Video: Brandenburg Aktuell | 03.03.2021 | Fred Pilarski
Video: Brandenburg Aktuell | 03.03.2021 | Fred Pilarski | Bild: rbb / Fred Pilarski

Afrikanische Schweinepest - Biolandwirt muss alle Freiland-Schweine vorsorglich schlachten

Ein halbes Jahr ist es her, dass in Brandenburg die ersten mit der Afrikanischen Schweinepest infizierten Wildschweinkadaver gefunden wurden. Seitdem laufen in der Region aufwendige Schutzmaßnahmen. Ein Bio-Betrieb soll jetzt aus Vorsorge all seine Tiere töten.

Wer in die Nähe des Schweinegeheges darf, muss ein bisschen Zeit mitbringen. Um Tore zu passieren, um die Schutzkleidung anzulegen, um die Gummistiefel zu desinfizieren. Um das Gehege ist weiträumig ein stabiler Außenzaun gesetzt worden, innen sind zwei Elektrozäune gespannt. Kein Schwein kommt hier von außen rein und keines von allein raus, da ist sich Landwirt Michael Staar ganz sicher. Das Gut Hirschaue in Birkholz bei Beeskow (Landkreis Oder-Spree) habe seinen Schweinebestand damit ausreichend vor der Afrikanischen Schweinepest (ASP) abgeschirmt.

Landwirt Michael Staar züchtet hier eine alte und seltene Haustierrasse: Das deutsche Sattelschwein, eine Kreuzung aus Haus- und Wildschwein. Etwa 80 schwarze, braune und schwarzweiß gescheckte Tiere tollen auf dem Gelände herum, suhlen sich in den Schlammlöchern, wühlen das Erdreich auf oder machen sich schmatzend an den Futterstellen zu schaffen.

Michael Staar: "Da bricht eine Welt zusammen!"

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen muss Michael Staar nun bis kommenden Freitag seinen gesamten Freiland-Bestand schlachten, so hat es das Veterinäramt angeordnet.

"Da bricht eine Welt zusammen", sagt der Landwirt. Er frage sich nun, wofür er den Betrieb all die Jahre aufgebaut hat. Jahrelang fühlte sich Staar von der Politik ermutigt, eine Haltungsform aufzubauen, die dem Tierwohl verpflichtet ist. Gut Hirschaue galt stets als Vorzeigebetrieb.

Mit der Anordnung, die Tiere unverzüglich zu schlachten, will das Veterinäramt des Landkreises das Risiko einer weiteren Verbreitung der ASP bekämpfen. Der Bioland-Betrieb Gut Hirschaue liegt am äußersten Rand der Gefährdungszone für die Afrikanische Schweinepest. Etwa elf Kilometer von hier entfernt, bei Friedland, wurden im Herbst Wildschwein-Kadaver entdeckt, die mit der Afrikanischen Schweinepest infiziert waren. Das Veterinäramt des Landkreises folgt mit der Schlachtungs-Anordnung einer Vorschrift des Bundeslandwirtschaftsministeriums, der Schweinepest-Verordnung, die sich wiederum auf EU-Richtlinien stützt. In der Verordnung ist geregelt, dass Tiere, die für die ASP empfänglich sind, abgesondert untergebracht werden müssen. Diese Unterbringung sei nur in einem Stall möglich - so die Auslegung der Behörde.

Landwirt Michael Staar, Gut Hirschaue
Landwirt Michael Staar, Gut Hirschaue | Bild: rbb / Fred Pilarski

"Stallhaltung ist nicht möglich"

Für Landwirt Michael Staar ist eine Stallunterbringung seiner Schweine nicht umsetzbar. Seine Tiere seien keine Ställe gewöhnt, möglicherweise würden sie den Stress nicht überleben. Michael Staar hat auch keinen geeigneten Stall auf seinem Gelände. Vielmehr ist die Freilandhaltung Teil eines größeren betrieblichen Zusammenhangs. Das Gut Hirschaue bewirtschaftet weite Flächen mit Hirschen und Mufflons auf eingezäunten Weideflächen. Ist eines der Gehege abgeweidet, rücken die Schweine nach und erledigen auf ihre Weise die Bodenbearbeitung. Der zerwühlte Acker wird anschließend glattgezogen und wieder als Weide vorbereitet. Das Fleisch wird auf dem eigenen Hof verarbeitet und vermarktet.

Heike Kruspe, Geschäftsführerin Bioland-Ost | Bild: rbb / Fred Pilarski
Heike Kruspe, Geschäftsführerin Bioland-Ost | Bild: rbb / Fred Pilarski | Bild: rbb / Fred Pilarski

Bioland-Ost: Fatales Signal

Für den Anbauverband Bioland, dem das Gut Hirschaue angehört, ist die Schlachtungsanordnung ein fatales Signal. Freilandhaltung werde damit zum unkalkulierbaren Risiko. Der Schaden beschränke sich dabei nicht nur auf einen einzelnen Betrieb innerhalb einer Restriktionszone. Getroffen werden alle Schweinemast-Betriebe mit einem Modell der Auslauf- oder Freilandhaltung, sagt Heike Kruspe, die Bioland-Geschäftsführerin für die ostdeutschen Bundesländer. "Wer investiert denn noch in mehr Tierwohl, wenn ich nicht weiß, ob ich meine Tiere überhaupt rauslassen darf?"

Heike Kruspe sieht darin eine Einseitigkeit zugunsten industrieller Schweinefleisch-Exporte. Die sind umso eher möglich, je schneller eine Region ASP-frei gemeldet ist.

Wissenschaftler fühlt sich ausgebremst

Dass dies innerhalb weniger Monate möglich ist, hält der Agrarwissenschaftler Hannes König für ausgeschlossen. Der Forscher vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg (Märkisch-Oderland) beschäftigt sich seit Jahren mit Konflikten zwischen Wildtieren und Landnutzern. Er plädiert für ein langfristiges "Leben mit dem Virus" und für eine differenzierte Betrachtung einzelner Situationen. Der Gleichklang mit der Corona-Debatte ist dem Forscher dabei sehr bewusst. "Allerdings sind beim ASP-Virus keine Menschenleben in Gefahr."

Agrarwissenschaftler Hannes König vom ZALF Müncheberg
Agrarwissenschaftler Hannes König vom ZALF Müncheberg | Bild: rbb / Fred Pilarski

Den Betrieb von Michael Staar begleitet Hannes König seit langem wissenschaftlich. Die Schlachtungs-Anordnung hält der Forscher für unnötig. Sie basiere auf der rein theoretischen Annahme, dass aasfressende Vögel infizierte Fleischreste in das Schweinegehege fallen lassen könnten. Königs These ist, dass so eine Gefahr nur besteht, wenn es Schlafplätze von Rabenvögeln in der Nähe des Geheges gebe. Soweit er das überblickt, sei das nicht der Fall. "Und selbst, wenn dem so wäre: Damit ist immer noch nicht erwiesen, dass infiziertes Aas aus der 7 Kilometer entfernten Kernzone in das Gebiet gelangt." Gern hätte er das in einem Monitoring untersucht - die Schlachtungsanordnung kommt ihm nun zuvor.

Staatssekretärin: Freilandhalter bleiben im Regen stehen

Königs wissenschaftliches Interesse deckt sich dabei mit der Haltung der Landesregierung. Agrar- und Verbraucherschutzministerium hatten sich im Dezember 2020 gemeinsam an das Bundeslandwirtschaftsministerium gewandt, um mit wissenschaftlicher Hilfe die Risiken zu klären und Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. "Der Tierschutz und gesellschaftlich gewünschte Umbau der Tierhaltung muss mit der Seuchenbekämpfung abgewogen werden", sagte Agrarstaatssekretärin Silvia Bender (Bündnis 90 / Die Grünen) dem rbb. "Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat bislang nicht reagiert und lässt damit die Auslauf- und Freilandhalter im Regen stehen." Zur Situation von Gut Hirschaue wollte sie sich mit Hinweis auf das aktuelle Verfahren nicht äußern.

Sieben Arbeitsplätze hängen auf Gut Hirschaue an der Schweinehaltung und der Verarbeitung in der eigenen Fleischerei. Diese Jobs sind nun in Gefahr. Landwirt Michael Staar versucht nun mit seiner Anwältin gegen die Schlacht-Anordnung vorzugehen.

Sendung: Brandenburg Aktuell, 03.03.2021, 19:30 Uhr

10 Kommentare

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  1. 10.

    Das trifft den Kern.

    Fast schon gleich, wer der Minister oder wer die Ministerin ist, das entlang von abstrakten Prinzipien formulierte Verordnungswesen zieht sich wie ein roter Faden durch. Jegliches Ermessen wird da mit Willkür gleichgesetzt. Ein Hauch von Willkür wäre ein gefundenes Fressen für die einschlägigen Blätter mit den großen Buchstaben. Deshalb wird so zäh und krampfhaft am Ermessenslosen festgehalten.

    Ich drücke dem Landwirt die Daumen. Kein Ermessen ist glatt vermessen.

  2. 9.

    Warum nicht die Schweine bei Verdacht einfach testen?
    Seltene Nutztierrassen und auch Nutzpflanzensorten haben halt allgemein das Problem, dass sie weder unter Artenschutz noch unter Denkmalschutz fallen, weil sie irgendetwas dazwischen sind.

  3. 8.

    Vorsorglich Schlachten? Da schreien alle noch biologischer Freilandhaltung und ein Bauer lässt sich darauf ein, macht genau das, was sich artgerechte Haltung nennt.
    Die Tiere sind gesund und sollen trotzdem getötet und entsorgt werden?
    Die Bevölkerung wird derzeit von Corona bedroht....

  4. 7.

    Das Ganze ist in meinen Augen gelebte deutsche Bürokratie.

  5. 6.

    Wir wissen doch fast alle wer die Landwirtschaftsministern ist! Hat diese Frau schon mal was vernünftiges zum Beschluss gebracht? Alles nur zur industriellen Landwirtschaft und das Volk ist auch noch glücklich.

  6. 5.

    Es wäre wünschenswert, wenn Herr Vogel und Herr Woidke hier gegenüber frau Klöckner mal Kante zeigen bevor idiotische Tatsachen geschaffen werden.
    aber es steht zu befürchten, dass die Landesregierung wieder nur mit Corona und mit sich selbst beschäftigt ist.

  7. 4.

    Ich wünsche ganz viel Erfolg. Artgerechte Haltung muss viel mehr gefördert werden. Das ganze Billigfleisch sollte endlich verboten werden. Dann ist man eben etwas weniger. Obwohl, wer sich Fertigprodukte liefern lassen kann, kann sich auch ordentliches Fleisch leisten. Ist gesünder und schmeckt besser. Also liebe Politiker, setzt Euch endlich für mehr Tierwohl ein!

  8. 3.

    Wäre es nicht möglich die Schweine vorübergehend in ein Gebiet zu bringen (weiter westlich),wo kein Risiko einer Infektion besteht? Da sollte sich doch ein Bio -Landwirt finden der die Tiere aufnimmt, wenn es von dieser Rasse nur noch so wenige gibt.

  9. 2.

    Im sinne und im Interesse der Billigfleischindustrie. Das zeigt sich nun besonders deutlich wem diese Maßnahmen vor allem nutzen. Er soll einfach Klagen ! Gerne bekommt er von mir eine Spende von 100€ zur die Prozesskosten. @RBB es wäre mal schön wenn die die bisherigen Kosten der Maßnahmen zur Bekämpfung der ASP mal herausfinden können. Damit jedem klar wird welchen Preis er für sein billiges Schnitzel zu zahlen hat.

  10. 1.

    Ich drücke dem Bio-Bauern ganz doll die Daumen, dass er diese unsinnige Schlachtung abwenden kann, Toitoitoi.....

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