Erinnerung an die Proteste der Stahlarbeiter während der Wende in Eisenhüttenstadt.
Bild: rbb / Michel Nowak

30 Jahre Treuhand - Hoffen und Bangen unter den Stahlkumpeln in Eisenhüttenstadt

Hat sie die DDR-Wirtschaft eiskalt liquidiert oder gerettet, was zu retten war? Die Treuhand-Anstalt sorgt bis heute für Diskussion. Jetzt jährt sich ihre Gründung zum 30. Mal. Auch in Eisenhüttenstadt hat sie Spuren hinterlassen.

Am 16. Juli 1990 konstituierte sich die Treuhandanstalt im damaligen Ostberlin. Vor ihr lag eine Mammutaufgabe: Das Konsortium aus Managern, Politikern und Juristen sollte rund 8.500 "volkseigene Betriebe", bei denen mehr als vier Millionen DDR-Bürger arbeiteten, von der DDR-Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft überführen. "Schnelle Privatisierung, entschlossene Sanierung oder behutsame Stilllegung" gibt Treuhand-Chef Detlev Carsten Rohwedder als Kurs vor.

"All das fiel weg. Das war extrem bedrückend."

Einer der Betriebe war das Stahlwerk in Eisenhüttenstadt, das 1951 samt der umgebenden sozialistischen Planstadt als Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) gebaut worden war. Die 12.000 Angestellten schwankten zur Wendezeit zwischen Hoffen und Bangen. Dabei ging es nicht nur um den monatlichen Lohn. "Ein DDR-Unternehmen war auch ein sozialpolitischer Mikrokosmos. In Eisenhüttenstadt hatten wir etwa eine Betriebssportgemeinschaft mit mehr als 4.000 Mitgliedern. All das fiel weg. Das war extrem bedrückend", erinnert sich der damalige Direktor des Werkes Karl Döring.

Renato Thielecke, Betriebsrat bei Arcelormittal, im Stahlwerk in Eisenhüttenstadt.
Renato Thielecke, Betriebsrat im Stahlwerk in Eisenhüttenstadt.Bild: rbb / Michel Nowak

Verkauf nur mit Zugabe

Aber die Treuhand tat sich schwer mit dem Verkauf der Stahlproduktion an der Oder. In "Hütte" fehlte ein Warmwalzwerk, der Investitionsbedarf war hoch und der Stahlmarkt gesättigt. Viele westdeutsche Stahlhersteller winkten ab. "Riesige Zukunftssorgen" plagten laut Döring die Angestellten. Tatsächlich demonstrierten die Stahlkumpel auf der Autobahn A12 und besetzten Treuhandgebäude. "Das war teilweise Anarchie pur", erzählt Renato Thielecke, der schon 1984 als 16-Jähriger beim EKO-Stahl in Eisenhüttenstadt angefangen hatte, "Wir mussten das aber auch machen. Wir standen auf einer Liste der Treuhand mit nicht sanierungsfähigen Betrieben." Auch Kombinatsdirektor Döring, der von Juli bis November im Verwaltungsrat der Treuhand saß, setzte sich für den Erhalt ein – mit Erfolg: Die Bundesregierung machte den Verkauf zur Chefsache und preiste die Stahlfabrik zusammen 1,2 Mark in Subventionen an.

Rettung in letzter Sekunde

Und dann bewegte sich doch noch was: 1994 kaufte der belgische Stahlproduzent Cockerill-Sambre den Stahlstandort in Eisenhüttenstadt. Mehr als die Hälfte der Angestellten verlor ihren Job, aber das Werk überlebte. Aber viele andere Betriebe kann die Treuhand nicht retten. Bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1994 musste jeder vierte ehemalige DDR-Betrieb seine Pforten schließen. Hunderttausende hatten ihre Arbeit verloren.

Erst kam das Eisen, dann die Stadt

"Die Aufgabe war nicht beherrschbar"

Die Arbeit der Treuhand wird bis heute kontrovers diskutiert. Während viele Ökonomen, die Schrumpfung der ostdeutschen Wirtschaft nach der Wende für unvermeidlich halten, ist Karl Döring anderer Meinung: "Die Treuhand hat 800 Milliarden Mark in den Sand gesetzt, 200 Milliarden Euro Schulden am Ende gehabt und eine Deindustrialisierung Ostdeutschlands übrig gelassen", sagt der heute 83-Jährige, "Da gibt es keinen Grund irgendetwas besonders gut zu finden." Aber der Ingenieur und Ökonom sagt auch: "Die Aufgabe, eine gesamte Volkswirtschaft in ein anderes Wirtschaftssystem zu übertragen, war nicht beherrschbar. Insofern ist klar, dass viele Dinge abliefen, die man nicht gutheißen kann."

Globale Konkurrenz

Heute ist Döring Ehrenmitglied seiner Moskauer Alma Mater und sitzt im Aufsichtsrat eines russischen Stahlproduzenten. Auch in Eisenhüttenstadt ist die Zeit nicht stehen geblieben: 1997 wurde das lange vermisste Warmwalzwerk eingeweiht. Seit 2006 betreibt der weltweit größte Stahlproduzent ArcelorMittal das Werk und beschäftigt dort mehr als 2.000 Menschen. Unter ihnen ist auch Renato Thielecke, inzwischen als leitender Betriebsrat. "Es wird immer noch über das geredet, was damals los war", erzählt er. Bis heute sei die Belegschaft hochsensibel. "Die wissen, es lohnt sich zu kämpfen." Im Moment sind allerdings fast alle Stahlkumpel in Eisenhüttenstadt wegen der Corona-Pandemie in Kurzarbeit. Zusätzlich macht günstiger Stahl aus China Arcelormittal zu schaffen. Der Standort in Eisenhüttenstadt gilt aber als gesichert.

Sendung: Antenne Brandenburg, 16.07.2020, 18:10 Uhr.

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1 Kommentar

  1. 1.

    Die grösste Enteignungsaktion in der dt Geschichte!
    Das wahren noch goldene Zeiten, in der ohne einen Schuss abzugeben eine ganze Volkwirtschaft okkupiert und verscherbelt werden konnte.

    Die NVA Panzer schenkt man dann der Türkei, immerhin wollen wir da in Ruhe Urlaub machen!

    Ikma!

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