Dokumentar-Theater auf der Schiene - "Der Kohlezug" rollt mit Geschichten aus dem Tagebau durchs Land

Do 12.08.21 | 17:07 Uhr
  1
Kohlezug © Simon Haulleville
Audio: Antenne Brandenburg | 12.08.2021 | Elke Bader | Bild: Simon Haulleville

Der Braunkohletagebau und die jüngsten Ereignisse im Helenesee sind die Themen eines innovativen Eisenbahntheaters, das jetzt durch Brandenburg tourt. Auf dem Programm stehen durchweg authentische Geschichten, die eine ganze Region geprägt haben.

Das Eisenbahntheater "Das letzte Kleinod" schickt den "Kohlezug" auf Reise durch Brandenburg. Zusammen mit dem Kleistforum Frankfurt (Oder) präsentiert die Theatertruppe ein dokumentarisches Theaterstück zum Thema Braunkohle.

Erstmals in Frankfurt (Oder) angekommen ist der Zug am Mittwochabend. Elf alte Güterwagons bilden die Theaterbühne mitten auf dem Bahngelände. Um einen kleinen Metallofen herum sitzen die Darsteller und stimmen das Ofenlied an. Damit läuten sie die Geschichten aus dem Braunkohletagebau ein.

Die Szenen in einem offenen Wagen erzählen vom Bergbau, der Transformation der Industrie und vom Klimawandel. Für die Entwicklung des Theaterstücks besuchte der Autor und Regisseur Jens-Erwin Siemssen seit Herbst 2019 Menschen, die im Braunkohletagebau auf unterschiedliche Art und Weise involviert waren. Darunter sind etwa Lok- und Baggerfahrer oder Mitarbeiter aus einem Kraftwerk.

Geschichten aus der Grube

Im Kohlezug werden ihre Geschichten verdichtet und mit der Geschichte ihrer Heimat verwoben. Das Stück setzt sich mit der Lebenssituation in den Regionen auseinander, fragt nach den Perspektiven von jungen Menschen und schafft Kommunikation. "Wir wollen gucken, was da eigentlich passiert ist, wie die Arbeitswelt oder die sozialen Verhältnisse waren", sagt Regisseur Jens-Erwin Siemssen. "Uns interessiert auch, was die Frauen und die Männer in der DDR gemacht haben."

Der Kohlezug der Theatertruppe Das letzte Kleinod KohlezugDer Kohlezug hält am Bahnhof in Frankfurt (Oder)

Über Erlebnisse im Tagebau haben sich die Schauspieler mit Zeitzeugen unterhalten, die im Tagebau gearbeitet haben. Über seine Begegnungen dabei sagt Schauspieler Andreas Uehlein. "Man bekommt über die Menschen und ihre Erlebnisse Bilder, und bekommt ihr Gefühl dafür, wie es dort war."

Theater in zwei Richtungen

Gespielt wird das Stück vor und in original Schüttgut-Wagons. Für zusätzliche Atmosphäre sorgen Relikte wie Stromabnehmer, Baggerschaufeln oder alte Telefone als Kulissen, die Betriebe und Traditionsvereine zur Verfügung gestellt haben.

Das Publikum wird in Gruppen eingeteilt und erlebt in den einzelnen Wagons verschiedene Szenen aus dem Tagebau. So etwa auch zusammen mit Darstellerin Nora Backhaus, die eine Lokführerin spielt. "Der Text ist quasi ein O-Ton aus Interviews, die mit Tagebau-Leuten geführt wurden. Und dementsprechend erkennen sie viel wieder, weil alles von ihnen kommt."

Die Geschichte ist noch nicht vorbei

So beziehen die Macher des Dokumentar-Theaters Situationen aus dem Damals und Heute in das Stück ein. "Der Kohlezug" erzählt so auch von der Umsiedlung ganzer Dörfer, der Schufterei und den Gefahren in der Grube und vom Ausstieg aus der Braunkohle. Deshalb sei es laut Dramaturgin Juliane Lennsen auch wichtig an Orten zu spielen, die einen Bezug zu den Themen haben. "Wir wollen auch damit verbundene Menschen dazu bewegen, zu uns zu kommen und einen Dialog mit ihnen anbieten."

Aktuell seien auch gerade die Rutschungen im Frankfurter Helenesee, sagt Regisseur Jens-Erwin Siemssen. Darum würden auch diese Einzug in die Inszenierung haben. "Das ist 60 Jahre nach dem Ende des Kohle-Abbaus ganz wichtig. Die Frankfurter haben sozusagen ihre Terrasse verloren, auf der sie ihren Urlaub verbracht haben."

Der Kohlezug steht noch bis Freitag auf dem Bahnhofsgelände in Frankfurt (Oder). Danach rollte er weiter in Richtung Lausitz nach Cottbus und Senftenberg [www.das-letzte-kleinod.de].

Sendung: Antenne Brandenburg, 12.08.2021, 15:40 Uhr

Mit Material von Elke Bader

1 Kommentar

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 1.

    Das erinnert mich sehr an eine schon in Vergessenheit geratene Aufführung an der alten Schaubühne am Halleschen Tor. Mit Schauspielern wie Otto Sander,Jutta Lampe u.a. Wer da in der ersten Reihe gesessen hatte kam nach der Vorstellung schmutzig heraus. Das war noch richtiges Aktion Theater vom Feinsten.

Nächster Artikel