Premiere in Zollbrücke - Theater am Rand bringt Pandemie-Stück auf die Bühne

Thomas Rühmann
Video: rbb|24 | 18.12.2020 | Fred Pilarski | Bild: Thomas Reinke

Das Theater am Rand in Zollbrücke direkt an der Oder hat sich in seiner neuesten Produktion mit einer weltweiten Grippe-Pandemie auseinandergesetzt. Coronabedingt gab es keine Premiere von "Der Wal und das Ende der Welt" vor Publikum. Von Fred Pilarski

Ein abgeschiedenes Dorf am Meer im Südwesten von England. Niemand ahnt, dass sich draußen Unheil zusammenbraut: Ein militärischer Konflikt, eine Ölkrise und eine tödliche Grippe-Pandemie. Alles gleichzeitig. Aber hier, auf der Bühne des Theaters am Rand in Zollbrücke, singen Kathleen Gaube, Thomas Rühmann und Jens-Uwe Bogadtke erst einmal ein Weihnachtslied: "Apfel, Nuss und Mandelkern", begleitet vom Gitarristen Reentko Dirks und dem Pianisten und Perkussionisten Clemens Pötzsch. Es sollte in diesem Jahr das Weihnachtsstück des Theaters sein.

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Blick von oben auf das Theater. | Bild: rbb

Blick in die Glaskugel

John Ironmongers Roman "Der Wal und das Ende der Welt" erschien bereits 2015. Ende 2019 saß Thomas Rühmann in Zollbrücke mit seinen Schauspielerkollegen in der "Randwirtschaft" und stellte ihnen die Idee vor. "Das Verrückte war ja", erinnert sich Kathleen Gaube, "dass es die Pandemie damals noch gar nicht gab". Als sie im Frühjahr dann mit den Leseproben begannen, wurde das Erstaunen über die Aktualität des Stoffes immer größer. "Wir dachten: Das gibt’s doch gar nicht, das holt uns ein."

Interessante Einblicke in das menschliche Sein

Ein riesiger, gestrandeter Wal wird zum Symbol für eine aus den Fugen geratene Welt. Die Dorfbewohner retten das Tier mit vereinter Kraft und finden auch bei der Bewältigung der Pandemie-Folgen zueinander. Später wird der Wal das Dorf selbst retten. Dass ausgerechnet ein Finanzmathematiker aus einer Londoner Investmentbank das Dorf zu einem solidarischen Miteinander bringt, schafft eine besondere Fallhöhe in diesem Stück. Dass es noch etwas anderes geben könnte als Profitstreben und eine Rette-sich-wer-kann-Mentalität, das war in den Computer-Simulationen der Krisengewinn-Spekulanten nicht einprogrammiert.

Das Miteinander setzt sich durch

Dieser Aspekt hat den Regisseur, Schauspieler und Theaterleiter Thomas Rühmann besonders berührt, wie er erzählt: "Wie hier das Miteinander siegt und nicht das Gegeneinander, das ist ein großes utopisches Moment, und dem gehen wir mit unserer Arbeit hinterher."

Es sind die ins Deutsche übertragenen Songs von Sting, die dem Stück eine besondere Farbe geben – und oft auch eine gewisse Melancholie. Reentko Dirks und Clemens Pötzsch spielen sie in sehr subtilen Arrangements. Sie binden sich ein in den typischen Erzählstil der Theater-am-Rand-Inszenierungen, die szenische Lesung, ausgestalteten Dialog und Musik zu einer großen Geschlossenheit fügen und sich uneingeschränkt in den Dienst des Textes stellen.

Aufführung aufgrund der Pandemie immer wieder verschoben

Für Regisseur Thomas Rühmann war es wichtig, dieses Projekt nun zu einem vorläufigen Abschluss zu bringen, die Energie nicht abreißen zu lassen, indem die Aufführung immer wieder verschoben wird. Auch um der Theaterleute willen, die sonst fast nichts zu tun hatten in diesem Jahr. Schauspieler Jens Uwe Bogadtke sagt, er sei selbst überrascht gewesen, wie hart es ihn treffe, zum Nichtstun gezwungen zu sein. Als er im Sommer noch kurz sein Heinrich-Heine-Soloprogramm aufführen habe können, habe er erst gemerkt, wie sehr es ihm fehle.

Stück ohne Publikum mitgeschnitten

"Ich bin nicht bereit, in die Klage einzustimmen", sagt dagegen Thomas Rühmann. "Es ist ein Versuch, mit diesem Stück durch diese Zeiten zu kommen. Und zwar mit dem, was wir am besten können: nämlich der Kunst, die wir machen." Das Stück wird nun mitgeschnitten und konserviert. Eine Streaming-Variante ist bislang nicht vorgesehen. Aufgeführt werden soll es, sobald es geht, vor Publikum. Anfang April, so ist die vage Hoffnung im Moment.

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