Symbolbild: Kriminaltechniker nehmen eine DNA-Probe von einem Stück Stoff (Bild: dpa/Robert Kneschke)
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Aufklärung nach fünf Jahren - Wie eine DNA-Spur einen ungeklärten Mord in Erkner lösen könnte

Am Landgericht Frankfurt (Oder) läuft derzeit ein Mordprozess, der einiges Aufsehen erregt. Denn die Tat liegt bereits fünf Jahre zurück und blieb für die Ermittler lange Zeit ein Rätsel. Nun kann es womöglich gelöst werden. Von Anne Mücke

Im Juni 2015 wird in Erkner (Oder-Spree) eine 72 Jahre alte Frau tot in ihrem Haus gefunden. Offensichtlich getötet durch mehrere Messerstiche in Oberkörper, Kopf und Gesicht. Doch trotz des brutalen Vorgehens finden sich am Tatort so gut wie keine Spuren. Lediglich an einer Taschenlampe des Opfers kann eine fremde DNA-Spur gesichert werden.

Das Problem: Sie ist unvollständig. Das bedeutet, es ist nur das Y-Profil ablesbar, die beweist, dass die Spur von einem Mann stammt. Aber die sogenannten autosomalen Kennzeichen fehlen, die DNA kann deshalb keiner Person eindeutig zugeordnet werden. Auch ein Abgleich mit der DNA-Datenbank der Kriminalpolizei ist deshalb nicht möglich. Und doch gelingt es mithilfe dieser DNA-Spur, fast fünf Jahre nach dem Mord an Gisela S. einen Verdächtigen zu finden.

Dabei handelt es sich um Nico R., einen 25-jährigen Altenpfleger aus Berlin. Er muss sich seit 4. September vor Gericht verantworten. Die Anklage lautet Mord. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, dass er in der Nacht vom 2. zum 3. Juni 2015 in das unverschlossene Haus von Gisela S. – dem Mordopfer – eingedrungen sein soll, im Keller zunächst den Strom-Hauptschalter ausgestellt habe und dann in ihrer Wohnung auf der Suche nach Bargeld und anderen Wertsachen gewesen sei. Die Rentnerin, die zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich vor dem Fernseher sitzt, muss durch den vorgetäuschten Stromausfall wohl aufgeschreckt worden sein und begegnet dem Eindringling dann in ihrem schmalen Flur. Der Mann sticht immer wieder auf die wehrlose Frau ein. Die Ermittler sprechen in so einem Fall von einer "Übertötung", die oft auf eine Beziehungstat hinweist. Als ihre Schwiegertochter sie am 4. Juni findet, fehlen die Geldbörse und die EC-Karte von Gisela S.

Die ehemalige Schneiderin lebte seit den 1990er Jahren gemeinsam mit ihrem Mann in dem Haus in Erkner, erbaut von dessen Vater in den 1930er Jahren. Zuvor wohnte das Ehepaar S. mit den beiden Söhnen in Berlin-Lichtenberg in der Nähe des Betriebsbahnhofes Rummelsburg.

Nach dem Tod ihres Mannes, den sie neun Jahre lang pflegt, lebt Gisela S. zwar allein in dem Haus in Erkner, aber sie vereinsamt nicht. Der Kontakt zu ihren beiden Söhnen und deren Familien ist eng. Sie hat Freunde, Bekannte und ist auch viel im Internet unterwegs. Für die Ermittler ein Ansatzpunkt: Hat sie hier vielleicht jemanden kennengelernt und sich mit dieser Internetbekanntschaft zu Hause getroffen? Oder ist sie unterwegs von einer fremden Person angesprochen und nach Hause begleitet worden?

Die entscheidende DNA-Spur

Als die Ermittler auf der Suche nach Motiven und Zeugen nicht weiterkommen, bleibt ihnen nur noch eine Möglichkeit: die unvollständige DNA von der Taschenlampe des Mordopfers.

Da die kriminaltechnischen Möglichkeiten ständig weiterentwickelt, Verfahren verfeinert, Auswertungen präzisiert werden, gelingt es nach fast fünf Jahren tatsächlich, die DNA-Spur so aufzubereiten, dass sie mit der Datenbank der Polizei abgeglichen werden kann. Und es gibt einen Treffer. Die Spur führt zu einem Einbruch in eine Berliner Schule.

Demnach ist dieselbe männliche Person, von der die DNA am Tatort in Erkner stammt, 2010 in eine Grundschule in der Dolgenseestraße in Lichtenberg eingebrochen. Fünf Jahre vor dem Mord. Es ist die Schule, die auch der Enkel von Gisela S. besucht hat. Er wird vernommen und gibt zu, dass er damals gemeinsam mit Klassenkameraden in seine Schule eingestiegen ist. Unter diesen Freunden ist auch Nico R. Es wird von allen eine Speichelprobe genommen und schnell ist klar: Nico R. muss in dem Haus von Gisela S. gewesen sein.

DNA als Indiz

Das streitet Nico R. auch gar nicht ab. Er behauptet beim Prozessauftakt, dass er gemeinsam mit seinem damaligen Freund Lukas , dem Enkel von Gisela S., zu Besuch in deren Haus gewesen sei. Doch daran können sich weder Lukas S., noch seine Eltern oder sein Onkel Thomas erinnern. Die Familienangehörigen von Gisela S. sagen am zweiten Prozesstag als Zeugen vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) aus.

Thomas S., der Sohn des Mordopfers, empfindet den Mann auf der Anklagebank als Fremden: "Ich konnte ihn nicht wiedererkennen, er hat ja auch die große Maske vorm Gesicht gehabt und wenn ich ihn überhaupt gesehen habe, ist es so ewig lange her, dass ich keinerlei Erinnerung habe."


Es geht also vor Gericht auch um die Frage, ob die DNA-Spur des Angeklagten zum Zeitpunkt des Mordes in das Haus von Gisela S. gelangt ist. Oder schon einige Jahre vorher, als er sie gemeinsam mit ihrem Enkel besuchte. Eine Frage, die nun das Gericht klären muss.

Nico R. hat schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zu Lukas. Er ist nach eigener Aussage schon früh in den Alkohol- und Drogensumpf abgerutscht. Trotzdem schafft er seinen mittleren Schulabschluss und absolviert danach eine Ausbildung zum Altenpfleger. Er macht Therapien wegen seiner Depressionen, geht auf Entzug. Heute, mit 25 Jahren, lebt er in gefestigten Verhältnissen, hat eine Freundin und geht seinem Beruf als Altenpfleger nach.

Bisher sind sieben Prozesstage angesetzt. Bei den bisherigen vier Verhandlungen wurden unter anderem der Angeklagte, die Ermittler, mehrere Gutachter, die Familie von Gisela S. und Freunde des Angeklagten angehört. Mit einem Urteil wird Anfang November gerechnet. Sollte das Gericht der Staatsanwaltschaft folgen, könnte Nico R. wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt werden. Da er zum Tatzeitpunkt aber erst 19 Jahre alt war, könnte auch Jugendstrafrecht angewendet werden. Das hieße dann 10 Jahre Freiheitsentzug.

Die Familie von Gisela S. ist überzeugt von der Schuld des Angeklagten, wie Thomas S. am Tag nach seiner Zeugenvernehmung am 9. September äußert:

"Wir sind von überzeugt, weil, so wie es jetzt klingt: die DNA ist ja wohl mehr als eindeutig. Wir haben alle unsere Hoffnung, dass es möglichst härtesten Schuldspruch gibt. Alles andere wäre wirklich ein Schlag ins Gesicht."

Sollte Nico R. für den Mord an Gisela S. verurteilt werden, wäre ein Geständnis von ihm eine große Erleichterung für die Familie des Opfers. Nur dann könnte endlich Klarheit herrschen über das furchtbare Lebensende der Mutter, Schwiegermutter und Oma. Bisher streitet Nico R. die Tat allerdings ab.

"Täter, Opfer, Polizei" berichtet in seiner Ausgabe vom 18. Oktober 2020 über den Prozess. Der Beitrag ist danach in der rbb-Mediathek abrufbar. Das rbb-Fahndungsmagazin wird den Prozess bis zur Urteilsverkündung Anfang November weiterhin begleiten.

2 Kommentare

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  1. 2.

    Puhhh... es entsetzt mich schon beim Lesen - und ich bin einiges gewohnt. Der mutmaßliche Täter war beim Einbruch 15, beim Mord 20 Jahre alt. Was geschah in den 5 Jahren dazwischen? Jemand, der so gekonnt und planvoll Gisela S. in eine tödliche Falle lockt, macht sowas vermutlich doch nicht erstmalig. Und auch nicht letztmalig. Seither sind wieder 5 Jahre vergangen. Was sind "gefestigte Verhältnisse" genau? Gerade als Altenpfleger darf null Zweifel am Leumund aufkommen, Tötungsdelikte an Rentnerinnen beispielsweise.

  2. 1.

    Sehr grausam diese Tat, aber es heißt doch bei einer Übertötung ,es wäre auf eine Beziehungstat zurück zu führen. Der Altenpfleger lebt heute in geordneten Verhältnissen: Arbeit und Freundin und festen Wohnsitz. Ob unvollständige DNA das alles zerstören soll? Vielleicht würde diese Taschenlampe damals in der Schule benutzt beim Einbruch? Ich bin echt gespannt wie die Verhandlung verlaufen wird?

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