Diskussion um DDR-Architektur entbrannt - Uckermärkische Bühnen Schwedt sollen unter Denkmalschutz

Das Gebäude der Uckermärkischen Bühnen in Schwedt (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Video: Brandenburg aktuell | 02.06.2021 | Riccardo Wittig | Bild: dpa/Patrick Pleul

Mit der kupferfarbenen Fensterfront erinnern die Uckermärkische Bühnen an den Palast der Republik in Berlin. Der wurde längst abgerissen. Das soll dem Bau in Schwedt nicht passieren - er soll unter Denkmalschutz gestellt werden. Doch das führt zu Kritik. Von Riccardo Wittig

Wenn Intendant André Nicke auf das Dach der Uckermärkischen Bühnen Schwedt steigt, hat er einen weiten Blick über die einstige sozialistische Planstadt. Fast 100 Mal war er in den vergangenen Monaten aufgestiegen und hatte von oben Gedichte rezitiert. Sie sollten in Zeiten von Corona den Menschen Hoffnung bringen.

Etwas mehr Zuversicht könnte er momentan selbst gebrauchen. Sein Haus steht kurz vor einer großen Modernisierung - und plötzlich soll das Schwedter Theater auf die Brandenburger Denkmalliste. Das führt jetzt zu Diskussionen. "Diese Nachricht hatte uns erst einmal die Füße weggerissen", sagt André Nicke.

André Nicke auf dem Dach der Uckermärkischen Bühnen (Quelle: rbb/Riccardo Wittig )
André Nicke auf dem Dach der Uckermärkischen Bühnen | Bild: rbb/Riccardo Wittig

Fensterfassaden eine energetische Katastrophe

Die Uckermärkischen Bühnen sollen demnächst aufwändig saniert werden - für 12 Millionen Euro. Das 1978 als Kreiskulturhaus eröffnete Gebäude ist in einem schlechten Zustand. Vor allem die riesigen Fensterfassaden sind eine energetische Katastrophe. Doch die Umbau-Planungen kommen jetzt ins Stocken. Die Landesdenkmalbehörde sieht in dem Theater-Bau schützenswerte DDR-Architektur. "Es ist ein Stück gebaute DDR-Geschichte, die sich an diesem Gebäude wiederspiegelt, sowohl städtebaulich, als auch geschichtlich", sagt Ilona Rohowsk. Sie ist Mitarbeiterin im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum und hat sich erst kürzlich in Schwedt mit den Verantwortlichen von Stadt und Theater getroffen.

Die Schwedter Geschichte reicht weit zurück: Zunächst stand an gleicher Stelle einst das Schloss der Schwedter Markgrafen, eine Nebenlinie der Hohenzollern. Am Kriegende 1945 zerstört, wurde die Ruine in den 1960er Jahren abgerissen. Ein Wiederaufbau war den DDR-Oberen ein Dorn im Auge, so dass ein moderner Kulturtempel entstand.

Die Kulturdezernentin aus dem Schwedter Rathaus, Annekathrin Hoppe, ist sich des Erbes bewusst. "Wir sind auch sehr interessiert daran, dass wir das Haus erhalten, so wie es jetzt ist, aber es muss auch für die Nutzung vorbereitet werden."

Erinnerung an Palast der Republik

Die Landesdenkmalbehörde sieht in der Fensterfassade eine baugeschichtliche Bedeutung. Sie erinnert an die kupferfarben schimmernde Fensterfront des abgerissenen Palasts der Republik in Berlin. Außerdem sei 30 Jahre nach der Wende die Zeit reif sachlich über den Erhalt wichtiger Bauten der DDR-Architektur zu reden, sagt Ilona Rohowski. Wichtige Bau-Zeugen seien bereits verschwunden, wie beispielsweise das 2001 abgerissene Berliner Palasthotel oder 2017 das FDGB-Ferienhotel an der Müritz.

Schwedter Theater Hauptfoyer (Quelle: rbb/Riccardo Wittig )Hauptfoyer der Uckermärkischen Bühnen

Zu den schützenswerten Teilen im Inneren des Schwedter Theaters sollen das Foyer mit den unzähligen Lampen, das Vestibül, die Treppenhäuser und der große Saal gehören. "Hier erwarten wir schon, dass die Denkmalbehörde differenziert und uns genau sagt, welcher Status hier besonders schützenswert ist. Es ist auch nicht so, dass die Situation von 1978 komplett erhalten ist", sagt Annekathrin Hoppe. Die Stadt als Trägerin des Theaters sieht nach ihren Angaben die Sanierungspläne in Gefahr. Die Denkmalauflagen könnten den Bau verteuern und den Zeitplan für die millionengroße Förderung bis Ende 2022 sprengen.

Denkmalauflagen und Konflikte vorprogrammiert

Intendant André Nicke gibt sich kämpferisch. "Hier geht es um die Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit der Uckermärkischen Bühnen. Es darf nicht dazu führen, dass es zu Verzögerungen kommt, dass der Bau später beginnt oder dass er vielleicht gar nicht durchgeführt werden kann", sagt er. Er könne diesen Stopp und die Eile des Denkmalamtes nicht verstehen.

Ilona Rohowski sagt, sie wisse, dass Denkmalauflagen Konflikte mit sich bringen. Sie gibt aber zu bedenken: "Ich möchte nicht, dass künftige Generationen später fragen, warum der Denkmalschutz damals nicht gehandelt hat."

Noch im Juni soll es einen neuen Vor-Ort-Termin mit der Denkmalpflege geben. Inzwischen ist der Architekt beauftragt worden, die Vorderansicht mit ihrer riesigen Fensterfront zu überarbeiten. Diese soll nun doch so erhalten bleiben, wie sie die Schwedter Theaterbesucher seit Jahrzehnten kennen.

Sendung: Brandenburg aktuell, 02.06.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Riccardo Wittig

2 Kommentare

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  1. 2.

    OMG, ist das hübsch! Ich liebe diese Art Architektur, leider zu oft verschwunden aus Ost und West. Das Foyer ist absolut Klasse, aber auch das ganze Gebäude mit der gewagten Dachkonstruktion. Die Sichtachse braucht das Haus und umgekehrt.

    Sicherlich ist es möglich, energetisch korrekte kupferfarbige Verglasung zu verbauen. Zerstört nicht alles aus den 79ern, nur weil Schlaghosen blöd waren. Häuser und Architektur wie diese stehen für den Aufbruch dieser Zeit!

    Btw: in Ost und West eine wichtige Epoche. Wurde aber schon unterm Rio Reiser Artikel konsequent zensiert..

  2. 1.

    Der Palast der Republik gehört wiederaufgebaut und das rassistische und kolonialistische Schloss abgerissen. Das wäre mal ein ehrliches Statement!

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