Ein "und" wurde gerade von einem Spendenpaten gekauft und wird von einem Mitarbeiter des Kleist Museum bunt markiert
Ein Mitarbeiter des Kleist Museum markiert im Foyer die Wörter und Zeichen des Briefes, die schon an Spendenpaten verkauft wurden | Bild: Stefan Kunze/rbb

Zeichen und Wörter des Dichters erfolgreich verkauft - "Ein Stück Kleist": Der ganze Brief ist weg

Er galt über 100 Jahre als verschollen. Der Schlussteil eines Briefes von Heinrich von Kleist an seine Schwester Ulrike. Nun sind die nur sieben Zeilen mit Unterschrift wieder aufgetaucht. Frankfurt (Oder), die Geburtsstadt des Dichters, hat erfolgreich Zeichen und Wörter des Dichters verkauft, um den Autograph erwerben zu können. Von Magdalena Dercz und Stefan Kunze

"Ein einziges Wort von euch, und ehe ihrs euch verseht, wälze ich mich vor Freude in der Mittelstube."

Diese eine Zeile von Heinrich von Kleist ist Bestandteil eines Briefes, den der Dichter einst an seine Schwester Ulrike schrieb. Nach über 100 Jahren sind die sieben Zeilen aus dem Schlussteil eines Briefes wieder aufgetaucht. Damit der Brief wieder nach Frankfurt (Oder) kommt, haben Kleist Museum und Stadt Anfang Dezember einen ungewöhnlichen Weg gewählt. Für 35 bis 150 Euro waren einzelne Zeichen und Wörter des berühmten Sohnes der Stadt zu kaufen. Zwei Tage vor Jahreswechsel sind die letzten vier "freien" Worte verpatet wurden. Doch das Interesse aus ganz Deutschland an dem Faksimile des Kleist-Briefes ist weiter hoch.  

"Ein Stück Kleist", der Schlussteil eines Briefes, den Heinrich von Kleist an seine Schwester Ulrike schrieb und der über 100 Jahre als verschollen galt (Quelle: Antiquariat INLIBRIS Gilhofer Nfg. GmbH) .
"Ein Stück Kleist", der Schlussteil eines Briefes, den Heinrich von Kleist an seine Schwester Ulrike schrieb und der über 100 Jahre als verschollen galt. | Bild: Antiquariat INLIBRIS Gilhofer Nfg. GmbH

Und nun küsse in meinen Namen jeden Finger meiner ewig
verehrungswürdigen Tante! Und, wie sie, den Orgelpfeifen gleich,
stehen, küsse sie Alle? von der oberste bis zu letzten, der kleinen
Maus aus dem Apfelkern geschnitzt! Ein einziges Wort von euch, und (ehe ihrs euch verseht)?? wälze (ich) mich vor Freude in der Mittelstube. Adieu! Adieu! Adieu!
O du meine Allertheuerste!
Leipzig, d. 14t März, 1803                            Heinrich.

Diese Umschrift und ein Faksimile des Briefabschnittes inklusive Passepartout sowie eine Spendenbescheinigung erhalten die  Käufer als "Paten" einzelner oder mehrerer Zeichen oder Wörter. Bis zum Jahresende will das Kleist Museum Spenden sammeln, damit der Autograph in die Geburtsstadt des Dichters zurückkommen kann.
Ein Drittel der Kosten müssen aufgebracht werden, dann steuern die Kulturstiftung der Länder und das Land Brandenburg den Rest bei, um dieses Briefstück von einem Wiener Antiquariat zu erwerben.     

"Ein Stück Kleist", der Schlussteil eines Briefes, den Heinrich von Kleist an seine Schwester Ulrike schrieb und der über 100 Jahre als verschollen galt (Foto: Magdalena Dercz/rbb)
"Ein Stück Kleist", der Schlussteil eines Briefes, den Heinrich von Kleist an seine Schwester Ulrike schrieb und der über 100 Jahre als verschollen galt. Das Kleist Museum kann den Autograph erwerben, wenn es ein Drittel der Ankaufkosten aufbringt. | Bild: Magdalena Dercz/rbb

Knapp 12000 Euro werden benötigt

Die Idee, das Geld über eine Spendenaktion einzuwerben, hatte die Musemumspädagogin des Kleist Museum: "Wir haben alle Worte dieses Brieffetzens gezählt und dann überlegt, ein Zeichen oder Wort dafür herzugeben, wenn jemand mit seiner Spende dazu beiträgt, dass wir den Brief kaufen können", erzählt Christina Dalchau und fügt hinzu "als Dank erhalten die Spender dann eine ganz schöne Mappe, auf der dann verzeichnet ist, welches Wort er ersteigert hat". Das Museum hat keinen Ankaufetat und weil insgesamt knapp 12.000 Euro benötigt werden, wird der Verkauf von Zeichen und Wörtern allein nicht ausreichen. Deshalb hofft das Kleist Museum, dass auch sonstige Spenden von Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Frankfurt (Oder), aber auch von Schulkassen, Unternehmen, historische Gesellschaften und Vereinen zusammenkommen. Es gab schon am ersten Abend der Aktion schon drei größere Spenden zwischen 500 und 1000 Euro, sagte die Sprecherin des Kleist Museums, Anette Handke, dem rbb.

Mappe mit Faksimile des Briefabschnittes inklusive Umschrift im Passepartout

Privatkorrespondenz an die Familie zeigt den fröhlichen, vergnügten Kleist

Die Preise sind dabei überschaubar. Für einzelne Zeichen muss der Mindestpreis bezahlt werden, Worte wie Orgelpfeifen sind teurer als ein und. Maximal 150 Euro pro Wort sind für einen Textausschnitt von Kleists Privatkorrespondenz aus dem Jahr 1803 zu bezahlen. Für die Direktorin des Kleist Museum, Hannah-Lotte Lund, ist es eine kleine Sensation, dass überhaupt die Gelegenheit besteht, den Briefabschnitt zu erwerben. Nicht nur, weil er jahrelang als verschollen galt, sondern weil nur 172 Briefe Heinrich von Kleists im Original erhalten sind. Und da Kleist selten so vergnügt und enthusiastisch schrieb wie in Grüßen an seine Familie, hat Lund auch gleich das Wort "Freude" gekauft bzw. ist dessen Patin, denn "das ist ein ganz seltener Moment eines fröhlichen Geists, er ist schwungvoll, er ist gut gelaunt und diese gute Laune; und das freut uns besonders geht nach Frankfurt"

"Ein Stück Kleist" für alle: Frankfurts Oberbürgermeister Martin Wilke bei der Kampagnenpräsentation am 5. Dezember 2017"Ein Stück Kleist" für alle: Frankfurts Oberbürgermeister Martin Wilke bei der Kampagnenpräsentation am 5. Dezember 2017 (Foto: Magdalena Dercz/rbb)

"Heinrich" gehört der Stadt! - und für 300 Euro jetzt dem Oberbürgermeister

Die ersten Worte und Zeichen des Briefabschnittes wurden schon mit dem Start der Spendenkampagne "Ein Stück Kleist" am 5. Dezember verkauft bzw. verpatet. Unter dem Motto - "Heinrich gehört der Stadt!" - sicherte sich Frankfurts parteiloser Obertbürgermeister Martin Wilke für 300 Euro aus dem privaten Geldbeutel gleich das vermeintlich wertvollste Wort des Briefes: "Ich habe mich mit meiner Familie für das Wort Heinrich entschieden, Heinrich ist ein schönes Wort, das gut zu Frankfurt passt", sagt Wilke und fügt hinzu, dass er hofft, dass viele seinem Beispiel folgen, um mit "kleinen Bausteinen" den Brief in Kleist Geburtsstadt zu holen. Immerhin am Abend des ersten Tages konnte Museumssprecherin Handke schon Bilanz ziehen, dass einzelne Satzzeichen wie Punkte oder Ausrufezeichen genauso schon Spenderpaten gefunden haben wie die Wörter küsse und Adieu sowie das zweitteuerste Wort Allertheuerste.


 

Mit diesen Zeilen beendete Heinrich von Kleist einen Brief an seine Halbschwester Ulrike von Kleist. Sie standen auf der dritten Seite eines Doppelblattes (25,7 x 19,2 cm). Ulrike von Kleist schnitt diesen Schlussteil ab (13,5 x 19,1 cm) und verschenkte ihn. Seit 1904 galt er als verschollen. Insgesamt haben sich nur 172 Briefe Heinrich von Kleists im Original erhalten. (Quelle: rbb/Stefan Kunze)
Seit dem 29. Dezember haben alle Worte einen Käufer bzw. Spender gefunden und sind dementsprechend farbig markiert. | Bild: rbb/Stefan Kunze

Alle Worte sind verpatet, aber Spender können noch ein Faksimile erhalten

Am Vormittag des 29. Dezember fanden die letzten vier Worte in, der, dem, zu einen Käufer bzw. Spender, teilte der Besucherservice des Museums dem rbb mit. "Aus ganz Deutschland" würden immer noch Interessierte anrufen, deshalb bietet das Kleist-Museum nun an, dass Spender von mindestens 50 Euro ebenfalls die Möglichkeit bekommen, ein Faksimile des Kleist-Briefes zu erhalten.

Sendung: Antenne Brandenburg, 16:40 Uhr

Bunt markierte Wörter und mit einem Punkt überklebte Satzzeichen haben schon einen Spender gefunden. Alle frei lesbaren Wörter waren am Morgen des 8. Dezember noch erhältlich.
| Bild: Stefan Kunze/rbb

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