Archivbild: In einer Vielzahl von Plattenbauten in den neuen Bundesländern muss 1995 in Küche und Bad von Mitarbeitern einer Spezialfirma der beim Bau der Häuser verwendete Asbest aufwendig abgebaut und entsorgt werden. (Quelle: dpa/Jens Büttner)
Audio: Inforadio | 16.01.2020 | Benjamin Eyssel | Bild: dpa/Jens Büttner

Scharfe Kritik an Bundesregierung - Asbestbelastung: Jedes Jahr sterben mehr als 1.500 Menschen

Seit den 60er Jahren wurde beim Häuserbau häufig Asbest verwendet. Heute weiß man: Die Fasern sind stark krebserregend. Doch auch ein Vierteljahrhundert nach seinem Verbot ist jede vierte Wohnimmobilie belastet. Nun kommt scharfe Kritik an der Bundesregierung.

Im Jahr 2018 verzeichneten die Berufsgenossenschaften deutschlandweit insgesamt 1.571 Tote infolge früherer Kontamination durch Asbest im Beruf. Wie das ARD-Politikmagazin Kontraste unter Berufung auf Zahlen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung berichtet, gab es darüber hinaus 2018 fast 10.000 Verdachtsfälle auf Asbesterkrankungen.

Die Fallzahlen bleiben damit auch ein Vierteljahrhundert seit dem Asbestverbot in Deutschland gleichbleibend hoch.

Seit 1993 sind in Deutschland die Herstellung und Verwendung von Asbest und asbesthaltigen Produkten verboten. Zuvor wurden diese faserartigen silikatischen Minerale häufig bei der Herstellung von Baustoffen eingesetzt. Besonders in den 1960er und 1970er Jahren wurde in Deutschland viel Asbest verbaut, unter anderem in Putzen, Wandplatten oder Bodenbelägen. Wird Asbest – etwa bei Wohnungs- und Haussanierungen – freigesetzt, ist er stark krebserregend.

Umso wichtiger ist also die Frage, wo Asbest verbaut wurde: Denn potenzielle Gefahrenquellen gibt es genug – auf Baustellen von Altgebäuden, aber auch in der eigenen Wohnung.

Kein spezifisches Förderprogramm zur Asbestbeseitigung

Der Anteil von asbestbelasteten Wohnimmobilien liegt in Deutschland bei einem Viertel – eine Schätzung, die auch vom Bundesbauministerium geteilt wird. Zwar verfolgt die EU-Kommission den Plan, Asbest bis 2032 auch aus alten Gebäuden vollständig zu verbannen. Aber während etwa Polen ein eigenes 10-Milliarden-Euro-Programm zur Asbestbeseitigung aufgelegt hat, gibt es in Deutschland kein "spezifisches Förderprogramm" für die bauliche Asbestsanierung. Dies teilte die Kreditanstalt für Wiederaufbau Kontraste mit. Diese könne nur anteilig mitgefördert werden, wenn gleichzeitig die Energieeffizienz eines Gebäudes erhöht wird.

Der Präsident des Zentralverbands der Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümer, Kai Warnecke kritisierte gegenüber Kontraste die Bundesregierung. Die habe zwar im Dezember 2016 den "Nationalen Asbestdialog" ins Leben gerufen. Dieser aber sei "bisher vollkommen ergebnislos." Das sei "schlicht mangelhaft".

Das federführende Bundesarbeitsministerium erwiderte gegenüber Kontraste, es liege in der "Natur der Sache", dass ein solches Zusammenwirken unterschiedlicher Akteure "auch unterschiedliche Sichtweisen" hervorbringe. Für ein Scheitern des Dialogs gebe es aber keinen Beleg. Immobilien- und Baubranche, Versicherungen und Gewerkschaften sollten im Rahmen des "Nationalen Asbestdialoges" über Lösungen diskutieren, wie "Bewohner, Nutzer, Mieter und die am Bau Beschäftigten" künftig effizient und effektiv vor Gesundheitsrisiken durch Asbest beim Bauen geschützt werden können.

Für das zentrale Problem aber hat das Gremium keine Lösung erarbeitet: In welchen Gebäuden steckt überhaupt noch Asbest?

Wer erfasst asbestkontaminierte Gebäude?

Im Unterschied zu anderen Ländern gibt es in Deutschland kein Asbest-Register, um Mieter und Immobilienerwerber über Asbestgefahren konkret zu warnen. Frankreich etwa hat einen Schadstoff-Ausweis verpflichtend gemacht, der auch Asbest umfasst. Auf Anfrage verwies das Bundesbauministerium auf die Zuständigkeit der Bundesländer für die Erfassung asbestkontaminierter Gebäude in einem Register oder Kataster. Und teilte weiterhin mit: "Auf Länderebene sind keine laufenden bauaufsichtlichen Initiativen für ein Asbestkataster bekannt."

Hunderttausende Mieter und Wohnungseigentümer bleiben in Deutschland daher weiterhin im Ungewissen.

Mit Informationen von Sascha Adamek, Kaveh Kooroshy und Chris Humbs

Sendung: Kontraste live in der ARD Mediathek, auf dem ARD YouTube-Kanal und auf der Kontraste-Homepage, 21:45 Uhr

Infobox: Asbest in Berlin

In Berlin sind nach Schätzungen des Senats mehr als 100.000 Wohnungen von Asbest betroffen. Der Stoff sei vor allem in Bodenbelägen enthalten, wie der baupolitische Sprecher der Berliner Grünen, Andreas Otto, am Donnerstag dem rbb-Inforadio sagte. Sobald solche Fußbodenplatten porös würden, träten Fasern aus und setzten in der Luft giftige Dämpfe aus. Auch Rohrleitungen, Abdeckplatten an Balkonen und Dächer könnten asbestverseucht sein, so Otto.

Im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag sei festgeschrieben worden, dass Berlin bis 2030 asbestfrei sein solle. “Bis dahin wollen wir aus allen Gebäuden Asbest entfernt haben. Wir haben im Haushaltsbeschluss für 2020/2021 vorgesehen, dass aus dem Programm, das für die Wohnraummodernisierung vorgesehen ist, auch Asbestsanierung gefördert werden soll. Dafür müssen jetzt Förderrichtlinien erarbeitet werden“, so der Grünen-Politiker weiter.

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 7.

    Es gibt da einen kleinen Unterschied: Der Asbest, den die Arbeiter einmal eingeatmet haben, bleibt in der Lunge und tut dort unaufhaltsam sein Werk – unabhängig davon, was Gesetzgeber tun. Die Raserei auf der Autobahn hingegen kann man jederzeit mit einem Federstrich beenden – man muss nur wollen!

    Aber das ist Ihnen ja selbst klar. Sie wollten nur ein bisschen stänkern.

  2. 6.

    „Auf Anfrage verwies das Bundesbauministerium auf die Zuständigkeit der Bundesländer für die Erfassung asbestkontaminierter Gebäude in einem Register oder Kataster.“

    Grundsätzlich halte ich den deutschen Föderalismus ja für eine gute Sache, aber manchmal kann ich mich nur wundern.

  3. 5.

    Traurig. Sogar Polen (!) und Frankreich sind in diesem Punkt weiter als wir. Deutschland hinkt mal wieder hinterher. Wie so oft.

  4. 4.

    Seit wann versichern die Berufsgenossenschaften die Nutzer von Wohngebäuden? Die vielen Fälle können sich doch nur auf die Personen beziehen, welche beruflich exponiert sind. Die Einwohner werden nicht davon erfasst. Solange noch Asbest entfernt werden muss, können neue Fälle auftreten, auch trotz der Sicherheitsmaßnahmen. Auch sind Kontaminationen vor langer Zeit nicht als Ursache auszuschließen. Die Entfernung ergibt eine erhöhte Freisetzungsgefahr, das kommt auch hinzu. Diese Zahlen lassen sich nicht seriös verwenden.

  5. 1.

    Sind das nicht rund dreimal so viele Tote wie auf Autobahnen?
    Wo bleibt der Aufschrei derer, die für ein Tempolimit auf Autobahnen kämpfen?

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