Heinz Rudolph, Leiter der Landesschule und Technische Einrichtung für Brand- und Katastrophenschutz (LSTE)
Bild: Heinz Rudolph/LSTE

Interview nach A2-Unglück - "Der Einsatz auf Autobahnen ist besonders riskant"

Nach dem Tod von zwei Feuerwehrleuten auf der A2 herrscht landesweite Trauer. Zwei Männer mussten sterben, als sie Unfallopfern helfen wollten. Auch Heinz Rudolph, Leiter der Feuerwehrschule in Eisenhüttenstadt, ist erschüttert. Ein Schwerpunkt der Ausbildung dort ist der Einsatz auf Autobahnen.  

An der Feuerwehrschule in Eisenhüttenstadt herrscht Trauer. Gemeinsam haben die Feuerwehrleute, die dort gerade unterrichtet werden, am Dienstagvormittag mit einer Schweigeminute der beiden Kameraden aus Kloster Lehnin gedacht, die beim nächtlichen Einsatz auf der Autobahn A2 ums Leben gekommen sind.

An der "Landesschule und Technischen Einrichtung für Brand- und Katastrophenschutz" (LSTE) werden alle Feuerwehrleute des Landes regelmäßig geschult, unabhängig davon, ob sie einer Freiwilligen Feuerwehr oder einer Berufsfeuerwehr angehören. Aktuell durchlaufen 110 Feuerwehrleute die Lehrgänge.  

"Das Ereignis verdeutlicht einmal mehr, dass in den Einsätzen trotz bester Ausstattung und Ausbildung in den Feuerwehren immer ein Restrisiko bleibt", heißt es in einer Erklärung der LSTE, die dem Brandenburgs Innenministerium zugeordnet ist. rbb-Reporter Stefan Kunze hat dazu Heinz Rudolph befragt, der seit Mai 2015 die Schule leitet.

rbb: Herr Rudolph, wann haben Sie heute von dem Unglück erfahren?

Heinz Rudolph: Ich bin heute am frühen Morgen durch den zuständigen Kreisbrandmeister und auch durch das Lagezentrum im Innenministerium informiert worden.

Als Sie davon erfuhren, was ging Ihnen da durch den Kopf?

Ich war schockiert, tief betroffen, es gehen einem schlagartig viele Dinge durch den Kopf: Ich dachte sowohl an die Familien, die Hinterbliebenen der beiden getöteten Kameraden, als auch an die Kameraden, die dabei waren. Das ist ein einschneidendes Erlebnis, vor allem für die Kameraden, die dann künftig in dieser Feuerwehr weiterhin ihre Aufgaben erfüllen müssen.

Das Einsatzgebiet, die Autobahn, ist ja mittlerweile ein fast tägliches Einsatzgebiet...?

Leider ist es trauriger Alltag. Der Autobahneinsatz birgt eine ganze Reihe besonderer Risiken, auch im Vergleich zum Einsatz auf Landes- oder Bundesstraßen. Deswegen haben wir an der Landesfeuerwehrschule in Eisenhüttenstadt als zentraler Ausbildungstätte auch extra eine Übungsfläche geschaffen: Eine 40 Meter lange "Übungsanlage Autobahn": mit Leitplanken, mit Straßenbelägen verschiedenster Art, mit Straßensituationen, die die realitätsnahe Unfalldarstellung ermöglichen.

Es ist zwar noch nicht ganz klar, wie der Unfall sich heute morgen genau ereignet hat. Trotz der Übungen lassen sich solche Unglücke aber offenbar nicht immer verhindern...

Also, das Unglück zeigt einmal mehr, dass jeder Einsatz, auch wenn die Einsatzkräfte noch so gut vorbereitet sind - technisch oder von der Ausbildung her - immer noch Restrisiken in sich birgt. Und das zeigt auch, wie gefährlich der Feuerwehrdienst ist. Es wird immer Restrisiken geben, das ist leider so.

Als Landesfeuerwehrschule bilden Sie auch den Nachwuchs aus, die künftigen Feuerwehrleute. Befürchten Sie, dass solch ein Unglücksfall Auswirkungen hat?

Also sicher ist es so, dass es einem sehr nahe geht, insbesondere den Feuerwehreinsatzkräften. Das wird natürlich auch Auswirkungen haben. Sie kennen das, wenn Sie als Autofahrer einen schweren Unfall gesehen haben, dann fahren Sie eine ganz Weile sicher ein Stückchen vorsichtiger, als Sie es sonst vielleicht im Alltag tun. Weil die Risiken besonders ins Bewusstsein gerückt werden. Und ich denke, als Feuerwehrmann hat das schlimme Unglück den Effekt, das man sich ganz besonders noch einmal mit den einzelnen Techniken und Taktiken im Einsatz vertraut macht und dass man sich ganz besonders gut auf die nächsten Einsätze vorbereitet.

Einsatzübung auf dem Gelände der Landesfeuerwehrschule in EisenhüttenstadtEinsatzübung auf dem Gelände der Landesfeuerwehrschule

Werden Sie aufgrund des Unfalls jetzt noch mehr auf Ihrer Autobahn-Teststrecke üben?

Es ist bei uns ohnehin im Programm. Es ist Bestandteil unserer Ausbildung für Führungs- und Spezialkräfte. Es ist ja so, dass auch die Kommunen und Landkreise, also diejenigen, die die Feuerwehren betreiben, die Grundausbildung im Brand- und Katastrophenschutz vornehmen. Sie legen qausi schon die Grundlage. Und wir bilden natürlich unsere Führungskräfte ganz besonders auch für den Einsatz auf Autobahnen aus. Wir haben regelmäßig Unfallszenarien als Ausbildungsgegenstand in den Lehrgängen in Eisenhüttenstadt. Und auch künftig werden wir uns in besonderem Maße darauf fokussieren, das nötige Wissen für den Einsatz auf Autobahnen zu vermitteln.  

Hätte man den Unfall verhindern können, wenn man die Autobahn so lange gesperrt hätte, bis der Unfall aufgenommen und alles abtransportiert ist? Wäre das realistisch?

Mir liegt bis jetzt kein detaillerter Einsatzbericht vor, und ich war auch nicht am Einsatzort. Deswegen kann ich das überhaupt nicht werten. Ich kann Ihnen aber sagen, was wir hier an der Landesfeuerwehrschule vermitteln.

Es ist so, dass auf Autobahnen sehr schnell gefahren wird und dass hohe kinetische Energien frei werden, wenn Lastkraftwagen, aber auch Personenkraftwagen mit hoher Geschwindigkeit auf Autobahnen unterwegs sind. Schon daher gilt die Regel, dass man entgegen der Fahrtrichtung 600 bis 800 Meter vorher absperrt. Natürlich gibt es zeitlich gesehen eine Phase des Einsatzes, wo das noch nicht gewährleistet werden kann, weil die Einsatzstrukturen vor Ort erst aufgebaut werden müssen. Nicht überall ist das zeitnah möglich.

Das hängt immer auch von den örtlichen Gegegenheiten ab, von der Verkehrssituation; nicht immer fließt überhaupt noch Straßenverkehr. Manchmal ist es auch schon über mehrere hundert Meter zugestaut und die Feuerwehr hat Schwierigkeiten da hinzukommen, Sie kennen das Problem mit den Rettungsgassen. Also die Situationen sind sehr unterschiedlich. Die Führungskräfte müssen in der Lage sein, sich darauf einzustellen und darauf gilt es auch, die Ausbildung auszurichten.

Einsatzübung auf dem Gelände der Landesfeuerwehrschule in Eisenhüttenstadt
In Eisenhüttenstadt wird unter realistischen Bedingungen trainiert. | Bild: Landesschule und Technische Einrichtung für Brand- und Katastrophenschutz (LSTE)

Wie haben die aktuellen Lehrgangsteilnehmer den Unfall aufgenommen?

Wir haben zur Zeit 110 Lehrgangsteilnehmer hier und haben diese gleich am Morgen informiert, sofern sie es nicht schon aus den Medien wussten. Die waren auch alle sehr betroffen, und gemeinsam haben wir dann in einer Schweigeminute der Opfer, aber auch der Angehörigen, der Kameraden und Kameradinnen und der Freunde gedacht.

Ist danach ein normaler Lehrgang weiter möglich?

Wer vielleicht selbst aus dem Bereich Potsdam-Mittelmark kommt, wer vielleicht sogar die Kameraden kannte, für den wird es sehr schwer sein, zum Tagesgeschäft überzugehen. Auch andere nimmt das natürlich sehr stark mit, aber es ist eben so, dass man trotzdem weiter zum Tagesgeschäft übergehen muss. Das ist einfach so, die Feuerwehr muss funktionieren; und wer hier einmal zum Lehrgang gekommen ist, der muss natürlich sehen, dass er sich da in den Griff bekommt. Das ist natürlich anspruchsvoll, aber die Kameradinnen und Kameraden können damit umgehen. Im Übrigen haben wir für die Kameraden vor Ort auch die Notfallseelsorge: Das Einsatz-Nachsorgeteam und die psychosoziale Notfallversorgung des Landes Brandenburg sind dort tätig, um die Kameraden bei der Verarbeitung des Geschehenen zu unterstützen.

Das Gespräch führte Stefan Kunze, rbb-Studio Frankfurt (Oder)

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren

Bild in groß
Bildunterschrift