Norma Reichelt in seinem Büro im Kulturamt Barnim.
rbb / Anna Bayer
Audio: Antenne Brandenburg | Anna Bayer | 13.01.2021 | Bild: rbb / Anna Bayer

Netzwerk "Kulturland Brandenburg" - Eberswalde will Industriehallen zum Klingen bringen

Die Stadt Eberswalde will 2021 zum kulturellen Hotspot in Brandenburg werden. Der dortige Leiter des Kulturamts, Norman Reichelt, hat ehrgeizige Pläne. Mit Musik und Theater in alten Fabrikgebäuden will er nicht nur Touristen anlocken. Von Anna Bayer

Norman Reichelt ist Berufsmusiker. Schon zu DDR-Zeiten reiste er mit einem Posaunenquintett um die Welt, später spielte er im Orchester der Philharmonie Potsdam. Seit 2019 ist er Leiter des Kulturamtes in Eberswalde. Posaune spielt er nicht mehr, er denkt aber immer noch in Klängen und Tönen. In Eberswalde will er 2021 Konzerte in Industriehallen veranstalten. "Wir wollen die alten Fabrikgebäude mit Musik mit Schauspiel, mit Theater, zum Leben erwecken."

Mai bis November: Kulturveranstaltungen in der ganzen Stadt

Das Land Brandenburg hat 2021 zum "Jahr der Industriekultur" ausgerufen. Kommunen in Brandenburg konnten sich bewerben, um finanzielle Unterstützung für kulturelle Veranstaltungen zu erhalten. Nur etwa die Hälfte der 73 Anträge bewilligte die Jury. Im Wettbewerb um die besten Ideen hat sich die Stadt Eberswalde besonders hervorgetan – und dann den Zuschlag für das mit Abstand größte Projekt bekommen.

Das bietet sich an, denn Eberswalde ist prädestiniert dafür, Industriegeschichte aufleben zu lassen: "Wuppertal des Ostens" wurde es wegen seiner Industrieansiedlung genannt. Im Gegensatz zu den Kulturbeauftragten anderer Kommunen hat es Norman Reichelt geschafft, alle, die in Eberswalde mit Kultur zu tun haben, zu mobilisieren. Von Mai bis Ende November werden in den alten Fertigungshallen zahlreiche Künstler aus der Stadt und der Umgebung aktiv sein.

Der Kulturamtsleiter musste sich neu erfinden

Mit seinem kreativen Konzept konnte Reichelt vor der Jury punkten. Ideen entwickeln, neue Wege gehen - das hat der 59-jährige ehemalige Posaunist in seinem Leben auch ganz persönlich lernen müssen. Im Jahr 2001 musste er aufhören, Posaune zu spielen und eine neue Arbeit finden. "Sich neu zu erfinden im Jahr 2001 war nicht einfach, das hat jeder Mensch in der DDR, der seinen Job verloren hat, gemerkt. Ich bin aber niemandem mehr böse, der verursacht hat, dass das Orchester abgewickelt wurde, denn ich hätte so kein anderes Leben kennengelernt," sagt Reichelt.

Kultur als Standortfaktor

Und so lernte Reichelt die andere Seite kennen – organisierte Kultur, anstatt selbst Musik zu machen. Er war Direktor der Robert Schumann Philharmonie in Chemnitz und Geschäftsführer des Museumsparks in Berlin-Rüdersdorf. Die Arbeit in Eberswalde sei mittlerweile sein Traumberuf, sagt er – ihn reize, direkt mit den Künstlern zusammen zu arbeiten. Er sieht das Themenjahr "Industriekultur" als große Chance für Eberswalde. Die Zukunft von Eberswalde liege vor allem im Tourismus, sagt Reichelt.

"Wir stehen jetzt an einem Punkt, wo wir mit Kultur nach außen punkten können, und da ist die Kampagne Industriekultur natürlich ein ganz wesentlicher Bereich." Kultur als Standortfaktor – Reichelt will mit dem stadtübergreifenden Kulturangebot nicht nur Besucher anlocken. Er hofft, dass mehr Menschen in die 42.000-Einwohner-Stadt ziehen, die er umfassend mit Kultur versorgen will. Das Themenjahr 2021 soll nur der Auftakt sein.

13 Kommentare

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  1. 13.

    Es geht doch nicht darum ein Theatergebäude zu erbauen, sondern es soll (Theater-)Schauspiel in ehemaligen Industriegebäuden präsentiert werden, Alfred. ;-) Und klar, braucht auch Eberswalde Arbeitsplätze abseits von Tourismus, Kunst und Kultur. Aber das eine schließt doch das andere nicht aus.

  2. 12.

    Wenn es in Eberswalde keine Kultur mehr gibt dann ziehe ich weg. Könnt ihr ja dann sehen wo ihr eure Ingenieure für das wirtschaftliche Wachstum herbekommt. Kultur ist ein Lebenselixier!

  3. 11.

    Ja und? Trotzdem braucht eine Stadt wie Eberswalde kein teures Theater, Kulturhauptstadt Brandenburgs wird immer Potsdam bleiben und man sollte erstmal mit dem arbeiten, was in den letzten Jahren hier geschaffen wurde, ehe man wahnsinnige Superlative anvisiert. Wer ins Theater möchte kann bereits jetzt das Theater am Kanal besuchen, oder fährt nach Berlin, wenn er die großen Stücke sehen will.
    Und ja, Eberswalde braucht Arbeitsplätze, auch jenseits vom Vernstaltungssektor, sonst können hier irgendwann nur noch zugezogene Prenzlberger leben. ;)

  4. 10.

    Ja sichi, Kultur und Theater brauchn wa nich! Wir brauchen den Kranbau und das RAW zurück, so dass alle mal wieder ordentlich arbeiten können!

    Eberswalde lebt schon lange zu nicht geringem Teil von neu Angesiedelten und Besuchern, die auch kulturelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen und dadurch viel zum Haushalt beitragen, "Er".

  5. 9.

    Wir brauchen in Eberswalde keine Kultur und Theater!Wir brauchen wirtschaftliches Wachstum und Arbeitsplätze!

  6. 8.

    Nein, das ist nicht die Borsighalle (das ist ein Stahlskelettbau ein Stück weiter am Kanal), sondern die ehemalige Papierfabrik.

  7. 7.

    Wenn diese Halle auch gemeint ist, dann könnte man von Berlin und anderswo, also fast von überall, mit dem Boot über den schönen Finowkanal eine gigantische Schleuse (Hebewerk) erleben, Konzerte besuchen, vielleicht Musik hören - wenn Bootsstege vorhanden sind, ohne das Boot zu verlassen. Wow, was für ein Flair und Feeling? Catering, Werft usw. könnten sich entwickeln...Italienurlaub mit Flair ist schön... aber erstmal Eberswalde im Sommer erleben ;-)

  8. 6.

    Das Bild welches sie für diesen Artikel nutzten bildet die ehemalige Borsighalle am Finowkanal ab.

  9. 5.

    Liebe/r Wossi,
    die genauen Standorte können wir Ihnen noch nicht explizit benennen.
    Gruß aus der Redaktion.

  10. 4.

    Großartiges kreatives Wirken. Da ich das schöne Eberswalde von früher kenne, welche Hallen sind denn gemeint? Sind auch welche vom Kranbau Eberswalde mit dabei?

  11. 3.

    Ist der Mann totaler Verdrängungskünstler?
    Es wird 2021 keine Kultur live geben! Ob danach jemals noch mal (in diesem meinem Leben), darf bezweifelt werden.
    Denn dann werden anderen Mutationen, anderen Viren oder oder die bekannten alten herangezogen werden, um ein Land einzusargen. Oder Allen werden GanzkörperFFP2-Schutzüllen (anderswo hier in den Kommentaren tauchte passenderweise "Astronautenanzüge" auf) verordnet.
    Leben ist verboten.
    In diesem Land darf nur noch gestorben werden.

  12. 2.

    Na da bin ich ja gespannt! Von Herrn Seidel hat man ja in den letzten beiden Jahren so gut wie nichts gehört, im Gegensatz zu seinem Vorgänger Herrn Neubach. Dieser hatte aus unserem ehemals "grauen Entchen" eine kleine, blühende Kulturhauptstadt gezaubert. Hoffentlich geht es jetzt endlich weiter!

  13. 1.

    Super! Nachdem man aus dem einstmals hochproduktiven Ruhrgebiet einen Platz für Kultur geschaffen hat,
    macht man das jetzt auch mit den politische gewollt unproduktiv gemachten Gebieten im Osten der Republik!

    Wenn erst die ganze Bundesrepublik unproduktiv aber umweltfreundlich geworden ist und Ihre Nachhaltigkeit durch Verschiebung der Beschäftigung Ihrer Bevölkerung in den kulturellen Bereich erreicht hat, werden wir merken, dass wir unseren Lebensstandard nicht damit erhalten können.

    Irgendwer muss auch etwas produzieren, wir können nicht davon leben, dass wir uns alle gegenseitig die Haare schneiden!

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