Stuhl aus Stahlrohren mit Sitzfläche und Lehne aus Holz, der in der DDR weit verbreitet war. (Quelle: rbb/Uta Schleiermacher)
Video: Brandenburg aktuell | 07.04.2019 | Fred Pilarski | Bild: rbb/Uta Schleiermacher

Ausstellung in Eisenhüttenstadt - Vom Bauhaus zum Mitropa-Kännchen

Ob Schrank, Stuhl oder Mokka-Kanne: Viele Gebrauchsgegenstände in der DDR waren schlicht und funktional. Die Designer bezogen sich dabei oft auf das Bauhaus. Das macht nun eine Ausstellung in Eisenhüttenstadt sichtbar. Von Uta Schleiermacher  

Es ist ein einfacher Stuhl aus braunen Stahlrohren, mit Sitzfäche und Lehne aus Holz. Doch an ihm lasse sich zeigen, inwieweit Formgestaltung in der DDR auch an das Bauhaus angelehnt gewesen sei, sagt Florentine Nadolny, Leiterin und Aussstellungsmacherin vom Dokumentationszentrum DDR-Alltagskultur in Eisenhüttenstadt. "Es ist der am weitesten verbreitete Stuhl in der DDR, absolut funktional. Er war in Schulen, in Kindergärten, bei der Armee und in Kantinen präsent, mit Polsterung und ohne", sagt sie. "Er musste seriell herstellbar sein, also wenig kosten - und ich denke, jeder, der in der DDR aufgewachsen ist oder zu Besuch war, wird auf diesem Stuhl gesessen haben."

Hergestellt wurde der Stuhl ab Ende der 1950er Jahre im VEB Stima Stendal - einer Produktionsstätte, die auch zu Bauhauszeiten schon Möbel aus Stahlrohr herstellte."Das war ein sehr innovativer Umgang mit Materialien, in diesem Fall Stahlrohr", sagt Nadolny. "Solch ein Umgang wird dann auch in der DDR vorangetrieben, woraus dann unter anderem dieser Stuhl entstanden ist."

Pastellfarbene, viereckige Schälchen aus dem damals neuen Material Meladur dienten der Aufbewahrung von Speisen im Kühlschrank. (Quelle: rbb/Uta Schleiermacher)
Diese Schälchen waren für den Kühlschrank gedacht. | Bild: rbb/Uta Schleiermacher

Am Bauhaus orientiert

Funktionalität und neue Materialien sind typische Merkmale des Bauhaus-Designs. Beide Merkmale lassen sich in vielen DDR-Alltagsgegenständen finden: im Mitropa-Kännchen und in den Anbau-Möbeln aus Hellerau. Oder in den pastellfarbenen, stapelbaren Schälchen aus dem damals neuen Material Meladur, in denen Speisen im Kühlschrank aufbewahrt werden konnten. Tatsächlich haben sich viele Formgestalter in der DDR an Arbeiten von Bauhaus-Künstlern orientiert.

Die Verbindung zwischen Bauhaus und DDR-Gestaltung kam aber oft durch die Hintertür. "Es war die Vorstellung von vielen Formengestaltern in der DDR, Dinge zu schaffen, die eben nicht permanent von neuen Moden überholt werden, sondern langlebig waren und dauerhaft gebraucht werden konnten", sagt Axel Drieschner, Historiker am Dokumentationszentrum und Mitgestalter der Ausstellung.

"Großer Gebrauchswert" und "ästhetische Qualität"

Dies hatte laut Drieschner nicht nur gestalterische Gründe. "Es gab eine ethische und eine praktische Komponente", sagt er. "Die ethische war tatsächlich, dass man Arbeit und Material nicht dem Verschleiß durch Moden anheim stellen wollte, und die praktische war natürlich, dass man in der DDR mit den knappen Ressourcen schonend umgehen musste. Deswegen hat man überlegt: Wie können wir so produzieren, dass wir mit relativ wenig Aufwand einen großen Gebrauchswert und auch eine ästhetische Qualität erzeugen können?"

Die Ausstellung beleuchtet die Einflüsse des Bauhaus-Designs auf Möbel, Gefäße, Plakate und Grafik und technische Gestaltung in der DDR. Vieles konnte das Dokumentationszentrum aus den eigenen Beständen beisteuern, einiges dazu leihen. An der Ausstellung haben auch Studenten der Kunsthochschule Berlin-Weißensee aus dem Studiengang "Visuelle Kommunikation" mitgewirkt. Sie hätten großes Interesse gehabt und sich dem Thema und auch der Stadt sehr offen genähert, sagt Nadolny. "Alle sind nach 1989 geboren, also sie haben selbst alle keine eigenen Verbindungen mehr in die Alltagskultur der DDR."

Angebliche nationale Traditionen

Offiziell bezog sich die DDR lange nicht direkt auf das Bauhaus. Im Gegenteil, schlichte Formen galten noch in den 1950er Jahren als rückschrittlich. Auch dies bildet die Ausstellung ab: In einem Ausstellungskatalog aus der Zeit werden moderne, schlichte Möbel verpönt, ein klassischer Stil mit wuchtigen, schnörkelreich verzierten rustikalen Eichenmöbeln wird positiv hervorgehoben - dies entspreche eher der nationalen Tradition. Erst mit dem industriellen Möbel- und Wohnungsbau in den 1970er Jahren wurde die Gestaltung wieder offiziell begrüßt - und im nächsten Raum steht dann auch tatsächlich ein später gebrächlicher Clubsessel, der den verfemten Möbeln aus dem Ausstellungskatalog erstaunlich ähnlich sieht.  

Video: Studierende der Kunsthochschule Weißensee bereiten die Ausstellung mit vor

Mitropa-Geschirr (Quelle: rbb)
rbb

Video: rbb Kultur | 06.04.2019 | Theresa Majerowitsch

Beitrag von Uta Schleiermacher

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