Ein Mann bei der Spargelernte © dpa/Nestor Bachmann
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Audio: Antenne Brandenburg | 19.03.2020 | Interivew mit Henrik Wendorff | Bild: dpa/Nestor Bachmann

Interview | Landesbauernverband zu Corona - "Regionale Jobbörsen wären nur eine Teillösung"

Bald werden die ersten Spargelstangen gestochen, auf den Feldern arbeiten dann meist viele Saisonkräfte aus Rumänien. Die können aber derzeit gar nicht einreisen. Nicht nur in der Ernte werden sie dringend gebraucht, sagt Landesbauernverbandspräsident Henrik Wendorff.

rbb: Herr Wendorff, die Spargelsaison beginnt, doch die Bauern wissen nicht, wer überhaupt auf den Feldern arbeiten soll. Die Arbeitskräfte kommen vor allem aus Rumänien. Wegen der Corona-Krise dürfen sie aktuell nicht über die Grenze zwischen Österreich und Ungarn. Wieviele Helferinnen und Helfer sind das denn normalerweise?

Henrik Wendorff: Wir haben zwei Gruppen von Helfern, das sind die sogenannten Arbeitspendler, die schon fast das ganze Jahr über auf unseren Betrieben arbeiten. Hinzu kommen natürlich jetzt im Frühjahr die Saisonarbeitskräfte. Bundesweit sind das geschätzt rund 280.000 Menschen, also doch eine sehr, sehr große Anzahl von Arbeitskräften.  

Beim Spargel ist das ja weitgehend bekannt, dass Saisonarbeiterinnen und -arbeiter eingesetzt werden. Aber gebraucht werden sie auch für andere Obst- und Gemüsesorten, oder?

Ja, mittlerweile für fast alle Obstsorten, die wir haben. Und beim Gemüse betrifft das neben Spargel auch die Ernte von Gurken und Frühgemüse. Da geht es teilweise nicht nur um die Ernte, sondern auch um die Pflege der Kulturen. Eigentlich fängt es schon mit der Aussaat an. Bis zur Ernte werden auch dabei schon - eben in der Pflege - viele Hände gebraucht. All das ist ein beliebtes Arbeitsfeld von Saisonarbeitskräften.

Und wie sollen die Bauern an Erntehelfer kommen?

Wir müssen uns natürlich Gedanken machen, wie wir die heranwachsende Ernte dann auch einbringen können. Betrieblich muss vieles umstrukturiert werden. Die Arbeitsgruppen werden verkleinert, die Unterkünfte müssen anders strukturiert werden. Natürlich stehen da hygienische Maßnahmen im Vordergrund. Aber wichtig ist, dass wir gute Regelungen haben, wenn die Arbeitspendler jetzt jeden Tag einpendeln, insbesondere aus Regionen im grenznahen Bereich.

Sie sollen einen speziellen Passierschein bekommen, zumindest hat das die bayerische Landwirtschaftsministerin so gesagt. Gilt das auch für Brandenburg?

Es gibt Gespräche hier, über Passierscheine eine Regelung zu finden, das ist ein fortlaufender Prozess. Da geht es dann auch um Entfernungen, also beispielsweise die Nähe zur Grenze. Vor allen Dingen müssen ja dann auch die Grenzen besser geöffnet sein, gerade für diese Berufspendler. Wenn die sich im normalen Verkehr anstellen müssen, dann werden sie natürlich länger an der Grenze aufgehalten, als dass sie auf den Betrieben arbeiten. Da wird sich sicherlich in den nächsten Tagen auch noch einiges einspielen. Jetzt, am Anfang, gibt es da sicherlich noch ein paar Probleme.  

Welche Lösung könnte man speziell für Arbeiterinnen und Arbeiter aus Rumänien finden, die durch Österreich reisen müssen?  

Zum einen sind da natürlich die örtlichen Gesundheitsbehörden gefragt, die die Regeln aufstellen für das Einpendeln von Saisonarbeitskräften aus Ländern wie Rumänien oder Bulgarien. Dann ist es immer auch eine Frage des Einzelfalls: Wir haben Betriebe, die haben drei, fünf, acht Saisonarbeitskräfte und dann haben wir Unternehmen, die haben 300 oder 400. Da wird es unterschiedliche Regeln geben müssen. Und insbesondere bedarf es hier einer guten Abstimmungen mit den Gesundheitsbehörden. Deshalb wird es wahrscheinlich keine pauschale und einfache Regelung geben, weil wir sehr, sehr viele unterschiedliche Unternehmen haben.

Die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) schlägt jetzt regionale Jobbörsen vor, wo sich Leute melden können, die sowieso gerade nichts zu tun haben, weil sie wegen der Corona-Pandemie nicht arbeiten können und die dann stattdessen den Landwirten helfen könnten. Wäre das eine Lösung?  

Es ist sicherlich eine Teillösung, und Hilfe zur Selbsthilfe steht natürlich auch bei bei Landwirten bei Gemüse und bei Obstbauern an erster Stelle. Über regionale Portale wäre sicherlich auch in den Bereichen zu werben, wo momentan vielleicht der eine oder andere nicht zur Schule oder nicht zum Studium geht. Dorthin zu schauen und zu sagen: 'Ich suche Leute, die relativ einfache, wiederholende Arbeiten nach einer guten Anlernphase durchführen können', wäre eine Idee. Dafür wird auf regionaler Ebene auch geworben. Aber das löst wahrscheinlich nicht alle Probleme, gerade in den größeren Unternehmen.  

Sie haben eben schon angesprochen, dass sie im Austausch mit den Gesundheitsämtern sind. Die Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt hat jetzt noch mal die Landwirtschaft aufgefordert, auch die Saisonbeschäftigten vor Infektionen zu schützen, sie also zum Beispiel nicht in so großen Unterkünften auf engem Raum gemeinsam unterzubringen. Wie kann man das Infektionsrisiko in der Landwirtschaft niedrig halten?

Das ginge zum Beispiel, indem man Transportwege und Arbeitsgruppen kanalisiert, wenn sie schon eng zusammenarbeiten. Viele Arbeiten sind nun mal nur im Kollektiv lösbar, und da kommt man auch in Kontakt, aber es geht darum, dass man Sammeltransporte immer mit den gleichen Gruppen organisiert und kleinere Arbeitsgruppen, die dann auf unterschiedlichen Betriebsteilen arbeiten - und nach Möglichkeit getrennt voneinander. Das ist sehr, sehr viel Arbeit, das bedarf auch einer Umstellung von Produktionsabläufen. Man kann jetzt eben nicht einfach so weitermachen wie im letzten Jahr, sondern wir brauchen intelligente und gute Lösungen, auch Hinweise sind immer berechtigt. Aber die müssen dann noch auf den Betrieben umsetzbar sein.  

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