Somalische Familie in Neuhardenberg.
Audio: Antenne Brandenburg | 12.08.2020 | Autorin: Dilan Polat | Bild: rbb / Brandenburg Aktuell

Fünf Jahre "Wir schaffen das" - Wie eine somalische Familie das Leben in Brandenburg erlebt

Viele Flüchtlinge wollen lieber in der Stadt als auf dem Land leben. Aber nicht alle: Die somalische Familie Jimale lebt in Neuhardenberg und will dort auch bleiben. Auch wenn die Verbindung zu den Alteingesessenen teilweise fehlt. Von Dilan Polat

Willkommen in Neuhardenberg hieß es für Zainab und Jama Jimale Ende 2013. Das Ehepaar aus Somalia kam zunächst in die dortige Gemeinschaftsunterkunft. Mittlerweile haben sie eine eigene Wohnung und wollen aus Neuhardenberg nicht weg. Somit bilden sie eine Ausnahme unter den Geflüchteten, denn laut einer Datenerhebung von rbb|24 gibt es unter ihnen teilweise eine Landflucht. Für Zainab und Jama Jimale war von Anfang an klar, dass sie in einer ruhigen Gegend leben wollen. "Das ist das Gute an Deutschland: Frieden. In Somalia ist so viel Krieg und so viele Probleme. Das Wichtigste für uns war es, in Frieden und ohne Angst zu leben", sagt Jama Jimale.

Grundsäulen der Integration: Sprache und Arbeit

In Deutschland haben Jama und Zainab Jimale einen Deutschkurs besucht. Er hat seinen Führerschein gemacht und arbeitet bei der Post in Strausberg. Zainab Jimale hatte schon mehrere Mini-Jobs. Sie hat bei der Tomatenernte geholfen, bei der Post und als Reinigungskraft gearbeitet. Umziehen kommt für sie auch erst mal nicht in Frage: "Im Dorf ein Kind großzuziehen ist einfacher als in der Stadt. Das Kind kann selbst zur Schule laufen. Dort nehmen sie sich mehr Zeit für jedes einzelne Kind als in städtischen Schulen, es lernt besser Deutsch, und auch ich habe hier mehr Ruhe und Zeit." Das Einzige, was die Familie in Neuhardenberg vermisst, sind bessere Einkaufsmöglichkeiten. Einmal im Monat fahren sie nach Berlin, um auf dem arabischen Markt Lebensmittel und Halal-Fleisch zu kaufen.

Die Verbindung zu Alteingesessenen fehlt

Regelmäßig kommt Horst Nachtsheim vom Neuhardenberger Willkommenskreis zu Besuch zu Familie Jimale. Er hat ab 2014 Deutschkurse für Geflüchtete gegeben und sie unterstützt, wenn sie zum Arzt oder zum Amt mussten. Mittlerweile muss er nur bedingt Integrationsarbeit leisten, denn viele damalige Flüchtlinge helfen sich mittlerweile gegenseitig. Vor allem unter den somalischen Geflüchteten gibt es einen großen Zusammenhalt. Doch was Horst Nachtsheim betrübt: Die fehlenden Verbindungen zwischen Geflüchteten und Alteingesessenen: "Wir haben immer versucht über Feste oder Ausflüge, zu der wir die Bevölkerung eingeladen haben, Kontakte herzustellen. Und das ist schwierig. Leider ist die somalische Community sehr isoliert. Das braucht seine Zeit", so Horst Nachtsheim. Er kann sich noch an die Gastarbeiter erinnern, die in den 60er Jahren am Stuttgarter Bahnhof angekommen sind: "Bis der Antonio den Klaus als seinen Freund bezeichnet und umgekehrt – das hat 20, 30 Jahre gedauert."

Engagement im Dorf

Jama Jimale will solange nicht warten. Wenn Geflüchtete neu ankommen, gibt er ihnen Tipps und sagt ihnen, dass sie als allererstes Deutsch lernen müssen. "Viele merken am Anfang gar nicht, wie wichtig die Sprache ist", so Jama Jimale. An den Wochenenden organisiert er Fußballspiele, bei denen Geflüchtete aus verschiedenen Orten anreisen. "So können wir in Kontakt bleiben und über unsere Probleme sprechen. Das ist ganz wichtig", sagt Jama Jimale.

Entscheidung gegen Berlin

Auch Suhyb Mohamed hat mal in Neuhardenberg gelebt. Dann ist er vor zwei Jahren nach Strausberg gezogen. Eigentlich wollte er nach Berlin ziehen: "Aber ich habe zwei Jahre lang eine Wohnung gesucht und nichts bekommen. Berlin ist auch zu teuer und Strausberg ist eine schöne Stadt. Und hier leben schöne Menschen, keine Rassisten. Ich habe viele Freunde: Deutsche, Afghanen, Iraker“, so Suhyb Mohamed. Kontakte sind auch für Familie Jimale wichtig. In Neuhardenberg kennen sie einen deutschen Nachbarn und hoffen darauf, dass es mit der Zeit mehr werden.

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3 Kommentare

  1. 3.

    Grundsäulen der Integration: Sprache und Arbeit
    Und natürlich Kultur und Essen!
    In Brandenburg gibt es hervorragende Wurst und Fleischerzeugnisse, die sollte die Familie unbedingt ausprobieren. Sie sollen sich auch kulinarisch wohl fühlen. Nur so schaffen wir es.

  2. 2.

    Solche in erster Linie positiven Berichte sind so wichtig. Nicht nur, weil ein angemessener Umgang mit Flucht und Asyl möglich ist, sondern weil erin großen Teilen tagtäglich funktionierend gelebt wird.

  3. 1.

    Ich hoffe inständig, dass diese Familie und alle anderen Schutzbedürftigen in Frieden und frei von Angst und Verfolgung in Berlin-Brandenburg leben können und ihren Weg als neue Mitbürger beschreiten werden. Viel Erfolg dabei!

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