Symbolbild: In einem geschlossenen Leichenwagen steht ein mit weißen und blauen Blumen geschmückter Sarg. (Quelle: dpa)
Brandenburg aktuell | 28.01.2019 | Annette Dornieden | Bild: dpa; Daniel Bockwoldt

Falsche Abrechnungen in Märkisch-Oderland - Der Betrug mit dem Totenschein

Bei der Ausstellung des Totenscheins berechnen manche Brandenburger Ärzte zu viel. Seitdem nicht mehr die Krankenkassen zahlen, haben sie leichtes Spiel: Nur selten kontrollieren Angehörige in der Trauerphase die Kosten - ein Fall ist nun angezeigt worden. Von Annette Dornieden

Bei der Ausstellung von Totenscheinen in Brandenburg kommt es zu Betrug. Das haben Recherchen des rbb ergeben. Dabei profitieren Ärzte von der Tatsache, dass die Krankenkassen nicht mehr für die Kosten aufkommen, sondern die Angehörigen selbst. Und davon, dass in der Trauerphase offenbar kaum jemand die Rechnungen genau prüft.

Torsten Volkmann aus Märkisch-Oderland wurde jedoch bei einer Rechnung stutzig. "Wir wurden vom Bestatter darauf hingewiesen, dass die Rechnung überhöht ist, und dass wir mal recherchieren sollten, woran es liegt", sagt Volkmann. "Wir haben dann relativ schnell herausgefunden, woran es lag." Grund war die sogenannte "Fremdanamnese" - allein dafür wuden knapp 80 Euro berechnet.

Überhöhte Rechnung kein Einzelfall

Volkmanns Schwiegermutter war im Oktober gestorben, eine Notärztin stellte den Tod fest. Aber gleich mehrere Positionen waren falsch angegeben. Torsten Volkmann suchte das Gespräch mit der Ärztin, die in einem medizinischen Versorgungszentrum arbeitet. Seiner Aussage nach wiegelt sie nur ab. Eine Anfrage von Brandenburg aktuell an die Notärztin wurde ignoriert.

Die überhöhte Rechnung für die Ausstellung des Totenscheins ist offenbar kein Einzelfall. Im Internet finden sich zahlreiche Hinweise auf Betrug - und auch Brandenburg aktuell liegt ein weiterer Fall vor. Der Bestatter-Innung Berlin-Brandenburg sind fehlerhafte Ärzte-Abrechnungen ebenfalls bekannt. Dabei ist die Gebührenordnung für Ärzte, die die Grundlage für die Berechnung ist, relativ einfach.

"Diese gravierende Form, dass die Leistung doppelt berechnet wird, ist nicht der Regelfall. Was aber häufiger vorkommt ist, dass fehlerhafte Abrechnungen ausgestellt werden", sagt Fabian Lenzen von der Bestatter-Innung. Es gehe um kleinere Abweichungen, "aber ich habe tatsächlich auch schon Rechnungen von Ärzten über 390 Euro bekommen, wo gar nichts mehr zusammen passte."

Landesärztekammer bestätigt falsche Abrechnung

Die Landesärztekammer Brandenburg als Standesvertretung der Ärzte lehnte dazu allerdings ein Interview ab, stattdessen wurden die Fragen schriftlich beantwortet. Im vorliegenden Fall spricht der Justiziar der Landesärztekammer auch von einer fehlerhaften und überhöhten Rechnung. "Wir haben für die Jahre 2016 bis 2018 pro Jahr zirka 25 Vorgänge, in denen Leichenschauabrechnungen beanstandet werden."

Unter diesen Vorgängen seien aber auch solche, in denen Ärztinnen und Ärzte mit Entwürfen an die Landesärztekammer herantreten, um sich wegen der Richtigkeit der Abrechnung beraten zu lassen. "Bei den Beanstandungsfällen aufgrund von Beschwerden ist auffällig, dass sich diese wiederholt auf einige wenige (und dieselben) Ärzte beziehen", heißt es weiter.

Rechnungen über 100 Euro sind verdächtig

Auch Torsten Volkmann hat sich an die Landesärztekammer gewandt, von dort aber bislang keine Antwort erhalten. "Es ist schwer in Worte zu fassen, dass man in so einer Situation versucht, noch sich Geld zusätzlich zu verschaffen. Da gibt es ein Grundgehalt und das auf Kosten der Leute so auszunutzen, ist eigentlich eine Sauerei auf gut Deutsch."

Angehörige sollten grundsätzlich jede Rechnung überprüfen. Stutzig sollte man aber bei einer Rechnung über 100 Euro für eine Leichenschau werden. Torsten Volkmann will nicht mehr auf eine Entschuldigung warten, er hat die Notärztin mittlerweile wegen Betrugs angezeigt.

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12 Kommentare

  1. 11.

    treffende Replik , auch abgezielt auf den immer wieder thematisierten Ärztemangel in ländlichen Gebieten . Unter den herrschenden Bedingungen bin´ich froh , nicht mehr in der Praxis tätig zu sein. Übrigens, die " Ärztehasser" sind die ersten
    die in der Notaufnahme lautstark werden, wenn sie warten müssen.

  2. 9.

    Danke Frosch für die Klarstellung,die Leichenschau ist seit Jahren zu gering honoriert!

  3. 7.

    " GOÄ Nr.100, ca. 35 Euro plus Wegepauschale und wurde seit Jahren nicht mehr angepasst! "
    das berechtigt aber nicht, nach eigenem Gutdünken mehr abzurechnen.
    Die Nr. 100 plus Wegegeld – das läuft auf eine Rechnung von etwa 65 oder 75 Euro hinaus. die Bundesregierung in einer Stellungnahme im Jahr 2016; sie vertröstet die Ärzte auf die „anstehende Novellierung der GOÄ“.
    Ein maximal 3,5-facher Gebührensatz (51 Euro) ist für eine „Leichenschau unter erschwerten Bedingungen, z.B. bei einer ausgeprägten Adipositas des Verstorbenen oder dem schlechten Zustand der Leiche (Verwesung)“ möglich,
    https://www.medical-tribune.de/praxis-und-wirtschaft/abrechnung/artikel/abrechnen-der-leichenschau-da-geht-nicht-mehr-viel/

  4. 6.

    Au ja und da kläfft ein schlauer Ärztehasser, Abrechnung scheint ja ihr Spezialgebiet zu sein. Und ja ich bin natürlich ein arroganter ständig Golfspielender geldgeiler Weisskittel. Oder doch nicht? Bald wird es nicht mehr viele Ärzte geben, auf denen man Raumhacken kann,viel Spaß wünsche ich Ihnen dann...

  5. 5.

    Nun ja, diese Story geistert ja schon seit Monaten durch die Tageszeitungen unserer Region, schön sie noch mal im Netz auszugraben... Abrechnungsbetrug, daß hört sich nach großen Geldscheinen an, wohlgemerkt, es geht um die GOÄ Nummer 100 Punktwert 250 umgerechnet 14.57€. Dafür kommt der kassenärztliche Notdienst ins Haus und macht eine ärztliche Leichenschau. Für diese muss der Leichnam entkleidet und gründlich auf die Todesursache hin geprüft werden. Eine ordentliche Leichenschau sollte schon mehr als 30 min dauern, denn immerhin sollte ein unnatürlicher Tod nicht übersehen werden, sonst waren es ja wieder die schlampigen Kurpfuscher, die das Messer in Opas Rücken übersehen haben... Natürlich darf der Doktor was draufschlagen"Beim Ansatz der Nr. 100 GOÄ für die Untersuchung eines Toten inklusive Todesfeststellung und Ausstellen des Leichenschauscheines liegt es im Ermessen des Arztes, je nach Schwierigkeit, Zeitaufwand und Umständen der Ausführung den ein- bis 2,3-fachen Faktor zu wählen.

    Ein maximal 3,5-facher Gebührensatz (51 Euro) ist für eine „Leichenschau unter erschwerten Bedingungen, z.B. bei einer ausgeprägten Adipositas des Verstorbenen oder dem schlechten Zustand der Leiche (Verwesung)“ möglich, schreibt die Ärztekammer. ..." Und dann gibt's ja noch üppig Wegegeld... Im Schnitt bei Ausnutzen aller Zulagen kommt man auf knapp 70€...Klar dafür ist man ja Arzt geworden. Sie sollten sich alle nicht wudern, wenn das keiner mehr machen will. Dann kommt eben der Kreisveterinär zur Leichenschau... Natürlich soll man auch als Arzt richtige Rechnungen schreiben, die man als Rechnungsempfänger genauso überprüfen sollte, wie die vom Handwerker auch, aber gleich von von großem Abrechnungsbetrug zu schreiben. Ich finde es übertrieben und passt wieder mal zur allgemeinen Neiddebatte und Ärztebashing. Immer nur zu, es wird bald nur keine mehr geben...armes Brandenburg!
    PS: ich kenne keinen Pflegedienst, der für 14.57€ 30 min arbeitet...

  6. 4.

    Da bellt aber ein getroffener Mediziner sehr laut. Die Gebührenordnung ist doch wohl verpflichtend. Rechnet man mehr ab, ist das Betrug. Das auf dem Rücken von Trauerden, pfui

  7. 3.

    Bitte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen!

  8. 2.

    Ja. Pflegedienste kommen sogar für noch weniger. Und selbst wenn die Ärzte die Vergütung für zu niedrig halten, kann das wohl kaum als Ausrede gelten, überhöhte Rechnungen auszustellen. Dafür gibt's ja Gebührenordnungen. Außerdem steht es jedem, auch Ihnen, frei freiwillig mehr zu zahlen.

  9. 1.

    Die ärztliche Leichenschau war noch nie Kassenleistung!Die Vergütung der Leichenschau erfolgt nach GOÄ Nr.100, ca. 35 Euro plus Wegepauschale und wurde seit Jahren nicht mehr angepasst!Kommt dafür ein anderer Dienstleister zu Ihnen nach Hause?

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