Praxis an der polnisch-belarussischen Grenze - "Pushback" ist das Unwort des Jahres 2021

Mi 12.01.22 | 15:59 Uhr
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Geflühtete an der Grenze zwischen Polen und Belarus (Quelle: dpa)
Audio: Inforadio | 12.01.2022 | Eva Roessler | Bild: dpa

Die Suche nach dem Unwort des Jahres 2021 wurde zwar von der Corona-Debatte dominiert - gewählt wurde mit "Pushback" jedoch ein Begriff aus dem Migrations-Diskurs. Er beschönige einen menschenfeindlichen Prozess, kritisierte die Jury.

Das "Unwort des Jahres" 2021 lautet "Pushback". Damit rügt die Jury der sprachkritischen Aktion einen Begriff aus der Migrationsdebatte. Der aus dem Englischen stammende Ausdruck bedeute zurückdrängen oder zurückschieben und sei im vergangenen Jahr von ganz unterschiedlichen Politikern, Journalisten oder Organisationen in der Diskussion um die Einwanderung über die EU-Außengrenzen aufgegriffen worden, sagte die Sprecherin der Jury, Constanze Spieß, am Mittwoch.

"Pushback" folgt damit auf die Begriffe "Corona-Diktatur" und "Rückführungspatenschaften", die im vergangenen Jahr zu Unwörtern des Jahres erklärt wurden.

Verschleierung des Verstoßes gegen die Menschenrechte

Die Jury kritisierte die Verwendung des Begriffs "Pushback", damit werde ein Prozess beschönigt, der Menschen auf der Flucht die Möglichkeit nehme, das Menschen- und Grundrecht auf Asyl wahrzunehmen. Der Einsatz des Fremdworts trage zur Verschleierung des Verstoßes gegen die Menschenrechte und das Grundrecht auf Asyl bei. Außerdem würden mit dem Gebrauch des Ausdrucks die Gewalt und Folgen wie Tod, die mit dem Zurückdrängen von Migranten verbunden sein können, verschwiegen.

"Pushback" zuletzt Thema an polnisch-belarussischer Grenze

Augenfällig wurde diese Praxis zuletzt auch an der polnisch-belarussischen Grenze, wo Polen Geflüchtete nach ihrem Grenzübertritt wieder zurück nach Belarus schickte. Hiervon berichteten immer wieder polnische Hilfsorganisationen. Viele Geflüchtete versuchten daraufhin erneut, nach Polen zu gelangen und campierten in eisiger Kälte an einem von Polen aufgestellten Grenzzaun.

Offiziell vermied es die polnische Regierung immer wieder, das Wort "Pushback" in den Mund zunehmen. Gleichwohl wurde aber zuletzt eine Rechtgrundlage verabschiedet, die es erlaubt, in Polen aufgegriffene Geflüchtete wieder an die polnisch-belarussische Grenze zurückzuführen.

Warschau und die EU warfen in diesem Zusammenhang dem autoritären belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko vor, Menschen aus Krisenregionen extra einfliegen zu lassen, um sie dann in die EU zu schleusen. Die EU erklärte, dass Migranten nicht für politische Zwecke instrumentalisiert werden dürften.

Hunderte Geflüchtete schaffte es bis nach Deutschland. In Brandenburg Angetroffene wurden in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Eisenhüttenstadt verbracht. Auch wenn diese möglicherweise kein Bleiberecht haben, erfolge hier die Registrierung und gegebenfalls auch ein Asylverfahren, so die Bundespolizei. Seit einiger Zeit ginge laut Bundespolizei die Zahl Geflüchteter über die Fluchtroute Belarus zurück.

Der Geschäftsführer der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl, Günter Burkhardt, erklärte, die Sprachexperten würden ein Schlaglicht auf eine unmenschliche Praxis werfen. Er forderte zum Handeln auf: "Das Unwort des Jahres - 'Pushback' - darf nicht zum Unwort des Jahrzehnts werden."

Meiste Zusendungen zum Unwort drehten sich um Corona-Pandemie

Die Jury der sprachkritischen Aktion erhielt nach eigenen Angaben für das Jahr 2021 insgesamt 1.308 Einsendungen, in denen 454 verschiedene Ausdrücke für die Wahl des Unworts vorgeschlagen wurden. Nur knapp 45 Ausdrücke hätten aber den Kriterien der Jury entsprochen.

Mit 287 Einsendungen war "Tyrannei der Ungeimpften" der mit Abstand häufigste Vorschlag. Es folgten "illegaler Kindergeburtstag" mit 71 und "Querdenker" mit 47 Einsendungen. Oft genannt wurden auch andere Begriffe im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wie "boostern", "Covidiot" oder "Pandemie der Ungeimpften".

Die Jury der unabhängigen und ehrenamtlichen Aktion wählte auf Platz zwei den Begriff "Sprachpolizei", mit dem Menschen diffamiert werden sollten, die sich für einen angemessenen, nicht diskriminierenden Sprachgebrauch einsetzen. Auf Platz drei kamen Vergleiche mit dem Nationalsozialismus, die im Zuge der Corona-Demonstrationen von Impfgegnern und -gegnerinnen verwendet wurden - etwa "Impfnazi" oder "Ermächtigungsgesetz" für Infektionsschutzgesetz. Die deplatzierte Verwendung solcher Ausdrücke führe zur Verharmlosung des Nationalsozialismus, zur Verhöhung der Opfer der nationalsozialistischen Diktatur und in manchen Fällen zu einer Opfer-Täter-Umkehr, erklärten die Juroren.

Die Jury bestand aus den vier Sprachwissenschaftlern Kristin Kuck (Magdeburg), Martin Reisigl (Wien), David Römer (Trier) und Constanze Spieß (Marburg) sowie der freien Journalistin Katharina Kütemeyer. Den jährlich wechselnden Mitgliederplatz hatte in diesem Jahr der Journalist Harald Schumann. Als Gastjuror durfte Schumann ein persönliches Unwort des Jahres benennen - er wählte den Begriff "Militärschlag". Dieser sei eine zutiefst euphemistische Bezeichnung für einen aggressiven kriegerischen Akt.

 

 

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15 Kommentare

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  1. 15.

    Die ganzen rechts angehauchten hier sollten nur einmal die Lage und das was diese Menschen erlebt haben "genießen" dürfen.

  2. 14.

    "verdienter" Sieger.

  3. 13.

    "Praxis an der polnisch-belarussischen Grenze" ... an vielen EU-Außengrenzen ... wäre treffender gewesen.

  4. 12.

    Erklären Sie mir, warum Rechtsbruch an der Außengrenze nicht schlimm ist? Menschen wie Sie und ich, die wollen Sie hier entmenschlichen? Warum tun Sie das? Gilt das Recht nur für besondere Menschen und das dort sind ja nur die anderen, da ist es Ihnen egal? Welche Art Mensch sind Sie dann?

  5. 11.

    Aber den Beitrag haben Sie vor Ihrer Frage gelesen, oder? Könnte sein, dass Sie gerade am Thema vorbeischwurbeln.

  6. 10.

    Die ganzen rechts angehauchten hier sollten nur einmal die Lage und das was diese Menschen erlebt haben "genießen" dürfen.

  7. 9.

    Wohl war....genau wie die tausendfachen illegalen Einreisen. Nur diese werden nicht derartig thematisiert.
    Warum nicht?

  8. 8.

    Spanien durfte nach Ansicht des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) in seiner Enklave Melilla Migranten bei Grenzübertritt umgehend nach Marokko zurückweisen. Dieses Vorgehen verstoße nicht gegen die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK), teilte die Große Kammer des Gerichtshofes am Donnerstag in Straßburg mit (Urt. v. 13.02.2020, Az. 8675/15 und 8697/15).

  9. 7.

    Die Unwörter werden doch gar nicht mehr neutral ausgesucht.
    Es sind neuerdings meist Wörter, die bei den Themen Klima, Flüchtlinge und neuerdings Corona nicht auf Grüner Linie sind.
    Ebenso hätte man folgende Wörter zu Unwörtern erklären können:
    - Schwurbler (Diskreditierung Andersdenkender)
    oder
    - Impfverweigerer (abfällige Bemerkung für die Wahrnehmung eines Grundrechts) oder
    - gefühlte Inflation
    Ich frage mich zudem, was so schlimm daran ist, wenn Polen seine Grenze schützt?
    Gerne können wir mal 1 Jahr extreme linksgrüne Asylpolitik durchführen. Aber bitte nicht jammern, wenn danach die AfD am Ruder ist!

  10. 6.

    "Mit 287 Einsendungen war "Tyrannei der Ungeimpften" der mit Abstand häufigste Vorschlag. "
    Und aus meiner Sicht der Vorschlag, der auch hätte gewählt werden sollen. Aber vermutlich war der Vorschlag dem Gremium nicht genehm aufgrund der Tatsache, dass er letztendlich in der Politik auch keine Akzeptanz bekommen hätte.

  11. 5.

    Ist schon sehr interessant, dass gerade auch wieder Wörter mit nationalsozialistischen Background in die engere Auswahl gekommen sind. Wahrscheinlich gibt es keine anderen Wortschöpfungen mehr ? Die Sprachpolizei hat schon ihren Schrecken verloren und Pushback sind auch in mehreren Ländern nichts ungewöhnliches, sondern Tagesgeschäft.

  12. 4.

    Da irren die Damen und Herren. Wenn sogenannte Pushbacks erfolgen, haben Migranten illegal Grenzen überschritten, teilweise mit Gewalt, obwohl sie das legal an Grenzübergängen hätten tun können, verbunden mit einem Antrag auf politisches Asyl. Das wollen sie aber bewusst vermeiden, um z.B. nicht in Polen registriert zu werden und weil sie gar kein Asyl in Polen wollen, sondern viel lieber in Deutschland. Hier ist die Anerkennungschance höher und bei Ablehnung ist trotzdem der bezahlte Verbleib weitgehend sicher. Zudem dauert die Antragsbearbeitung länger und es gibt mehr Geld, Komfort, Infrastruktur, Beratung, bezahlte Rechtsvertretung usw. Illegale Pushbacks lehne ich ab. Das sind sie aber eben oft nicht, sondern nur Umsetzung geltenden Rechts und geltender Rechtssprechung. Nicht zu differenzieren bedeutet Oberflächlichkeit und pauschalieren. Ist das die Absicht?

  13. 3.

    Pushbacks sind illegal und verstoßen gegen die Genfer Flüchtlingskonventionen.

  14. 2.

    Nach vielen Wochen der Abstinenz endlich mal wieder ein Beitrag über Polen und wieder vom Studio F/O. Wurde ja auch langsam mal Zeit.

  15. 1.

    Was ist an einem Pushback so schlimm?
    Und eine Sprachpolizei gibt es nun mal, das sind sehr fanatische Menschen.

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