachsen dann oft halt brandgefährliche Kiefernmonokultur von geringer ökologischer Qualität als Ersatz für die Preußenbäume wie auch der Forstwirt daraus auch nicht zu Kampfmittelräumung verpflichtet werden kann.

  10. 40.

    "Ja, wir haben speziell durch die CDU jeglichen Vorsprung verloren: Bei der Photovoltaik, bei der Windkraft, beim eAuto und bei allen alternativen Technologien." Bei der Forschung zu Fusionskraftwerken steht Deutschland aber sehr gut da (Wendelstein 7-X in Greifswald).

  11. 39.

    Der Waldumbau läuft ja deshalb auch schon. Das geht aber nicht so schnell - da braucht es schon noch ein Konzept für die Zwischenzeit. Das nächste Problem kommt mit weiter fortschreitendem Umbau vielleicht beim Nutzholz. Die Kiefernwälder sind ja zumeist keine Wälder sondern Nutzforst mit einem schnellwachsenden Baum - was wird der Nachfolger der Kiefer als schnellwachsendes Nutzholz werden, wenn man nicht auf die Holzwirtschaft dazu verzichten will (oder nur noch Sparflamme betreiben will und mehr importiertes Holz (was und woher eigentlich) nutzt)?

  12. 38.

    Vernünftiger Vorschlag, die Munitions-Altlasten aus dem Boden zu holen, auch mit Hinblick auf die Gelder, die Deutschland für anderes verpulvert.

    Der Haken dabei:
    Deutschland, also der Bund, kommt nur für die Beräumung von Munition und anderem Kriegszeug auf, das ein Hinterbleibsel Deutschlands ist, also quasi als Rechtsnachfolger von Wehrmacht usw.
    Alles andere, von Alliierten oder Besatzern, fällt zu Lasten des Eigentümers, oder des Landes, wenn der Eigentümer Glück hat.
    Womit sich wieder neue Fragen ergeben, nach dem Geld.

  13. 36.

    "Woidke....dem fällt zuerst nach Kriegsbeginn ein weiter Kohle zu verfeuern. "
    Hmm, das Ihr grüner Habeck seit Ende April an einem derartiges Gesetz bastelt, ist in Ihrer Welt noch nicht angekommen.
    Woitdke hat es wohl schon vorhergesehen...schlauer Kerl

  14. 35.

    Lieber Herr Christ,

    Ich glaube, Sie haben zwei englische Redewendungen vermischt oder verwechselt - ein 'white elephant' ist eine kostspielige, sinnlose Fehlinvestition (der BER?) und ich denke, darum geht es in Ihrem Artikel nicht.

    Der 'elephant in the room' ist dagegen ein offensichtliches Problem, über das niemand spricht oder sprechen will, also der 'Elefant im Raum' , ohne das Adjektiv " weiß". 'Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen' geht natürlich auch. Beste Grüße

  15. 34.

    ""auch um Leben und Existenz fürchten""
    Bei aller Ernsthaftigkeit zum Thema lieber @rbb, aber dies ist astreines Boulevardniveau!

  16. 33.

    "Zahlreiche sichere Atomkraftwerke könnten die Lösung für die Klimakrise sein"

    Und wo sollen die auf absehbare Zeit herkommen?

  17. 32.

    Was bringt ein FNP? Es gibt acht Themenbereich, die in Aussenbereichen privilegiert sind. Das fängt bei der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung an und geht über die Nutzung von Wasser- und Windkraft hin bis sogar zur friedlichen Nutzung der Kernenergie samt Entsorgung der derer Abfälle. Für die bedarf es keines Bebauungsplanes.

    Das Baurecht sieht aber nicht vor, Bauer Harms vorzuschreiben, was für Bäume er zu Pflanzen hat, sofern nicht weitere Regelwerke das einschränken. Da wachsen dann oft halt brandgefährliche Kiefernmonokultur von geringer ökologischer Qualität als Ersatz für die Preußenbäume wie auch der Forstwirt daraus auch nicht zu Kampfmittelräumung verpflichtet werden kann.

  18. 31.

    Zitat:"Versorgungssicherheit vor Klimaschutz"

    Was gibt es daran auszusetzen, so lange keine andere Alternative zur Verfügung steht und die Lücke auch vollständig abdeckt?

    Der Aufschrei in D wird gewaltig, wenn im Winter die Stromversorgung evtl. für mehrere Stunden am Tag einfach abgeschaltet wird wegen Rationierung.
    Und wer wird dabei auch mit ganz vorn dabei sein? Die Kritiker hier.
    Jeder hier will weiter seine (mind) 21°C Zimmer-Temperatur im Winter haben und auch durchgehende Stromversorgung für ALLE.
    Oder nicht?
    Wo sind die Alternativvorschläge, die bis zum Winter das Problem lösen werden?
    Ich sehe die weder im Beitrag noch in den Kommentaren der (teils fanatisch erscheinenden) Kritiker.

    Lade-Verbot für E-Kfz im Winter wegen fehlender Stromversorgung wird auch niemand hinnehmen wollen, oder?
    Und E-Bike-Akkus müssen auch dran glauben, damit wenigstens U+S-Bahn noch fahren können?
    Einverstanden?
    Alternativen sind gefragt, anstatt fanatischer Kritik.

  19. 30.

    Ja. Und Mischwald würde den Boden verbessern und Feuchtigkeit halten. Monokulturen sind in jedem Fall ungünstig für die Bodenbeschaffenheit.

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