Beatrix Spreng, Brandenburger Freiheitspreis 2020; © Michaela Gericke
Audio: Antenne Brandenburg | 11.10.2020 | Autorin: Uta Schleiermacher | Bild: Michaela Gericke

Engagement gegen Rechtsextremismus - Pfarrerin aus Joachimsthal erhält Brandenburger Freiheitspreis

Für ihr Engagement gegen Rechts wird Pfarrerin Beatrix Spreng aus Joachimsthal mit dem Brandenburger Freiheitspreis ausgezeichnet. Ihre Projekte machten Jugendliche widerstandsfähig gegen Populismus, heißt es in der Begründung. Von Uta Schleiermacher

Ein gutes Mittel gegen Populismus ist, die Menschen zu stärken, sodass sie nicht das nachplappern, was andere ihnen vorsagen. Das sagt eine, die es wissen muss: Pfarrerin Beatrix Spreng aus Joachimsthal, die für ihr Engagement für Demokratie und gegen Populismus mit dem diesjährigen Brandenburger Friedenspreis ausgezeichnet wird. Spreng macht seit 26 Jahren politische Bildungsarbeit und organisiert Musik- und Tanzworkshops für Jugendliche, um deren Selbstbewusstsein zu stärken und mit ihnen Demokratie einzuüben.

Keine ruhige Landgemeinde

Als Beatrix Spreng vor rund 26 Jahren nach Joachimsthal kam, um dort die Stelle als Pfarrerin anzutreten, war ihr nicht klar, dass dies ein langjähriges Engagement gegen Rechts und ständige Auseinandersetzung mit Populismus bedeuten würde. Sie kam aus dem Westen und um "die Wende zu leben" sei sie ganz bewusst in den Osten gezogen. "Ich dachte damals, ich habe dann eine ruhige Landgemeinde", sagt sie und lacht. "Das wäre auch ganz gut gewesen nach meiner Arbeit bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienst. Aber es war die Zeit der so genannten national befreiten Zonen, und ich konnte meine Augen nicht verschließen vor dem, was dort passiert ist."

Die Pfarrerin hielt dagegen, als Mitte der 90er Jahre auch in Joachimsthal Rechtesextreme versuchten, alle Andersdenkenden und alle, die ihnen nicht passten, zu vertreiben. "Da wurden öffentliche Plätze besetzt, das war ja nicht nur in Joachimsthal so, sondern auch in vielen anderen Orten in Brandenburg, dass man versucht hat, Kameradschaften so zu etablieren, dass sich kein Ausländer mehr dort niederlässt", sagt sie. "Im Westen hat man das damals alles gar nicht so wahrgenommen."

Angriffe auf das Pfarrhaus

Sie wurde bald selbst zur Zielscheibe der Rechten. Es gab Angriffe auf das Pfarrhaus und Überfälle auf von der Kirche organisierte Projekte. Der jungen Familie machte das auch Angst, einschüchtern ließ sie sich trotzdem nicht. Beatrix Spreng gründete das Projekt BAFF: "Bands auf festen Füßen". In Workshops und auf Jugendfahrten musizierte und tanzte sie mit Jugendlichen, um deren Selbstbewusstsein zu stärken und um mit ihnen demokratisches Miteinander zu üben.

"Auf einer Bühne stehen und Breakdance machen, sich auf dem Kopf drehen und Beifall zu bekommen: Das gibt viel Sicherheit", sagt sie. "Ein Junge kam mal hinterher zu mir und sagte: 'Stell dir vor, Bea, die haben geklatscht, und die wollten, dass ich das noch mal mache'", sagt sie. "Er hatte die Erfahrung gar nicht, dass er jemand ist, der etwas Tolles machen kann."

Erstmals Einzelperson augezeichnet

Der Brandenburger Freiheitspreis wird seit 2016 alle zwei Jahre unter einem neuen Thema verliehen. In diesem Jahr war es "Demokratie leben – gegen den Populismus". Nachdem bisher das Menschenrechtszentrum Cottbus und die Wohnungsbaugenossenschaft Bremer Höhe ausgezeichnet wurden, ist Pfarrerin Beatrix Spreng die erste Einzelperson, die den Preis erhält. Die Laudatio wird Elke Büdenbender halten, die Frau von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der Schirmherr des Preises ist.

Die feierliche Preisverleihung war für Sonntag geplant, da der Brandenburger Dom am 11. Oktober seine Gründung feiert. Aufgrund der aktuellen Entwicklung der Corona-Pandemie gab der Domstift Ende der vergangenen Woche aber bekannnt, dass die Preisverleihung selbst auf das kommende Jahr verschoben werde. Ein Termin steht noch nicht fest.

Gegenhalten gegen Populismus

Spreng ist zuversichtlich: Wer selbstbewusst ist und gefestigt in seinem Selbstwertgefühl, der halte auch dagegen, wenn in Familie, Nachbarschaft oder Freundeskreis gegen andere Menschen gehetzt wird. "Das hat auch die Jury für den Brandenburger Freiheitspreis überzeugt", sagt Domstiftskurator Cord-Georg Hasselmann. Eine Möglichkeit gegen Populismus vorzugehen sei, sich mit Populisten direkt auseinanderzusetzen, eine andere, die Zielgruppen vor den Populisten zu schützen, sagt Hasselmann.

"Das hat Frau Spreng in großartiger Weise gemacht. Sie hat durch ihre Arbeit mit Musik und Tanz und unmittelbarer Zuwendung es geschafft, diese widerstandsfähig zu machen gegen die Versuche der Populisten, sie für ihre Ziele zu gewinnen." Damit habe sie einen großen Beitrag geleistet, sodass in einer Gegend, in der der Populismus sehr präsent war, sein Umfeld ausgetrocknet wurde. "Das hat sie über 25 Jahre lang gemacht mit großem Einsatz, unbeirrt, mutig, gegen viele Widerstände und mit großem Erfolg", sagte Kurator Hasselmann.

Austausch Berlin-Brandenburg

Wichtig ist für Beatrix Spreng auch der Austausch zwischen Brandenburg und Berlin. So machen sie einmal im Jahr eine Reise gemeinsam mit Jugendlichen aus Kreuzberg, wo ihr Mann, Wolfhard Schulze, das Kinder- und Jugend-Projekt KMA - Kreuzberger Musikalische Aktion [kma-ev.de] am Mehringplatz in Kreuzberg leitet. Dort im Studio werden die Jugendlichen aus Joachimsthal auch demnächst einen Song produzieren. "Die Fahrten schweißen die Jugendlichen zusammen. Von unseren Jugendlichen haben viele schon bei Familien in Kreuzberg übernachtet, bei denen ich noch nie war", sagt sie.

"Diese Begegnungen müssen gemacht werden und das passiert viel zu wenig", stellt Beatrix Spreng fest. "Unsere Familien aus Joachimsthal fahren nicht einfach selbstverständlich nach Kreuzberg. Eine Mutter hat mir letztens gesagt, das sei für sie wie Urlaub, wie eine andere Welt", erzählt sie weiter. Andererseits gäbe es auch Familien aus Berlin, die dort seit 30 Jahren leben und noch nie in Brandenburg waren, oft aus Angst vor rassistischen Übergriffen. "Wir versuchen, da einen Ort zu bieten, wo man hinkann, ohne dass Gefühl zu haben, ständig komisch angeguckt zu werden." Ein Problem dabei sei, dass Fördermittel oft nur für eines der Bundesländer beantragt werden können.

Ein Lebensthema

Auch wenn sie nicht geplant hatte, dass die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus in ihrer Arbeit so eine große Rolle spielen würde - ein Zufall ist das nicht. Denn ein Lebensthema war der Kampf gegen Rechts für Beatrix Spreng schon immer. "Meine Eltern waren keine besonderen Nazis, aber sie haben das einfach so mitgelebt, und das habe ich nie verstanden, und mein ganzes Leben danach gefragt, wie das den überhaupt möglich war", sagt sie.

Heute sieht Beatrix Spreng ihre Erfolge: Mehrere Generationen haben in den Musikprojekten mitgemacht. Und sie ist mit den Menschen in Joachimsthal im Gespräch, auch wenn sie nicht immer einer Meinung sind. Trotzdem sei weiterhin noch viel zu tun, so Beatrix Spreng. "Das ist heute populistischer. Und Populismus bedeutet, man muss nicht viele Argumente haben, sondern man plappert etwas nach. Das halte ich für eine große Gefahr", sagt sie. "Und ich finde es wichtig, jetzt dagegenhalten, bevor das noch Überhand nimmt."

Über die 15.000 Euro Preisgeld freut sie sich vor allem, weil es die Jugendarbeit in Joachimsthal für fast ein weiteres Jahr sichert. Die Musik- und Tanzprojekte wird ein Diakon weiterführen, aber auch im Ruhestand will sie die Jugendarbeit weiter begleiten.

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