Frankfurt (Oder), Vorplatz Kaufland, Graffiti übermalt am 29.01.2020 (Quelle: rbb/Fey)
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Video: rbb|24 | 30.01.2020 | Angelika Fey/Studio Frankfurt | Bild: rbb/Fey

Neonazi-Graffiti in Frankfurt (Oder) - Mutmaßlich rechtsextreme Gruppe markiert ihr Revier

Unbekannte sprühen in Frankfurt (Oder) seit mehreren Monaten rechtsextreme Schriftzüge und Symbole wie "NR-Zone" oder Hammer und Schwert an Häuserwände. An einigen Stellen stehen die Reviermarkierungen bis heute. Von Angelika Fey

Am Vorplatz des Kaufland-Supermarkts in der Stadtmitte von Frankfurt (Oder) kommen jeden Tag viele vorbei. Seit einigen Monaten passierten sie dabei die gut sichtbare Reviermarkierung einer mutmaßlich rechtsextremen Gruppe. Der Schriftzug "NR-Zone" war groß neben den Eingang des Kauflands gesprüht. Auch von der Heilbronner Straße aus war der Schriftzug im Vorbeifahren gut lesbar. Inzwischen ist das Graffito entfernt - nachdem rbb|24 das Unternehmen darauf angesprochen hat.

"NR-Zone" – das könnte unverfänglich sein und zum Beispiel für "Nichtraucher-Zone" stehen. Bei einer kurzen Straßenumfrage auf dem Vorplatz des Kaufland stellt sich aber heraus: Viele Frankfurter ahnen den rechten Hintergrund der Sprühereien oder kennen ihn sogar. "Das sind die Braunen", sagt ein Mann. Eine Frau mutmaßt zum Kontext des Graffiti: "Mir fällt jetzt wegen dem 'N' Nazi ein." Auch ein Mann tippt: "Na, Richtung Nazis, ne?" Und zwei Schülerinnen sagen: "Das Graffiti hatten wir bei uns an der Lessingschule im August auch. Das sind Neonazis. Das hat uns unser Lehrer erklärt."

Screenhot der Facebook-Gruppe (Quelle: facebook.com)
Screenshot der Facebook-Seite der "H&S" crew ffo | Bild: rbb/Fey

Rechtsgerichtete Symbolik

"NR-Zone" steht nach Angaben der "Antifaschistischen Recherchegruppe Frankfurt" für "Nationale Revolution" und bezieht sich demnach auf die Brüder Gregor und Otto Strasser, zwei Ideologen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Recherchegruppe zieht zudem die Verbindung zu einer Gruppe, die sich "H&S Bande" oder "H&S crew ffo" nennt. Auf deren Facebook-Seite finden sich Videos, die das Sprühen der Graffiti-Parolen in der Stadt zeigen. Die Buchstaben 'H' und 'S' stehen für Hammer und Schwert - Symbole, die ebenfalls die Brüder Strasser populär machten und für die "Nationale Revolution" stehen.

Die Recherchegruppe selbst tritt nicht öffentlich in Erscheinung und publiziert ihre Informationen nur online über einen Blog. Allerdings hält Markus Klein, der Geschäftführer von "demos", die Recherche für valide. "demos", das Brandenburgische Institut für Gemeinwesenberatung, unterstützt Kommunen auch beim Umgang mit Rechtsextremismus. Gegenüber rbb|24 sagte Klein: "Die Zusammenhänge, die die Recherchegruppe hergestellt hat, machen auf jeden Fall Sinn. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass es sich hier um einen national revolutionären Ansatz handelt." Diesen habe die Recherchegruppe gut und richtig herausgearbeitet. Zudem hält Klein auch die Einordnung der "H&S Bande" als rechtsextrem für zulässig.

Den Hintergrund der Graffiti hatte die antifaschistische Recherchegruppe im November mit einem Online-Artikel öffentlich gemacht. Der Artikel wurde auch von Akteuren in der Stadtpolitik und der Jugend- und Demokratiearbeit wahrgenommen, wie diese dem rbb auf Nachfrage bestätigten: Jan Augustyniak, Stadtverordneter der Linken in Frankfurt, Streetworker Danny Peisker und Frank Hühner von der Koordinierungs- und Fachstelle "Lokale Partnerschaft für Demokratie". Auch die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) ermittelt, wie sie rbb|24 am Montag bestätigte. Zum Stand der Ermittlungen wollte sie sich nicht äußern.

Übermaltes Graffito am Kaufland (Quelle: rbb/Fey)
Mittlerweile wurde das Graffito am Kaufland übermalt | Bild: rbb/Fey

Warum bleiben die Reviermarkierungen stehen?

Wenn also entscheidende Stellen informiert waren und so manche Frankfurter wissen oder ahnen, was hinter den Schmierereien steckt: Wie kommt es dann, dass die rechtsextremen Reviermarkierungen an vielen Stellen in der Stadt stehen blieben? Auch auf dem Schulhof der Grundschule am Botanischen Garten im Frankfurter Stadtteil Hansa Nord prangt seit September gut lesbar der Schriftzug "NR-Zone" und markiert damit das Schulgelände als Revier der Gruppe. Dabei hatte sich der Schulhof über den Sommer zu einem sozialen Brennpunkt entwickelt, weshalb die Stadt sogar eine dezernatsübergreifende Arbeitsgruppe hierzu eingerichtet hat.

Schulhof der Grundschule Am Botanischen Garten (Quelle: rbb/Fey)
Schulhof der Grundschule Am Botanischen Garten, im Hintergrund das Freizeitzentrum „Nordstern“. | Bild: rbb/Fey

Auf Nachfrage bei der Schulleiterin Susann Rehberg heißt es: Weder die Polizei noch das Ordnungsamt noch die Mitarbeiter des benachbarten Freizeitzentrums Nordstern hätten sie auf den Hintergrund des Graffito aufmerksam gemacht. Dabei habe sie direkt Anzeige bei der Polizei wegen Sachbeschädigung erstattet, sagt Rehberg. Zudem habe erst im Januar das letzte Treffen vor Ort mit dem Ordnungsamt stattgefunden. Auch vor dem Graffito habe man gestanden, betont die Schulleiterin. "Aber gesagt hat keiner was." Eine Nachfrage bei der Stadt Frankfurt blieb bis Mittwochabend unbeantwortet.

Durch rbb|24 auf den Hintergrund des Schriftzugs "NR-Zone" aufmerksam gemacht, erklärt Susann Rehberg, das Graffito entfernen zu lassen: "Wenn es bedenklich sein sollte, dann bin ich die Erste, die es wegmacht." Gleiches bei der Kaufland Dienstleistung GmbH: Auch hier gab die Pressesprecherin an, das Unternehmen sei erst durch rbb|24 auf den Hintergrund des Gaffito hingewiesen worden und ließ den Schriftzug inzwischen entfernen.

Vor allem an Schulen und Treffpunkten von Jugendlichen

Gesprüht werden die Schriftzüge "NR-Zone", "NS-Zone" und die Symbole Hammer und Schwert überall in Frankfurt. Nach Angaben von Linken-Politiker Augustyniak ließ die Stadt mindestens an einer Stelle den Schrift-Zug "NS-Zone" entfernen. Auffällig ist, dass die Gruppe offenbar zielgerichtet an Schulen und Treffpunkten von Jugendlichen in Frankfurt ihr Revier markiert: Im März tauchten sie auch an der Waldorfschule auf, außerdem am Stadion und nach Aussagen von Schülerinnen auch an der Lessingschule und dem Gauß Gymnasium.

Nach Einschätzung von mehreren Jugendsozialarbeitern in Frankfurt hat es die "H&S Bande" aber bisher nicht geschafft, Anschluss bei Jugendlichen zu finden. Der Streetworker Danny Peisker sagt, er sei in den verschiedenen Jugendeinrichtungen der Stadt unterwegs: "Wir sind im Gespräch  mit den Jugendlichen und wenn es eine Gruppe mit einer gewissen Tragweite wäre, das wäre uns nicht entgangen." Seine Kollegin Josefin Fischer stimmt ihm zu. Auch Nils Krausemann, der Leiter des Freizeitzentrums Nordstern, das auf dem Gelände der Grundschule Am Botanischen Garten liegt, sagt: Unter Jugendlichen sei die Gruppe seiner Ansicht nach kein Thema.

Gefahr der Normalisierung

Zudem betont Danny Peisker, dass sich die Lage in der Stadt im Vergleich zu früher gebessert habe: "Rechtsextremismus in der Form, wie wir es in den 90ern erlebt haben, kann ich aus meiner Sicht als Jugendsozialarbeiter so nicht bestätigen." Peisker, Fischer und Krausemann sagen, dass sie nicht wissen, wer hinter der "H&S Bande" steckt und persönlich noch nie Kontakt zu den Mitgliedern hatten. Das Einzige, was sie mitkriegen würden, seien die Schmierereien.

Einig sind sich die Jugendsozialarbeiter aber darin, dass die Graffiti entfernt werden sollten. Denn die Kinder sollten "sich nicht daran gewöhnen, dass hier Reviere markiert werden", sagt Danny Peisker. Nils Krausemann ergänzt: Wenn die Kinder den Schriftzug immer sehen und lesen, dann signalisiere das, dass es nichts Negatives sei: "Weil es ja da steht, und keiner es wegmacht."

Sendung: Antenne Brandenburg, 30.01.2020, 14 Uhr

Kommentar

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11 Kommentare

  1. 11.

    Es ist schon erschreckend, wie in einigen Gegenden Nazi-Sprüche, Schmierereien usw. toleriert werden und "normal" geworden sind, man duckt sich lieber weg. Es ist auch erschreckend bis in welche Kreise jemand, der Nazischmiereien entfernt oder kunstvoll übermalt auf Unverständnis oder gar Ablehnung stößt. Der Widerstand gegen rechts ist wirklich erschreckend gering. Ein wirklich breit gefächerter Aufstand bleibt doch meist aus. Es muß ja nicht zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes gereichen. Dieses würde ich persönlich aus gutem Grund gar ablehnen.
    Liebe Grüße aus Steglitz

  2. 10.

    ...und Freiheit für die Gummibärchen!

    Im Ernst. Das entfernen von "Reviermarken" ist eine Sache, die andere die Erkenntnis wie weit der Rechtsruck in unserer Gesellschaft hingenommen wird. Wenn solche "Duftmarken" mit einem Schulterzucken registriert werden, dann läuft was gewaltig schief.

  3. 9.

    Gegen diese absoluten Vollidioten sollte geschlossen aufgestanden werden. Die haben in unserer Gesellschaft nichts zu suchen. Seht zu, dass ihr diesen Mist schnell wieder entfernt, das darf nicht stehenbleiben.

  4. 8.

    Es sollten immer und überall jegliche Schmierereien entfernt werden.

  5. 7.

    @ 1. Jörg | Neukölln | Donnerstag, 30.01.2020 | 11:23 Uhr

    Anders wäre es bei solchen Bansy-Malereien. Die finde ich cool. Die sollten nicht uebermalt werden duerfen. Denn Banksy hat mit vielen seiner Malereien absolut recht. Diese Banksy-Werke möchte ich gerne behalten.

  6. 6.

    hi 2. Berliner | Berlin | Donnerstag, 30.01.2020 | 12:29 Uhr

    "NS Grafittis an Grundschulen sind schon ziemlich pervers."

    korrekt. Aber egal wo solche Graffitis von diesen Nazis sind: die sollte man wegmachen duerfen. Sowas wollen wir hier nicht und sowas hat hier bei uns nichts verloren!! Aber vorher von der Polizei sicherheitshalber fotografieren lassen zur Beweissicherung. Aber sowas sollte man schon wegmachen duerfen. Diese braunen Socken haben hier nirgendwo irgendwelche "Reviere" zu hhaben. Das sind Rechtsterroristen und nichts weiter.

  7. 5.

    @ 1. JörgNeuköllnDonnerstag, 30.01.2020 | 11:23 Uhr

    "Und wenn man die Schmierereien selbst entfernt/übermalt, wird man selbst als alte Frau wegen Sachbeschädigung verurteilt, statt mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt zu werden!"

    stimmt und das ist NOGO! Es sollte legal sein, sowas mit Kärcher oder durch Uebermalung wegzumachen. Aber vorher sollte das von der Polizei zur Beweissicherung fotografiert werden. Aber danach sollte man sowas schon wegmachen können und zwar ohne Strafe. Solche Schmierereien wollen wir hier nicht, ganz besonders nicht die von Nazis.

  8. 4.

    @ 1. JörgNeuköllnDonnerstag, 30.01.2020 | 11:23 Uhr

    "Und wenn man die Schmierereien selbst entfernt/übermalt, wird man selbst als alte Frau wegen Sachbeschädigung verurteilt, statt mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt zu werden!"

    stimmt und das ist NOGO! Es sollte legal sein, sowas mit Kärcher oder durch Uebermalung wegzumachen. Aber vorher sollte das von der Polizei zur Beweissicherung fotografiert werden. Aber danach sollte man sowas schon wegmachen können und zwar ohne Strafe. Solche Schmierereien wollen wir hier nicht, ganz besonders nicht die von Nazis.

  9. 3.

    Frage: kann man diese beiden rechtsextremen Organisationen verbieten lassen??

    https://www.rbb24.de/studiofrankfurt/politik/2020/01/rechtsextrem-graffiti-frankfurt-oder-jugendliche-schule.html

    ""NR-Zone" steht nach Angaben der "Antifaschistischen Recherchegruppe Frankfurt" für "Nationale Revolution" und bezieht sich demnach auf die Brüder Gregor und Otto Strasser, zwei Ideologen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Recherchegruppe zieht zudem die Verbindung zu einer Gruppe, die sich "H&S Bande" oder "H&S crew ffo" nennt. "

    Denn die haben hier nirgenwo irgendwelche "Reviere" zu haben. Die Staatsgewalt gilt ueberall in Deutschland!! Deswegen: hoffentlich werden diese beiden Gruppen bald hochgenomen und verboten. Wird Zeit dass mit diesen Nazis kurzer Prozess gemacht wird.

  10. 2.

    Erst wenn Presse da ist bewegen sich die Verantwortlichen. NS Grafittis an Grundschulen sind schon ziemlich pervers. Die haben es auf die Kleinsten abgesehen.

  11. 1.

    Und wenn man die Schmierereien selbst entfernt/übermalt, wird man selbst als alte Frau wegen Sachbeschädigung verurteilt, statt mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt zu werden!

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