Kriegsheimkehrer Günter Wellkisch erinnert sich an seine Zeit im Heimkehrerlager Gronenfelde.
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Video: rbb|24 | 09.03.2019 | Raphael Jung | Bild: rbb24

Kriegsheimkehrer in Frankfurt (Oder) - "Das war wie ein neues Leben"

Günter Wellkisch war sowjetischer Kriegsgefangener im Arbeitslager in Sibirien. Wie rund 1,5 Millionen andere kehrte er zurück nach Deutschland. In Frankfurt (Oder) begann für ihn ein neues Leben – während viele noch am Ankunftsort vor Erschöpfung starben. Von Raphael Jung
 

Es ist ein vergilbter Fetzen Papier, ausgestellt am 31. Mai 1949, der bescheinigt, dass der in Guben geborene Günter Wellkisch wieder ein freier Mann ist. "Wie haben dich die Russen eigentlich genannt?" fragt seine Tochter Marina Runge. "Wojnaplenny" antwortet Wellkisch – Kriegsgefangener. Seiner Familie hat der 90-Jährige aus Wellmitz bei Guben oft davon erzählt, was ihm in seiner Jugend widererfahren ist.

Zwangsarbeit im Steinbruch, im Zementwerk, auf dem Kolchos

Günter Wellkisch ist sechzehn, als er im Januar 1945 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen wird. Es sind die letzten Monate des Zweiten Weltkrieges. Als die Kapitulation bereits unterschrieben ist, wird er im heutigen Tschechien von sowjetischen Soldaten gefangen genommen. Einige Wochen verbringt er in einem Kriegsgefangenenlager, dann muss er zusammen mit fünfzig anderen Kriegsgefangenen einen Wagon besteigen und fährt Richtung Sibirien. Als er nach vier Wochen ankommt, wiegt er nur noch 40 Kilo, wie er erzählt.

In Sibirien muss Günter Wellkisch arbeiten: acht bis zehn Stunden täglich, im Arbeitslager II bei Tscheljabinsk. "Im Steinbruch, im Zementwerk und auf dem Kolchos – bei minus 40 Grad Kälte. Ohne Wintersachen!" Dass er nur 1,64 Meter groß sei, habe an der Unterernährung gelegen. In der Gefangenschaft sei er einfach nicht mehr gewachsen, erzählt er. Fast vier Jahre verbringt Wellkisch in Sibirien, bis er im Mai 1949 endlich mit einem Transport zurück nach Deutschland darf. In die Heimat, wie er sagt.

Kriegsheimkehrer Günter Wellkisch erinnert sich an seine Zeit im Heimkehrerlager Gronenfelde.
Günter Wellkisch und seine Tochter schauen sich ein Dokument an, das belegt, dass er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde. | Bild: rbb24

Heimkehr nach Frankfurt (Oder)

Wenn der 90-Jährige von seiner Heimkehr berichtet, beginnen seine Augen zu leuchten. Es war einer der entscheidenden Momente in seinem Leben. Einer, auf den er lange gewartet hat. Er sehe es heute noch vor sich, sagt er: "Wir wurden in Hundertschaften eingeteilt und mit Holzschuhen, Pelzmütze und Pelzjacke mussten wir antreten und dann über die Kreuzung Westkreuz nach Gronenfelde ins Heimkehrerlager. Das war für mich, wie soll ich sagen" – er hält kurz inne – "wie ein neues Leben."

Um die 1,5 Millionen Kriegsheimkehrer kommen zwischen 1945 und 1956 in Frankfurt an und werden dort aus der Gefangenschaft entlassen. Die Stadt habe für die deutsche Nachkriegsgeschichte eine zentrale Bedeutung, sagt Wolfgang Buwert vom Historischen Verein Frankfurt (Oder). Die Dimension sei eigentlich kaum vorstellbar: Fast täglich rollten Züge mit Kriegsgefangenen über die Oder – eintausend, zweitausend, dreitausend Mann. Eine enorme Herausforderung für die vom Krieg stark zerstörte Stadt.

Dokument Entlassung aus Kriegsgefangenschaft Günter Wellkisch (Foto: rbb)
Günter Wellkisch' Entlassungsausweis, ausgestelllt vom UdSSR-Ministerium der Streitkräfte. | Bild: rbb

Nicht immer reichen die Kräfte

Aus Gesprächen und Zeitzeugenberichten weiß Buwert auch: Einige Heimkehrer schafften es zwar noch bis nach Frankfurt, weiter reichten die Kräfte aber nicht mehr. "Die Männer hatten das Ziel, Deutschland zu erreichen – obwohl sie mitunter sehr krank waren. Da sind dann viele am Straßenrand sitzen geblieben, konnten einfach nicht weiter und sind gestorben." Ein Pferdewagen sei in den ersten Nachkriegsjahren mehrmals am Tag durch die Straßen gefahren, um die Toten aufzusammeln.

Nach ihrer Entlassung aus der Gefangenschaft kamen die Heimkehrer ins Lager Gronenfelde. Dort wurden sie entlaust, mit Essen und frischer Kleidung versorgt und mit Zügen in ihre jeweiligen Heimatregionen geschickt – sofern sie noch eine Heimat hatten. Denn mindestens jeder fünfte Heimkehrer kam aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und musste ganz neu anfangen. Viele von ihnen fuhren weiter nach Friedland, ins zentrale Aufnahmelager der Bundesrepublik für Heimkehrer und Vertriebene.

Geschichte der Heimkehrer erst spät aufgearbeitet

In Frankfurt (Oder) ist die Geschichte der Heimkehrer heute weitgehend vergessen, meint Karl-Konrad Tschäpe, Historiker in der Gedenkstätte „Opfer politischer Gewaltherrschaft“. Ein Grund dafür sei, dass die Erfahrungen der Kriegsheimkehrer in der DDR niemals Thema waren. Zwar habe man sich im Familien- und Freundeskreis über die Erfahrungen in den sowjetischen Lagern austauschen können. Eine öffentliche Diskussion darüber habe es aber zunächst nicht gegeben. So sei die Geschichte der Heimkehrer in Frankfurt (Oder) erst in den 90er Jahren aufgearbeitet worden.

Heimkehrer-Gedenkstein vor dem ehemaligen Lager in Frankfurt (Oder) (Foto: rbb)
Ein Mahnmal vor dem Heimkehrerlager Gronenfelde. | Bild: rbb

Ausstellungen und Mahnmale

Inzwischen gibt es in der Stadt einige Erinnerungszeichen. Unweit der Deponie Seefichten, wo einst das Heimkehrerlager Gronenfelde war, befindet sich ein Gedenkstein. Vor der Hornkaserne, der heutigen Polizeidirektion Ost, steht das 1998 vom Heimkehrerverband gestiftete „Mahnmal für den Frieden“. Im Polizeipräsidium selbst ist die Ausstellung "Willkommen in der Heimat" über die Rückkehr der deutschen Kriegsgefangenen zu sehen. Sie kann nach vorheriger Anmeldung besichtigt werden.

In der Gedenkstätte "Opfer politischer Gewaltherrschaft" erinnert noch bis 31. März die Sonderausstellung "70 Jahre Heimkehr" an die Geschichten und Schicksale der Heimkehrer.

Dass Frankfurt in den Nachkriegsjahren für über 1,5 Millionen Kriegsgefangene wie Günter Wellkisch der Freiheits- und Hoffnungsort war, wissen nur wenige Besucher, erzählt Karl-Konrad Tschäpe. "Viele kommen in die Ausstellung und sind erstaunt, was hier passiert ist."

Sendung: Kowalski & Schmidt, 09.03.2019, 17.25 Uhr

Beitrag von Raphael Jung

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Mein Opa kam durch Adenauers Verhandlungen endlich heim - ich habe leider keine Ahnung, ob über FF/O. Ich fände es natürlich sehr gut, wenn man Listen mit Namen irgendwo fände, sogar digitalisiert. Wunschtraum... denn dann würde ich auch die drei der fünf Jungs wiederfinden, die meine Uroma nie wiedersah... verschollen. Ich würde gerne die Wege, die Stationen, wie FF/O kennen, diesen Teil der Geschichte sehen, lesen. Meine Mutter (seine Tochter) hat selten darüber mit ihm geredet. Mein Vater (Schwiegersohn) hat bei jeder Gelegenheit auf die schreckliche Vergangenheit meines Opas verwiesen - im Krankenhaus, bei Ärzten, um ihn besser behandeln zu lassen, würdiger.
    Dieser Teil der Lebensgeschichten wurde nämlich auch im Westen gerne totgeschwiegen, verdrängt. Nicht gewürdigt.

    Wie können wir heute verantwortungsvoll handeln, wenn wir unsere Geschichte verdrängt haben?

    Alles Gute, Herr Wellkisch, danke für Ihren Bericht!

  2. 3.

    Diese Geschichte rührt mich sehr. Bin mit einer alleinstehenden Mutter aufgewachsen, die bis zu Beginn der 50er Jahre warten mußte, bis ihr Mann aus der Gefangenschaft frei kam.

  3. 2.

    Tja, eine von vielen Schicksalsschläge, die die deutschen Soldaten ereilt haben!
    Deshalb kann und will man nicht verstehen, dass die jetzige Regierung tausende Soldaten im Baltikum stationiert hat und das unter dem Deckmantel Nato! Da muss sich doch ein Ahnungsloser fragen, dass da damals, kann ja nicht so schlimm gewesen sein? Darüber sollte man als Leser dieses Artikels mal nachdenken! Das Wochenende hat ja erst begonnen.

  4. 1.

    War mir auch nicht bekannt, daß so viele Kriegsgefangene dort angekommen sind. Sehr interessanter Bericht!

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