Symbolbild: Kind allein in Wohnung (Quelle: imago/Grabowsky)
Video: Brandenburg aktuell | 13.01.2020 | Mirja Fiedler und Stefan Kunze | Bild: imago/Grabowsky

Familie wies Hilfen zurück - Verwahrlostes Mädchen in Eberswalde war unterernährt

Im Fall des verwahrlosten Mädchens in Eberswalde hatten die Behörden offenbar über zwei Jahre vergeblich versucht, der Familie zu helfen. Erst 2019 bekamen sie Zugang zu den Kindern - und fanden bei der Fünfjährigen Zeichen von Unterernährung. 

Ein vernachlässigtes fünfjähriges Mädchen in Eberswalde (Barnim) ist in die Obhut der Behörden gekommen. Die "Märkische Oderzeitung" hatte am Samstag berichtet, das Mädchen solle mindestens zwei Jahre völlig auf sich allein gestellt gewesen sein und habe jahrelang kein Tageslicht gesehen. Dazu sagte der Landrat von Barnim, Daniel Kurth (SPD), am Montag bei einer Pressekonferenz: "Das können wir nicht bestätigen."

Das Mädchen sei im Krankenhaus gewesen, habe es aber schon wieder verlassen können, sagte Kurth. Er habe feststellen müssen, "dass das Kind nicht die Fürsorge und Pflege und Liebe seiner Eltern bekommen hat", die es gebraucht hätte. Es befinde sich seit dem 20. Dezember in sicherer Obhut. Kurth zufolge waren die Eltern überfordert und hatten keines der Hilfsangebote aus dem Jugendamt angenommen.

Jugendamt versuchte zwei Jahre vergeblich zu helfen

Die Familie war den Behörden schon länger bekannt. Bereits seit Mitte 2017 hatte das Jugendamt den Angaben zufolge vergeblich versucht, der Familie zu helfen. Erst durch eine beim Amtsgericht Eberswalde erwirkte Familienhilfe konnten die Behörden im November 2019 "Einblicke in die Familienstruktur" erhalten, wie es vom Landratsamt hieß.

Das fünfjährige Mädchen hätte Anzeichen von Unterernährung sowie Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten aufgewiesen. Es sei in ein Krankenhaus gebracht worden, die beiden Geschwister seien zeitgleich ebenfalls in sichere Obhut gegeben worden. Bei ihnen gebe es keine Hinweise auf eine derartige Vernachlässigung wie bei dem fünfjährigen Mädchen, hieß es weiter. Zu den Eltern und den Lebensumständen der Familie machte der Landkreis keine Angaben.

Vorgehen des Jugendamts "selbstkritisch hinterfragen"

Eine Inobhutnahme sei das letzte Mittel der Jugendhilfe, betonten Landrat Kurth und Barnims Sozialdezernentin Yvonne Dankert. "Wir haben in diesem Fall gesehen, dass dieses milde Mittel nicht ausgereicht hat. Das müssen wir selbstkritisch hinterfragen", so Kurth über die vorherigen Hilfsangebote.

Die Dezernentin verteidigte das Vorgehen, bei dem Polizei und Staatsanwaltschaft nicht informiert wurden. "Wir haben den Auftrag, Hilfen anzubieten", unterstrich sie. "Wir haben als Grundsatz nie eine Anzeigepflicht."

Der Landrat beschrieb die Aufgabe des Jugendamts als schmale Gratwanderung: zu schauen, wo noch Hilfe angeboten werden könne und ab wann Staatsanwaltschaft oder Polizei gerufen werden müssten. Diese Abwägung sei im Nachhinein immer einfacher als am Beginn eines solchen Prozesses. Zugleich bemerkte Kurth, an manchen Stellen sei "zu nachsichtig gehandelt worden".

Das brandenburgische Jugendministerium erklärte, nur wenn sich herausstellen sollte, dass das Jugendamt seinen Pflichten nicht ausreichend nachgekommen sei, müsse über ein mögliches rechtsaufsichtliches Verfahren entschieden werden.

Staatsanwaltschaft hat Ermittlungsverfahren eingeleitet

Auch die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) hat sich eingeschaltet und prüft den Fall. "Wir haben aufgrund der Presseberichterstattung ein Ermittlungsverfahren eingeleitet", sagte Staatsanwalt Ingo Kechichian am Montag. Es werde wegen des Vorwurfs der Misshandlung von Schutzbefohlenen ermittelt.

Der Pressesprecher der Polizeidirektion Ost in Frankfurt (Oder), Roland Kamenz, teilte Antenne Brandenburg mit: "Im Rahmen der Ermittlungen soll geprüft werden, ob eine Verletzung der Fürsorge und Erziehungspflicht, oder eine Misshandlung Schutzbefohlender möglicherweise vorliegt und begründet werden kann."

Vorwürfe gegen den Kreis

Die Polizei leitete nach eigenen Angaben von Amts wegen ein Ermittlungsverfahren wegen der Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht ein. Zum Schutz des Kindes und mit Hinweis auf die Ermittlungen gab sie zunächst keine weiteren Auskünfte.

In der Kreisverwaltung Barnim wurde am Montagnachmittag über den Fall beraten. "Bei uns sitzen die Verantwortlichen zusammen", sagte Kreissprecher Oliver Köhler. Das Brandenburger Jugendministerium forderte den Kreis zu einer Stellungnahme auf. Bei solch einer Straftat hätten Staatsanwaltschaft und Polizei informiert werden müssen, sagte Ministeriumssprecherin Antje Grabley.

Bürgermeister Boginski ist über die Nachrichten besorgt

Nach dem traditionellen Neujahrsempfang am Montag in Eberswalde zeigte sich Bürgermeister Friedhelm Boginski (FDP) im Gespräch mit dem rbb über den Fall erschüttert. "Man kann sich persönlich nicht vorstellen, dass so eine Vernachlässigung in einer Familie stattfindet", sagte er.

Wenn mehr zum Geschehen bekannt werde, wolle er offensiv handeln. Die Gesellschaft sei dafür da, jedem ein Leben zu ermöglichen. "Da sollten wir noch mehr tun", sagte Boginski. "Jetzt sollten wir aber abwarten, wie aktuell der wahre Zusammenhang ist".

In Brandenburg wurden 1.947 Kinder im Jahr 2018 in Obhut genommen - davon 85 Prozent wegen einer Gefährdung.

Sendung: Antenne Brandenburg, 13.01.2020, 14:30 Uhr

Kommentar

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Antwort auf [versteha] vom 14.01.2020 um 20:41
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15 Kommentare

  1. 15.

    Dass Sie beim Deuten vorsichtiger sein sollten, zeigt ihre #9, die vor Falschbehauptungen strotzt. In Ihrer #13 haben Sie mich nun aber teils richtig wiedergegeben, danke: Tatsächlich hat das Jugendamt nach meinem vagen Eindruck nicht grundsätzlich falsch gehandelt. Wie mehrfach gesagt, muss man eine Inobhutnahme extrem gut abwägen und daher ist das immer eine Gratwanderung. Das Leben ist nicht nur schwarz und weiss, wie Sie sich das eventuell vorstellen: Es gibt viele Zwischentöne; im Negativen, aber auch im Positiven.

  2. 14.

    Also irgendwie werden hier die falschen beschuldigt, die Täter sind immer noch die Eltern und nicht das Jugendamt !

  3. 13.

    Frank, sie klingen fast so, als ob sie das Handeln der Behörden und Ämter für richtig halten. Anders kann man Ihren Kommentar nicht deuten.

  4. 12.

    Reimann, lesen oder hören Sie doch einfach den Bericht: Die Mitarbeiter des Jugendamts haben sich das Kind ganz offenkundig angesehen, haben den Eltern Hilfe angeboten. Mal zeigten sich die Eltern gespraechsbereit, mal blockten sie. Da die Inobhutnahme - auch und gerade aus Sicht des Kindes - das letzte Mittel ist, haben sie das Kind nicht gleich aus der Familie genommen. - Hinterher ist man immer schlauer. Wenn Sie schon vorher schlauer sind, dann arbeiten Sie doch einfach ehrenamtlich in der Jugendhilfe mit. Aber bitte machen Sie dann keinerlei (!!) Fehler zum Nachteil des Kindswohls.

  5. 11.

    Frank.
    Das anschließende Eingestehen eine Fehler gemacht zu haben nützt dem Kind auch nichts.
    Es ist mir unbegreiflich, warm es so lange gedauert hat bis das Jugendamt eingeschritten ist.
    Sehen die Sachbearbeiter sich die Kinder nie an?

  6. 10.

    "Besorgter", leider gar nicht phänomenal, wie Sie hier offensichtliche Unwahrheiten verbreiten: Landrat Kurth räumt ein, dass das Jugendamt zu lange gezögert hat, weil sich die Eltern zwischenzeitlich immer wieder gesprächsbereit zeigten. Er kündigt an, daraus zu lernen. Und nun behaupten Sie hier, man würde "alle Schuld von sich weisen"? - Weiterhin finden Sie die Aussage "unpassend", dass die Familie keine Hilfe wollte. Haben Sie jemals versucht, mit einer solchen Familie in Kontakt zu kommen? Wissen Sie, auf welche Mauern der Ablehnung Sie da mitunter stossen? Wohl kaum. - Und dann behaupten Sie noch, das Jugendamt wolle von einer Überforderung der Eltern nichts bemerkt haben, obwohl alle Aussagen von Hrn Kurth das genaue Gegenteil besagen? - Nichts gegen berechtigte Kritik. Aber wenigstens ein kleines bisschen sollte die dann doch mit der Realität zu tun haben.

  7. 9.

    Ich finde es schon phenomenal das sich nun alle Verantwortlichen, Ämter und Behörden Winden wie die Würmer und alle Schuld von sich weisen. Die Aussage, dass die Familie keine Hilfe und Unterstützung wollte find ich völlig unpassend. Bei solchen Familien handelt es sich doch nicht um Menschen die jeden Tag ihren Weg zur Arbeit finden. Fast immer sind sie sozial auffällig. Nachbarn bemerken auch das dort einiges nicht stimmt. Nur das oder die Ämter wollen von einer Überforderung der Eltern nichts bemerkt oder gewusst haben. Für mich steht fest, das Jugendamt hat hier insgesamt versagt.

  8. 8.

    afrikanisches Sprichwort: „Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf." Wo war das Dorf???? Wenn das Amt schon die Augen zu hält wie diese drei Äffchen, wo waren da die Nachbarn, die Schulen der Älteren, Verwandte? War da keiner, kein einziger Mensch, der sowas bemerkt?

  9. 7.

    Zwar kenne ich die Situation in Eberswalde nicht - aber einige Kommentatoren machen es sich verdammt einfach: Klar ist es manchmal besser, ein Kind aus einer Familie rauszunehmen. Dennoch ist das immer sehr traumatisch für das Kind, und daher sollte es eben das letzte Mittel sein. Untätig war das Jugendamt zuvor ja durchaus nicht, sondern hat Hilfen angeboten. Leider haben die Eltern sie nicht angenommen. Pauschale Vorwürfe gegen Jugendamt und Verwaltung sind also mindestens voreilig: Die Mitarbeiter müssen permanent haarscharf abwägen, was im jeweiligen Einzelfall für das Kindeswohl als bessere Alternative scheint - und wissen dennoch, dass sie bei jeder (!) Entscheidung massiv kritisiert werden. - Hauptproblem bleiben in solchen Fällen die Eltern. Vernünftige Menschen fordern daher seit Jahrzehnten den verbindlichen Elternführerschein. Leider scheitert er immer wieder an falsch verstandener Liberalität oder der überheblichen Idee, Erziehung sei stets problemlos, wenn man nur wolle.

  10. 6.

    In Eberswalde kommt anscheind so Einiges zusammen. In der Vergangenheit gab es schon in mehreren Fällen häuslicher Gewalt bis hin zum Tod von Kindern in der Waldstadt. Komische Bevölkerungsschicht, schlecht ausgebildete und übervorderte Behörden in Verbindung mit einer Stadtführung die eher auf Brot und Spiele setzt anstatt auf eine sozialverträgliche und nachhaltige Stadtentwicklung. Und der Mix führt einfach regelmässig zu einer Katastrophe!!!

  11. 5.

    Dieser Beitrag ist sehr verwirrend. Was ist denn da eigentlich los? Ist mir nicht klar geworden. Ein Kind hungert über zwei Jahre und niemand außerhalb der elterlichen Wohnung bemerkt das? Ist das richtig? Was bedeutet eigentlich dieser Jargon, "die Eltern waren überfordert"?

  12. 4.

    Ja, vor allem Aufstockung der Jugendämter mit gebildeteren Mitarbeitern. Die Leute, die ich in Jugendämtern kennengelernt habe, waren so primitiv, daß ich sie niemals in meinen Freundeskreis aufnehmen würde. Undenkbar.

  13. 3.

    Neben der Kontrolle der Eltern sollte erst einmal eine Kontrolle der Jugendämter gemacht werden.

    Ja, unsere Kinder bedürfen DES SchutzES unserer Gesellschaft und nicht verwahrloste Eltern und aus Zeitmangel untätige Jugendämter.

  14. 2.

    FDP-Horizont: Man kann sich das nicht persönlich vorstellen. - Danke der Polizei!

  15. 1.

    Ich bin erschüttert, was in Deutschland heute möglich ist.

    Hoffentlich findet mal eine gründliche Untersuchung der Ursachen statt und ein Umdenken in der kommunalen Sparpolitik.

    Aufstockung der Jugendämter und unangemeldete Kontrollen wären hier wohl angezeigt.

    Kinder sind die unschuldigsten Wesen in der Gesellschaft und bedürfen den Schutz aller Menschen.

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