Daniel Kurth/SPD (Quelle: Oliver Lang/SPD Brandenburg)
Bild: Oliver Lang/SPD Brandenburg

Interview| Barnim-Landrat Daniel Kurth - "2030 wollen wir mehr CO2 binden als wir ausstoßen"

Landrat Daniel Kurth hat ehrgeizige Ziele beim Klimaschutz. Im Interview erklärt er, welche Rolle Tesla, die Bahn und Barnimer Moore dabei spielen. Außerdem spricht er über neue Tourismusangebote am Finowkanal und lässt 2019 Revue passieren.

rbb: Herr Kurth, wie ist der aktuelle Stand bei der Sanierung des Finowkanals?

Daniel Kurth: Alle Gemeindevertretungen entlang des Kanals haben sich, was mich sehr freut, dafür ausgesprochen, dass wir einen gemeinsamen Zweckverband gründen und dass wir gemeinsam ermitteln: Welche Schleuse bräuchte welche Baumaßnahmen? Was würde das kosten? Wieviel Zeit würden wir dafür brauchen? Das werden wir bis April fertig haben und dann können wir in die nächste Runde mit dem Bund eintreten. Erst dann werden wir entscheiden, ob wir als Zweckverband diese Schleusen tatsächlich sanieren und damit auch dauerhaft schiffbar halten.

60 Millionen für die Sanierung eines Kanals, der für seinen ursprünglichen Zweck gar nicht mehr gebraucht wird. Viel Geld, mit dem man auch eine weiterführende Schule oder viele andere Dinge bauen könnte?

Die Frage nach den Kosten von Infrastruktur ist wie bei jeder Straße berechtigt. Wir hätten das Geld ja auch für etwas anderes einsetzen können. Aber es ist wichtig zu bedenken, dass wir entlang des gesamten Finowkanals touristische Entwicklung ermöglichen können und vielleicht auch mehr städtebauliche Entwicklung, etwa Wohnen am Kanal und auch ein bisschen mehr Gewerbe.

Zum Tourismus: Viele Deutsche orientieren sich jetzt bei ihren Urlaubsfahrten anders. Viele mieten ein Boot und es muss nicht immer eine Millionenyacht sein, sondern man kann auch mit kleinen fahrbaren Flößen für eine schmale Mark [sic!] einen tollen Urlaub haben. Solche Entwicklungen wollen wir am Kanal haben.

Niemals werden wir damit 60 Millionen Euro wieder einnehmen. Aber das ist bei jeder Autobahn so und auch bei vielen anderen Infrastrukturmaßnahmen. Außerdem kriegen wir sehr viele Fördermittel: Wenn alles klappt, zahlen Bund und Land 95 Prozent der Kosten. Insofern ist das für die Kommunen überschaubar, hoffe ich jedenfalls.

Der Barnim bezeichnet sich gerne als nachhaltig. Es gibt die Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE). Die Brandenburger "Fridays for Future"-Bewegung hat im Barnim begonnen. Wie nehmen Sie "Fridays for Future" wahr?

Wir sehen heute, dass viele junge Leute sich total motiviert um ihre Zukunft kümmern, dass sie uns auch ein wenig vor sich hertreiben und dass sie sagen: "Es muss doch möglich sein, dass wir unseren Umgang mit der Umwelt überdenken und den Klimawandel mindestens begrenzen." Das finde ich total toll.

Dem müssen wir jetzt aber auch Taten folgen lassen. Im Landkreis Barnim versuchen wir schon seit vielen Jahren Strom und Wärme aus erneuerbaren Quellen lokal zu erzeugen und sind da auch schon sehr weit gekommen. Aber wir müssen diese Diskussion weiterführen: Meine Vision ist, dass wir bis 2030 nicht nur erneuerbar sind, sondern dass wir dann im Landkreis Barnim sogar eine CO2-Senke sind. Das heißt, dass wir durch pfleglichen Umgang mit der Landschaft, etwa regionalen Mooren, mehr CO2 binden als wir emittieren.

Wo muss der Schienen- und Straßenausbau besonders schnellgehen? Wir kennen ja alle die langen Planungszeiten.

Wir sind aufgefordert, bei allen infrastrukturellen Maßnahmen schneller zu werden. Gerade im berlinnnahen Raum sind wir nicht so schnell, dass die Menschen mit uns zufrieden sind. Die Straßen sind zugestaut, die Eisenbahnwaggons sind voll und selbst, wenn wir noch einen Waggon hinten dranhängen, sind die Bahnsteige zu kurz.

Ich bin dankbar, dass der Schienenausbau Richtung Stettin jetzt beschleunigt kommen soll. Das wird eine tolle Entwicklung für den Barnim und die Uckermark bringen. Zwischen den Metropolen Berlin und Stettin an den Stationen im ländlichen Bereich passiert viel Ansiedlung. Das ist gut für die Region, aber trotzdem gilt, wir müssen schneller werden.

Können Sie sich die Reaktivierung der Wriezener Bahn oder anderer Bahnstrecken in den nächsten Jahren vorstellen?

Es ist jetzt ein Jahr her, dass wir die Strecke von Eberswalde nach Templin wieder ans Netz genommen haben. Da hat das Land sehr viel Fördermittel zur Verfügung gestellt und wir haben uns als Kreise und Gemeinden beteiligt. Da haben wir eine tolle Lösung gefunden. Ich möchte auch dafür werben, dass diese Eisenbahnlinie genutzt wird, weil sie sonst leider wieder geschlossen wird.

Gibt es Zahlen zur Nutzung?

Die hab ich jetzt nicht parat, aber es gibt natürlich Zahlen und die werden auch überwacht. Irgendwann wird jemand gucken und sagen, ob sich diese Investition lohnt.

Und genauso muss man bei der Wriezener-Bahn hinschauen. Auch angesichts von "Fridays for Future" und dem was uns die jungen Leute auf den Weg geben, müssen wir weniger Individualverkehr und mehr Schienennahverkehr bejahen. Insofern kann man gar nicht dagegen sein, Bahnstrecken wieder ans Netz zu nehmen, wenn sich das wirtschaftlich darstellen lässt und wir die Nutzungszahlen haben.

Was war im Jahr 2019 für sie das politische und/oder persönliche Highlight?

Ich habe sehr viel gearbeitet und weiß insofern nicht, was jetzt das Highlight war. Aber ich bin sehr dankbar, dass wir einen guten Zwischenstand beim Finowkanal haben und ich bin auch dankbar, dass bestimmte Hochrechnungen und Prognosen zur stärksten Kraft in Brandenburg und zum zukünftigen Ministerpräsidenten nicht eingetroffen sind und dass wir stattdessen in der Landesregierung ein breites Bündnis demokratischen Parteien haben. Wir sollten sehr wertschätzen, dass es so noch einmal ausgegangen ist.

Sehen Sie noch weiteres Potenzial bei der AfD?

Ich glaube, dass es heute nicht mehr reicht, den Leuten zu erklären, warum etwas gerade nicht geht. Wir müssen stattdessen organisieren, dass es geht, und noch intensiver und schneller die Probleme der Leute lösen. Wir haben schon über den ÖPNV gesprochen. Ich habe Verständnis, dass die Leute sauer sind, wenn jeden Tag die Züge zu voll sind wenn sie stundenlang im Stau stehen. Ich hoffe aber, dass die Menschen sehen werden, dass es nicht hilft, andere Parteien zu wählen, die das auch nicht lösen können. Um die zurückzuholen, müssen wir jeden Tag eine vernünftige Leistung abliefern als Verwaltung und als Politiker.

Das Gespräch führte Andreas Oppemann.

Sendung: Antenne Brandenburg, 6.1.2019, 15:10 Uhr.

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