"Ohne Ende Anfang" - Neue Ausstellung zeigt 70 Jahre Eisenhüttenstadt

Eisenhüttenstadt, Straße des Komsomol im II. Wohnkomplex, Ende der 1950er Jahre (Quelle: Stadtarchiv Eisenhüttenstadt/Walter Fricke)
Audio: rbbKultur | 05.07.2021 | Tomas Fitzel | Bild: Stadtarchiv Eisenhüttenstadt/Walter Fricke

Vor 70 Jahren wurde Eisenhüttenstadt gegründet. Eine neue Ausstellung beschäftigt sich mit Geschichte und Architektur der sozialistischen Planstadt - und stellt außerdem die alles entscheidende Frage: Wie geht es weiter? Von Tomas Fitzel

Mehr oder minder auf dem Nichts wurden in der DDR drei sozialistischen Planstädte errichtet: Eisenhüttenstadt, Schwedt und Hoyerswerda. Eisenhüttenstadt machte 1951 mit der Grundsteinlegung erst des Stahlwerk und dann der Stadt den Anfang.

70 Jahre Eisenhüttenstadt: Im Museum "Utopie und Alltag" ist jetzt eine Ausstellung über die Vergangenheit und mögliche Zukunft der Stadt zu sehen. Der Titel: "Ohne Ende Anfang". In Eisenhüttenstadt sollte nicht nur der Stahl geschmiedet werden, sondern auch der neue sozialistische Mensch. Dafür wollte man einen ganz neuen Stadttypus erschaffen. Statt Vereinzelung wurde auf kollektive Wohnformen gesetzt. Urban, aber grün und licht sollte es sein. So war die Utopie.

Eisenhüttenstadt, III. Wohnkomplex mit erster Selbstbedienungskaufhalle, um 1960 (Quelle: Stadtarchiv Eisenhüttenstadt/Walter Fricke)
| Bild: Stadtarchiv Eisenhüttenstadt/Walter Fricke

Ein sozialistischer Film- und Fotostar

Nahe bei dem sowjetischen Ehrenmal in Eisenhüttenstadt liegt eine Marmorplatte mit der Aufschrift: "An Euch junge Erbauer des Kommunismus". Darunter verbirgt sich die Anweisung, den Stein erst zum hundertjährigen Jubiläum zu öffnen. Als man 1980 die Platte einließ, war man noch voller Enthusiasmus und träumte von womöglich 80.000 oder gar 100.000 Einwohnern - viel mehr als 53.000 sind es allerdings nie gewesen.

Eisenhüttenstadt, das von 1953 bis 1961 Stalinstadt hieß, sollte in ganz besonderem Maße eine Vorzeigestadt sein. Das zeigen die viele Fotos und auch die Postkartensammlung in der Ausstellung.

Eisenhüttenstadt war eine Art "sozialistischer Film- oder Fotostar", so der Kurator und Kunsthistoriker Alex Drieschner. Doch das änderte sich schon bald. "Ausgehend von der Sowjetunion gab es ab 1955, '56 eine sogenannte Wende im Bauwesen, als man sich stärker dem industriellen Bauen zuwandte, um schneller und billiger bauen zu können", sagt er. Die Grundrisse wurden kleiner, die Fassaden weniger prachtvoll und die Räume niedriger. "Das hat sich bis zum Ende der DDR eigentlich so durchgezogen. Aber der Anfang war eben doch fulminant", erklärt Drieschner.

Stalinistische Architektur aus Zuckerwürfeln

Das Museum Utopie und Alltag dokumentiert die handwerkliche Qualität der Gebäude aus den Anfangsjahren und ihre vielen liebevollen Details. Doch der Baustil wurde als rückwärtsgewandt bespöttelt, da er sich in den Bauformen stark an die Gründerzeit orientierte mit Giebeldach und großen Hofanlagen.

Im ersten Ausstellungsaum ist ein Stadtmodell zu sehen, das ausschließlich aus DDR-Alltagsgegenständen gebastelt wurde. Die Modelle der frühen Bauten aus den 1950er Jahren stellte Martin Maleschka aus Zuckerwürfeln nach. Der aus Eisenhüttenstadt stammende Architekt will damit auf den sogenannten stalinistischen Zuckerbäckerstil verweisen. Ein Stil, der am Unesco-Welterbe in der Frankfurter Allee in Berlin noch größer und prächtiger zu sehen ist.

Die Ausstellung zeigt viele Pläne, Modelle, Fotografien und Postkarten, an einigen Hörstationen können zudem Interviews mit Eisenhüttenstädtern abgespielt werden. Interessant sind auch die Vergleiche mit der polnischen Planstadt Nova Huta und Schwedt.

Letztere sollte ein Arbeiterparadies im Grünen werden. Dort plante anfangs der Bauhaus-Schüler Selman Selmanagić. Ihm schwebte ein grünes Sanssouci für Arbeiter vor. Der SED-Regierung war dies zu teuer und sie entzog ihm 1962 die Planung.

Ebenso wenig wurden in Schwedt die modernistischen Großwohnblöcke verwirklicht, von denen die Ausstellung Modelle zeigt. Eisenhüttenstadt wiederum blieb bis heute ohne Zentrum, das heißt ohne repräsentative Verwaltungsgebäude. Der Wohnungsbau besaß immer Vorrang.

Eisenhüttenstadt, Anfang der 1960er Jahre, Hotel Lunik, rechts davon das Kaufhaus Magnet (Quelle: Stadtarchiv Eisenhüttenstadt/Walter Fricke)

"In allen Szenarien deutet die Kurve nach unten"

Nach dem Mauerfall verlor Eisenhüttenstadt rapide mehr als die Hälfte seiner Einwohner. Gegenwärtig leben nur noch etwa 23.000 Menschen in der Stadt - und jeder zweite ist über 50 Jahre alt. "Es gibt eigentlich nur wenige Familien, die in drei Generationen noch vor Ort in Eisenhüttenstadt leben", so Florentine Nadolni, die Leiterin des Museums Utopie und Alltag, "also die Enkel wohnen in Münster oder Mannheim, auch wenn einige wenige mittlerweile wider zurückkommen."

Sie zeigt auf einem großen Stadtplan die rot markierten Abrisse. Damit es nicht so hart klingt, spricht man lieber von Rückbau. Teilweise füllen sich jetzt die leeren Flächen mit Einfamilienhäusern. Eine Strategie der Stadt, um zumindest die zusätzliche Abwanderung ins Umland zu stoppen. Der Individualismus, der Wunsch nach dem Eigenheim, siegte über den kollektiven Wohngedanken.

Aber das werde nicht reichen, sagt Florentine Nadolni. "Eisenhüttenstadt ist eine der am stärksten schrumpfenden Städte in Brandenburg und in allen Szenarien deutet die Kurve nach unten."

Was, wenn das Stahlwerk schließt?

Ohne die erfolgreiche Rettung des Stahlwerks, wenn auch mit sehr viel weniger Beschäftigten, wäre Eisenhüttenstadt womöglich längst schon eine Geisterstadt. Doch wie lange kann sich die namensgebende Hütte noch behaupten? Was dann?

Zusammen mit Nova Huta bemüht man sich um das Weltkulturerbesiegel. Das würde aus Eisenhüttenstadt eine Art Freiluftmuseum machen. Durch den Filmstar Tom Hanks wurde Eisenhüttenstadt als "Iron-Hut-City" auch dem amerikanischen Publikum bekannt. Doch der ersehnte Touristenstrom blieb bislang aus.

Oder könnten die günstigen Freiflächen digitale Entrepreneurs und Startups anlocken, auch wenn Berlin doch zu weit entfernt ist? Genau darauf sucht die Ausstellung Antworten. Dafür gibt es einen leeren Raum, in dem die Besucher all ihre Ideen einbringen können.

In Nova Huta hat das Stahlwerk bereits ganz dicht gemacht. Aber als Vorort von Krakau mit großen Grünflächen fängt es mittlerweile viele auf, die sich ein Leben in der historischen Innenstadt nicht mehr leisten können. Eisenhüttenstadt hat als Nachbarn dagegen nur Frankfurt (Oder). Ebenfalls schrumpfend. Viel Grün und viel Platz, das ist allein eben zu wenig.

Sendung: Antenne Brandenburg, 05.07.2021, 18:30 Uhr

Beitrag von Tomas Fitzel

7 Kommentare

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  1. 6.

    Leider fehlt in diesem Bericht ein entscheidender Aspekt! Im November 1961 wurden die Städte Fürstenberg (Oder) mit dem Ortsteil Schönfließ und Stalinstadt zu Eisenhüttenstadt zusammengeschlossen, um im Rahmen der Entstalinisierung den unerwünscht, gewordenen Namen zu tilgen! Wenn man schon recherchiert, dann bitte richtig.

  2. 5.

    PS: Ich meinte mit "ulkige Seite" den Hinweis aus der Infobox auf www.utopieundalltag.de

  3. 4.

    Die Info-Box "Von der Modellstadt zum Baudenkmal Neue Sonder-Ausstellung zeigt Eisenhüttenstadt in Zeiten des Umbruchs" im Textlauf hilft da weiter. Ich gebe zu, da muss Frau/Mann/Es erstmal weiterklicken und sich dann auf dieser ulkigen Seite zurecht finden. Userlike so als Besucheranlocker ist die nicht. Internetsuche hilft weiter:
    https://www.art-in.de/ausstellung.php?id=7648#
    Mit Ausstellungsdaten und so...

  4. 3.

    Sehr geehrter Herr Fitzel,
    es hätte Ihren Bericht informativ abgerundet, wenn Sie die Daten zur Ausstellung genannt hätten: wo und von wann bis wann findet die Ausstellung statt? Wie sind die Öffnungszeiten? Was kostet der Eintritt? Gibt es Zutrittsbeschränkungen, z.B. w/ Corona?
    Ich finde, das gehört zur Berichterstattung dazu.

  5. 2.

    Überlegen... hm... es waren im Städtbau der 1960er und 1970er Jahre andere Ansätze. Und ja, die ersten Neubausiedlungen waren noch luftig mit viel Splatz für Grün, Spielplätze und so. Ich selber lebe seit der Erbauung in eben solch einem Wohnkomplex der Anfang 1970er Jahre. Das war der andere Ansatz: Nicht nur Wohnen, sondern auch Leben! Mit allem: Kaufhalle (Supermarkt), Kinderkrippe / Kindergarten, Schulen, Ärzte, Gastätten, Jugendclub (Disko). Und die Arbeit war auch nahe. Das Pendeln beschränkte sich auf ein paar Kilometer mit der örtlichen Buslinie zur / von der Arbeit.
    Und von diesen Wohnkomplexen gibt es 3 in meiner Stadt. Da musste nix abgerissen werden. Im Gegenteil, die IW64 und WBS70 werden modern aufgemöbelt, um für heutige Bedarfe attraktiv zu bleiben. Interessant sind solche Ausstellung mit Zeugnissen aus den Anfangsjahren immer und vor allem auch der damaligen Planungen und was im Laufe der schwindenden DDR Wirtschaftskraft dann draus geworden ist.

  6. 1.

    Urban aber grün und licht, scheint so als war die DDR der BR Deutschland doch in einigem voraus....

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