Pestizid-Altas der Heinrich-Böll-Stiftung - Umweltschützer fordern weniger Gift-Einsatz in der Landwirtschaft

Mi 12.01.22 | 18:17 Uhr
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Ein Landwirt fährt am späten Abend mit einer Pestizid- und Düngerspritze über ein Feld in Brandenburg (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
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Video: Brandenburg Aktuell | 12.01.2022 | Riccardo Wittig | Bild: dpa/Patrick Pleul

Zum Schutz von Mensch und Natur sollten deutlich weniger Pestizide auf Felder gespritzt werden - das fordern Umweltschützer zur Veröffentlichung des aktuellen Pestizid-Atlas. Die Entwicklung in Deutschland ist zwar schon positiv, geht aber manchen nicht schnell genug.

"Etwas bleibt immer hängen" - so lautet die Überschrift einer Grafik im diesjährigen Pestizid-Atlas. Dieser wurde am Mittwoch von der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) veröffentlicht. Berichtet wird mit zahlreichen Daten über Vergiftungen bei Menschen, Rückständen in Natur und Lebensmitteln sowie Pestizid-Exporte.

Bund: Verlust der Artenvielfalt ist dramatisch

Jährlich werden demnach vier Millionen Tonnen Pestizide auf Äcker gespritzt, 80 Prozent mehr als 1990. Die Hälfte der Menge wirke gegen Unkräuter, 30 Prozent gegen Insekten und 17 Prozent gegen Pilze.

Zum Schutz von Menschen, Natur und Umwelt sollten aus Sicht der Umweltschützer weltweit deutlich weniger Pestizide auf Felder gespritzt werden. "Der Verlust der Artenvielfalt weltweit, aber auch in Deutschland ist dramatisch und kann nur gestoppt werden, wenn der Einsatz von Ackergiften deutlich reduziert wird", sagte Olaf Band, der Vorsitzende des BUND am Mittwoch. Auch die EU fordert eine Halbierung des Pestizid-Einsatzes.

Keine Antwort auf Fragen Ernährungssicherheit

Die Hersteller kritisierten den Bericht und sprechen von altbekannten Vorwürfen sowie fragwürdigen Zahlenspielen. "Auf die Frage, wie man die Zielkonflikte von Ernährungssicherung und Ökologie löst, findet man im Atlas keine Antworten", kritisierte der Industrieverband Agrar, der etwa die Konzerne BASF und Bayer vertritt.

Der Deutsche Bauernverband kündigte an, daran zu arbeiten, den Pestizid-Einsatz in Deutschland weiter zu reduzieren. Dafür sei aber eine ideologiefreie und technik-offene Diskussion notwendig.

Sorge auch bei Öko-Bauern

Doch der Pestizid-Atlas bekommt zunehmend Beachtung, denn immer mehr Menschen haben das Bedürfnis, sich gesund zu ernähren. Für viele bedeutet das: weg von der Chemie-Keule hin zur ökologischen Landwirtschaft.

Einer der es seit 25 Jahren ohne Pestizide versucht, ist Landwirt Stefan Palme. Auf Gut Wilmersdorf in Angermünde (Uckermark) er probiert aktuell ein neues Pflegegerät aus. Es soll im ökologischen Ackerbau zum Einsatz kommen und ungewollte Kräuter entfernen. Trotzdem ist er besorgt. "Es gibt das Problem, dass Pflanzenschutzmittel, wie Pendimethalin oder Prosulfocarb sich kilometerweit verfrachten können, also teilweise auch nachweisbar sind, in Regionen, wo sie gar nicht eingesetzt werden."

Genaue Zahlen für den Einsatz von Pestiziden in Brandenburg gibt es im Bericht nicht. Barbara Unmüssig von der Böll-Stiftung sieht trotzdem Handlungsbedarf. Wo Agrarflächen ausgeweitet würde, steige auch der Einsatz von Pestiziden, sagte sie dem rbb. "Vor allem im Mais-Anbau muss man genau hingucken." Amphibien und Insekten seien in Brandenburg die Opfer des großen Pestizid-Einsatzes.

Pestizid-Einsatz in Deutschland geht zurück

Nach Angaben der Welternährungsorganisation stieg der Pestizidabsatz weltweit von 2000 bis 2018 noch um ein Drittel. Bezogen auf die Ackerfläche ist der Einsatz in Europa konstant, in Asien sowie Nord- und Südamerika ist er bis vor etwa zehn Jahren jedoch stark gewachsen und liegt dort seither gut doppelt so hoch wie in Europa.

Immerhin positiv: Deutschland verzeichnet einen leichten Abwärtstrend beim Pestizid-Einsatz. Laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wurden 2019 in Deutschland gut 27.000 Tonnen an Wirkstoffen verkauft, rund 3.000 Tonnen weniger als 1999. Landwirt Stefan Palme geht das trotzdem zu langsam. "Wir haben es bei vielen Mitteln gesehen, die zugelassen wurden und wo man erst Jahrzehnte später festgestellt hat, dass man sie nicht hätte zulassen sollen. Das passiert laufend." Damit bezieht er sich etwa auf den Einsatz des umstrittenen Pflanzenschutzmittels Glyphosat.

Fortschritt durch Anreize?

Palme ist sich sicher, dass der Einsatz von chemischen Mitteln reduzieren lässt. Dass aber alle konventionellen Landwirtschafts-Unternehmen ökologischen Ackerbau betreiben könnten, daran glaube er nicht, sagt er.

Die Europäische Union will den Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln bis zum Jahr 2030 um 50 Prozent senken. In Deutschland gibt es bereits finanzielle Anreize für einen Ausstieg aus der Landwirtschaft mit Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln. So erhalten Öko-Betriebe eine subventionierte Flächenprämie von mehr als 450 Euro pro Hektar. Das ist fast das doppelte der Prämie von konventionellen Unternehmen. Steigen Betriebe in den nächsten zwei Jahren auf Öko um, erhalten sie noch eine zusätzliche Prämie.

Sendung: Antenne Brandenburg, 12.01.2022, 16:40 Uhr

5 Kommentare

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  1. 5.

    Ernährungssicherheit ist gegeben. Man wird wohl für die wichtigste Sachen im Leben,Lebensmitteln, mehr ausgeben müssen. Die Deutschen geben nur 12% dafür aus.

    Dass der Industrieverband Agrar diese Meinung hat ist ja klar, wenn man BASF und Bayer vertritt.

  2. 4.

    Ich fühle mich wohl, aber bitte behalten sie ihre schwachsinnigen Sprüche für sich.

  3. 3.

    Was ist eine Filterblase leicht erklärt?
    Die Filterblase beschreibt den nach Außen abgeriegelten Raum, der durch die Filteralgorithmen auf Seiten wie Facebook, aber auch über Suchmaschinen wie Google kreeirt wird. Diese Filteralgorithmen sind so programmiert, dass sie einem Nutzer immer mehr von dem anzeigen, was er sich zuvor schon oft angesehen hat.

  4. 1.

    Das fordere ich auch. Dazu brauche ich keine Umweltverbände. In meinem Garten wurden noch nie solche Mittelchen eingesetzt und werden es auch in Zukunft nicht. Deshalb esse ich die Früchte aus meiner Ernte am liebsten.

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